Prozess gegen Kindermörder

Großes Interesse

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Elias und Mohamed wird die Anklage erst nach Stunden verlesen.

Die Anwälte der Mutter des getöteten Mohamed, Khubaib-Ali Mohammed und Andreas Schulz. Foto: DPA

Auf dem Weg zum Landgericht Potsdam hört man schon von weitem die Generatoren brummen. Sie produzieren den Strom für die zahlreich angerückten Filmteams. Groß ist das Interesse an dem Prozess gegen den 33jährigen Silvio S., den mutmaßlichen Mörder von Elias S. und Mohamed J. Ebenso groß fällt das Aufgebot an Sicherheitskräften aus, denn im Vorfeld sind Drohungen gegen den Angeklagten publik geworden.

Der Prozess läuft schleppend, etwa wenn gleich zu Beginn darüber entschieden werden muss, ob der von der Verteidigung eingebrachte Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit ohne Öffentlichkeit beraten werden soll. Schließlich wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit beschlossen, dass das Interesse an einem öffentlichen Prozess das Interesse des Angeklagten auf den Schutz seiner Privatsphäre überwiegt.

Ok­to­ber 2015: Aus der war­ten­den Men­schen­men­ge vor dem La­ge­so verschwand der 4-jäh­ri­ge Mo­ha­med. Vi­deo­auf­nah­men zeig­ten spä­ter: Der Sohn einer Flücht­lings­fa­mi­lie war ent­führt wor­den. Die Auf­nah­men führ­ten zum Täter, den seine Mut­ter wie­der­er­kann­te und mel­de­te. In seinem Auto wurde die Lei­che des vergewaltigten und erwürgten Jun­gen ge­fun­den wurde. S. ge­stand auch den Mord an dem 6-jäh­ri­gen Elias, der im Juli 2015 in Pots­da­m ent­führt wor­den war.

Vor der Auf­klä­rung der Kin­der­mor­de hatte es nach Mo­ha­meds Ver­schwin­den ganz an­de­re Ge­rüch­te ge­ge­ben. Viel­leicht habe die Fa­mi­lie den Jun­gen ver­steckt, um ihre Chan­cen auf ein Blei­be­recht zu er­hö­hen, war auch der Verdacht der Po­li­zei. Vi­deo­auf­nah­men wur­den des­halb zu spät aus­ge­wer­tet, Such­pla­ka­te erst nach Tagen aus­ge­hängt. Mo­ha­meds Mut­ter hatte den Jun­gen aus den Augen ver­lo­ren, als sie stun­den­lang vor dem La­ge­so auf ihren Ter­min war­ten muss­te. (akw)

Es ist zehn vor zwölf Uhr, als der Staatsanwalt endlich mit dem Vortrag seiner Anklage beginnen kann: Am 8. Juli 2015 soll Silvio S. den sechsjährigen Elias vom Spielplatz vor dessen Wohnhaus in Potsdam-Schlaatz auf den Rücksitz seines Autos gelockt, dort geknebelt und betäubt haben. Weil Elias weinte und schrie, strangulierte er ihn zu Tode. Seine Leiche vergrub er in einem Kleingarten. Sein nächstes Opfer fand Silvio S. am 1. Oktober 2015 um 14.40 Uhr im Lageso. Mohamed lockte er mit einem Kuscheltier in sein Auto und transportierte ihn zu seinem Elternhaus in Niedergörsdorf. Am nächsten Morgen filmte er den versuchten sexuellen Missbrauch des mit Schlafmitteln sedierten Kindes, das sich wehrte und schrie. Aus Angst vor seinem Vater, so die Anklage, beschloss Silvio S., ein weiteres Mal zu töten.

Routiniert zählte der Staatsanwalt die Fakten auf, während ihm der Angeklagte aufmerksam zuhört. Mit „Mh, mh“ lehnt Silvio S. das Angebot des Gerichts ab, eine eigene Version des Geschehens vorzutragen. Das vorläufige psychiatrische Gutachten bescheinigte ihm keine verminderte oder gar aufgehobene Schuldfähigkeit, so der Richter.

Während der Haft hat der Angeklagte viel an Gewicht verloren, seine kurzen welligen Haare wirken grau. Die Diskrepanz zwischen der Gewalt, die er an den Kindern verübt haben soll und dem freundlich-offenen Blick, mit dem er seine Umgebung mustert, könnte nicht größer sein. Er schaut zu Elias Mutter, die auf eine Krücke gestützt den Gerichtssaal betritt, und wirkt nahezu betroffen.

Ein kleiner, zarter Blonder sei Elias gewesen, einer, der sich phantasievoll selbst zu beschäftigen wusste, erzählt die 26-jährige Zeugin mit leiser, gefasster Stimme. Wie jedes Kind wusste auch Elias, dass er nicht mit Fremden mitgehen soll. Um halb sechs fragte ihn seine Mutter, ob er noch draußen spielen wolle: „Er sagte begeistert ‚Ja!‘ und zog seine Schuhe an.“ Vom Fenster ihrer Erdgeschosswohnung aus habe sie ihn immer wieder beobachtet, bis sie ihn kurz vor sieben Uhr nirgendwo mehr finden konnte.

Gemeinsam mit Freunden suchte sie das Gebiet um ihren Wohnblock ab, um 19.11 Uhr alarmierte sie die Polizei: „Mein Sohn ist verschwunden.“

Im Gerichtssaal ist es jetzt still geworden. Jeder ahnt, was diese Frau in den letzten Monaten durchgemacht haben muss.

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