Raumnot: Studieren im Hotel

Für 3.000 Euro am Tag hat die Uni einen Saal im Atlantic-Hotel gemietet, weil die eigenen Räume ausgebucht sind.

Hörsäle werden überschätzt: Im Frühjahr 2007 wurden Vorlesungen unter freiem Himmel gehalten. Bild: bes

Wer heute um zehn die Methoden-Vorlesung bei Soziologie-Professor Uwe Engel besucht, könnte theoretisch mit dem Auto bis zum Rednerpult vorfahren. Denn der Veranstaltungsraum befindet sich nicht in der Universität, sondern im benachbarten Atlantic-Hotel. 3.000 Euro pro Tag kostet die Universität die Miete des Saals 1 – „mit außergewöhnlichem Blick“, Glasfaserverkabelung und Zufahrtsmöglichkeit per PKW, wie die Hotelkette auf ihrer Homepage wirbt.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die Uni laut ihrem Sprecher Eberhard Scholz einen Raum für Seminare angemietet. Der Grund: Die Uni selbst ist ausgebucht. Kein neues Problem, sagt Scholz: „Damit schlagen wir uns seit zehn Jahren herum.“ Den größten Mangel gebe es bei Vorlesungen mit mehreren hundert TeilnehmerInnen: Für die von Uwe Engel beispielsweise haben sich in diesem Semester – das vergangene Woche begonnen hat – 480 Studierende eingeschrieben, 18 Prozent mehr als 2012. Der Saal im Atlantic-Hotel fasst 280 Personen. An einigen Terminen werde er die Vorlesung nur im Internet halten, als Videostream, sagte Engel der taz.

Ursprünglich hatte das Veranstaltungsbüro der Uni noch zwei weitere Vorlesungen in das Hotel ausgelagert. Für beide sollen aber laut Pressesprecher Scholz ab dieser Woche kostenlose Räume in der Universität gefunden worden seien. Auch für die Methoden-Vorlesung werde noch ein Raum gesucht, so Scholz. „Wir haben nicht vor, den Saal für das ganze Semester zu mieten.“

Doch das Angebot an derart großen Hörsälen ist begrenzt. „Wir bräuchten dafür eigentlich ein neues Gebäude“, sagt er. Einfacher sei es, für die kleineren Veranstaltungen etwas zu finden. Da könne getauscht werden oder es finde sich noch ein Raum, den das Computersystem ursprünglich als belegt gemeldet hat. Und grundsätzlich sei das Problem in diesem Semester weniger drückend als im Herbst, als zum Semesterbeginn noch 50 Räume fehlten.

Dennoch fanden auch in der vergangenen Woche Seminare im Flur statt, wie Christopher Kewitz vom Allgemeinen Studierenden Ausschuss erzählt. „Wir saßen mit 20 bis 30 Leuten im Flur auf dem Boden“, sagt Kewitz. „Das war schon nervig, weil man öfter gestört wird.“ Für die zweite Woche habe der Dozent für Englisch-Didaktik dann doch einen Raum aufgetrieben. „Man findet wohl immer noch irgend etwas“, sagt Kewitz, fordert aber dennoch eine grundsätzliche Lösung des Problems. „Nicht nur einen weiteren Hörsaal, sondern ein Seminar-Gebäude.“

Das, so Pressesprecher Scholz, wünsche sich auch die Uni-Leitung. Doch noch warte die darauf, dass der Senat sich zu dem Sanierungsbedarf der bestehenden Gebäude äußert. „Wir rechnen damit, dass das 200 Millionen Euro kostet“, sagt Scholz. In einigen der Gebäude sei sogar sichtbar, dass sie eine Generalüberholung brauchen: Im Geo I tropfe es aus der Decke. Andere wie das NW II würden extrem hohe Energiekosten verursachen.

Mit der Raumnot steht die Uni in Bremen nicht alleine da: Vor drei Wochen hatten Studierende an der Hochschule für Künste mit einer Raumbesetzung darauf aufmerksam gemacht, dass Atelierplätze fehlen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben