Regisseur Zahavi über israelische Politik: "Ich glaube an die Kraft des Humors"

Der israelische Filmemacher Dror Zahavi zeigt in seinem Kinodebüt "Alles für meinen Vater" einen palästinensischen Selbstmordattentäter, der zwei Tage im Land des Feindes verbringt - und sich verliebt.

Tarek (Shredy Jabarin) kann sich nicht in die Luft sprengen, weil der Zünder streikt. Bild: dpa

taz: Herr Zahavi, in "Alles für meinen Vater" entdeckt Ihr Held, der junge Palästinenser Tarek, das Leben erst in dem Moment, als er einen Sprengsatz am eigenen Körper zünden will. Der Zünder funktioniert nicht. Tarek hat jetzt zwei Tage mehr als geplant.

Dror Zahavi: Ich habe mir das bereits vor dem Drehen immer so vorgestellt: Da steht einer vor seinem eigenen Erschießungskommando. Die Waffen sind schon auf ihn gerichtet. Vor dem letzten Befehl "Feuer!" kommt jemand und stoppt alles. Dieser seelische Zustand, genau in dem Augenblick, in dem man schon mit allem abgeschlossen hat, noch Zeit geschenkt zu bekommen, öffnet einen für Dinge, vor denen man sich zuvor abgeschottet hat.

Sie meinen so etwas wie einen transzendenten Augenblick?

Ja, mit Sicherheit. Der Umstand, dass Tarek nun zwei Tage unter Menschen bleibt, die er noch vor einer halben Stunde mit sich in die Luft sprengen wollte, das ist sehr, sehr beladen mit Emotionen. Er fühlt sich gehetzt, verfolgt. Interessanterweise wie alle übrigen Figuren auch. Er wird von seinem Umfeld genauso ausgestoßen wie die Jüdin Karen von ihrer Familie. Wir erleben Charaktere, die zwar auf der jeweils gegnerischen Seiten stehen, einander aber immer ähnlicher werden.

Trotz dieser emotionalen Symmetrie haben Sie sich entschieden, die Handlung vor allem auf der jüdischen Seite stattfinden zulassen. Die Palästinenser um und hinter Tarek bleiben schemenhaft.

Das ist wahr. Ich maße mir nicht an, die palästinensische Seite, die Kultur, im gleichen Umfang zu zeigen wie meine eigene, weil ich die einfach nicht genauso gut kenne. Es war auch nie meine Absicht, einen detaillierten Film über die Palästinenser zu machen. Es war von Anfang an ein israelischer Film, der für die israelische Gesellschaft konzipiert war und von ihr erzählt.

Hätten Sie den Film angesichts der Offensive im Gazastreifen genauso gedreht?

Eigentlich war das Ganze als unpolitische Liebesgeschichte, als ein Appell an die Menschlichkeit gedacht. Die politischen Ereignisse haben uns überholt, und "Alles für meinen Vater" erhält eine politische Brisanz, die er ursprünglich gar nicht hatte. Gerade, weil der Film nicht politisch angelegt ist, wird er allgemeingültig. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja. Ich hätte es heute genauso gedreht.

Die Dreharbeiten fanden 2007 statt.

Wir hatten ein Riesenglück, dass wir überhaupt unsere Kamera auspacken durften. Die Atmosphäre in Israel auf der Straße ist jetzt so hochgekocht. Da ist soviel Hass und Panik. Außerdem würden wir jetzt wohl keine Gelder der israelischen Filmförderung mehr bekommen. Und die israelischen Zuschauer sind heute auch nicht mehr bereit, einen Film über einen Selbstmordattentäter zu sehen, der auch noch ein Sympathieträger ist.

Tarek, der potenzielle Attentäter, wird unfreiwillig zum Lebensretter, als er in die Selbstmordvorbereitung der Frau des Elektrohändlers Katz hineinplatzt. Ausgerechnet der jüdische Tüftler soll den Zündschalter der Bombe reparieren. Es gibt viele solcher aberwitzigen Verwicklungen in Ihrem Film. Ist die Groteske die einzig mögliche Umgangsform mit dem alltäglichen Terror?

Ich glaube an die objektivierende Kraft der humoristischen Behandlung. Andere, die diese Konflikte von außen betrachten, würden sich das gar nicht trauen. Ich möchte da ganz klar unterscheiden: Ich weiß nicht, ob ein Palästinenser es sich hätte leisten können, komische Momente einzubauen. Vielleicht ist das Thema für ihn zu schmerzvoll. In Israel leben wir schon seit 40 Jahren am Rande des Abgrunds, da entwickelt sich leicht ein Galgenhumor.

Tareks Sprengsatz kann auch ferngezündet werden. Das bringt natürlich eine unmissverständliche Symbolik in den Film. Wenn die Staatsmächte oder religiösen Führer sich anders verhielten, wären die gegnerischen Lager durchaus in der Lage, aufeinander zuzugehen. Ist das nicht naiv?

Das ist meine tiefste Überzeugung. Es ist die Politik, die den Konflikt verkompliziert. Es ist die Politik, die gewisse Mythen auf beiden Seiten instrumentalisiert, um einen Keil zwischen die Völker zu treiben.

Tarek verlebt seine glücklichste Zeit als Profikicker im Westjordanland. Schaffen Filmemachen und Fußballspielen utopische Räume?

Das stimmt. Für einige Leute im Team war das so. Während der Dreharbeiten gab es einen Anschlag. Ein Jude wurde erst angeschossen, dann mit einem Kopfschuss liquidiert. Einfach so, auf offener Straße. Außerdem wurden bei dem Attentat noch zwei weitere Israelis verletzt. Nicht nur der Hauptdarsteller Shredy Jabarin, der in seinen Ansichten sehr liberal und moderat ist, auch andere Palästinenser debattierten mit uns lange darüber. Da knallten verbal schon zwei Fronten aufeinander. Der Unterschied ist, dass man beim Drehen gezwungen ist, miteinander auszukommen.

Sie sind 1959 in Tel Aviv geboren, haben sich in den 80er-Jahren für ein Filmstudium an der "Konrad Wolf"-Hochschule in Potsdam entschieden. Warum?

Das hat einen ganz einfachen Grund: Meine Eltern konnten mir damals ein Studium nicht finanzieren. Deswegen habe ich eine Uni gesucht, die kein Geld kostet. Ich wollte Deutsch lernen. Eine Freundin von mir studierte damals in Westberlin, und als ausländischer Student durfte man ja hin- und herpendeln. Ich litt ja nicht unter den Repressalien wie die anderen. Nach Ende des Studiums 1988 wurde ich wie alle anderen ausländischen Studenten zurück ins Heimatland geschickt.

Sie sind mit Überlebenden des Holocaust groß geworden. Sie kennen den Osten, den Westen Deutschlands, haben sich 1992 in dem TV-Film "Die Besucher" mit der Wiedervereinigung beschäftigt. Wie haben Sie all diese Deutschlands erlebt?

Es war nicht einfach, nach Deutschland zu kommen. Für manche Mitglieder meiner Familie war es das Land des Teufels. Erst seit den letzten zwei, drei Jahren kann ich sagen: Ich fühle mich zu Hause, ich bin angekommen. Das hat einen politischen Hintergrund. In der Demokratie und in der Atmosphäre des heutigen Deutschland fühle ich mich manchmal mehr zu Hause, als ich das in Israel tue. Man hat hier aus seiner historischen Schuld gelernt und Wichtiges verinnerlicht. Das merkt man in Deutschlands Außenpolitik, in seiner Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passieren darf. Das ist nicht plakativ. Auf mich wirkt das authentisch.

Wie haben Sie die DDR der 80er-Jahre empfunden?

Ach, das war mir aus dem Kibbuz, in dem ich aufgewachsen war, alles noch ganz vertraut. Eine Mangelgesellschaft, die eine Gleichberechtigung auf niedrigstem Niveau ermöglicht hat. Das korrespondierte sehr mit meiner Kindheit in den Sechzigerjahren in der Arbeiterbewegung Israels.

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