Pro und Kontra: Brauchen wir türkische Schulen?

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan will eigene Schulen für Türken in Deutschland. Ein kluger Vorschlag, meinen die einen. Keine gute Idee, sagen die anderen.

Fordert türkische Schulen: Der türkische Premierminister und Tayyip Erdogan and seine Frau Emine zu Besuch in Köln. Bild: rtr

Ja

Der Vorschlag des türkischen Ministerpräsidenten, in Deutschland türkische Gymnasien und Hochschulen einzurichten, ist integrationspolitisch weitsichtig, bildungspolitisch sinnvoll und schon aus Gerechtigkeitsgründen nicht abzulehnen.

Kulturelle Rückständigkeit ist das Attribut, das türkischen Deutschen hierzulande wohl am häufigsten angeheftet wird. Kulturell rückständig und auf diffuse Weise nicht zu Europa gehörig ist in den Augen vieler deutscher Altbürger auch die Türkei. Die Äußerungen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan vom Freitag waren allerdings alles andere als rückständig. Mit seinem Vorschlag, in Deutschland türkische Schulen und Universitäten einzurichten, und seiner Mahnung, kulturelle und sprachliche Vielfalt als gesellschaftlichen Reichtum anzuerkennen, ist er fortschrittlicher und weitsichtiger als große Teile des politischen Establishments in Deutschland.

Integrations- und bildungspolitisch gibt es mindestens drei gute Gründe für seinen Vorschlag:

ULRICH RAISER (37) Soziologe, hat an der London School of Economics studiert und lehrt heute an der Berlin Graduate School for Social Sciences der Humboldt-Universität Berlin. Raiser ist Mitglied im Netzwerk Migration in Europa. Er schrieb "Erfolgreiche Migranten im deutschen Bildungssystem. Es gibt sie doch" (LIT Verlag)

HARTMUT ESSER (64) ist Professor für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Uni Mannheim. Von ihm erschien das Standardwerk "Sprache und Integration. Die sozialen Bedingungen und Folgen des Spracherwerbs von Migranten", Frankfurt am Main und New York 2006.

Zum einen existieren in Deutschland seit Jahrzehnten griechische Lyzeen. Schulen, deren Lehrpläne vom griechischen Staat entwickelt werden, in denen ausschließlich auf Griechisch unterrichtet wird. Viele Kinder der ersten griechischen Arbeitsmigranten haben neben deutschen diese griechischen Schulen besucht. Sicherlich sollte man mit kausalen Schlüssen vorsichtig sein, die schulischen Leistungen griechischer Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind jedoch deutlich besser als die ihrer türkischen Altersgenossen. Teilweise schneiden sie sogar besser ab als deutsche Schüler. Die Möglichkeit, ihre Kinder neben den deutschen auch in griechische Schulen schicken zu können, nimmt den Familien die Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Tradition. Damit wird auch die Akzeptanz der deutschen Schulen gefördert. Der Kontakt auch mit deutschen Schulen und deutschen Lehrern entspannt sich. Warum sollte dies bei türkischen Familien anders sein?

Die frühe Erziehung zur Bilingualität fördert zudem die Sprachkompetenz der Kinder. Sie lernen, sich in unterschiedlichen Sprachuniversen zu bewegen. Ihr Gefühl für den Gebrauch von Sprache wird besser. Kinder, die zwei Sprachen gut beherrschen, können nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell als Übersetzerinnen und Übersetzer fungieren - eine für globalisierte und kulturell vielfältige Gesellschaften zunehmend wichtige Kompetenz. Gerade Angehörige der deutschen Mittelschichten, die ihre Kinder auf deutsch-englische oder deutsch-spanische Schulen senden, sind sich der Vorteile einer bilingualen Erziehung sehr bewusst. Warum sollte türkischen Migranten etwas vorenthalten werden, das für das deutsche Bürgertum zunehmend zur kulturellen Norm wird?

Zum Dritten wäre die Einrichtung türkischer Schulen in Deutschland ein wichtiger Schritt zur kulturellen Anerkennung der Ausdrucksformen und Lebensweisen der hier ansässigen türkischen Gemeinschaft. Allzu oft wurden in den letzten Jahren Türken und deutsche Türken offen oder verdeckt diskriminiert: angefangen bei der Kampagne gegen die doppelte Staatsangehörigkeit im Jahr 1999 bis zu den jüngsten Verschärfungen des Zuwanderungsgesetzes, wodurch nunmehr vor allem türkischen Staatsbürgern der Nachzug ihrer Ehepartnerinnen und -partner erheblich erschwert wird. Diese und viele weitere Beispiele haben das Vertrauen vieler türkischer Deutscher in ihren Staat gestört. Türkische Schulen oder Schulen, an denen auf Türkisch unterrichtet wird, wären ein klares Zeichen der Anerkennung einer sprachlich-kulturellen Tradition, die seit mittlerweile mehr als 40 Jahren fester Bestandteil des öffentlichen Lebens in Deutschland ist.

Recep Tayyip Erdogan hat seine Vorschläge nicht konkretisiert. Daher sind sie für Interpretationen offen. Bei genauem Hinsehen erweisen sie sich als eine zeitgemäße Antwort auf die Herausforderungen globalisierter und sprachlich-kulturell heterogener Gesellschaften.

Deutschland hat mittlerweile akzeptiert, dass es ein Einwanderungsland ist. Die zumeist negativen Reaktionen auf Erdogans Vorschläge zeigen aber: Die Erkenntnis, dass mit der Einwanderung auch gesellschaftlicher Wandel und kultureller Pluralismus einhergeht, muss erst noch wachsen.

Nein

Schule ist für Kinder der Ort mit überragender Bedeutung für den Spracherwerb. Niemand zweifelt daran, dass das Beherrschen der Verkehrssprache der Schlüssel für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Integration der Zuwanderer ist. Daher wäre es falsch, die Einrichtung türkischer Schulen in Deutschland zu forcieren.

Ob man den Vorschlag zur Einrichtung von ethnischen Schulen befürwortet, hängt davon ab, was man damit erreichen will. Alle wollen offenbar die "Integration" - aber über deren nötigen Maßnahmen wird teilweise erbittert gefochten. Dahinter steht ein alter und bis heute nicht beigelegter Streit darüber: Was heißt eigentlich "Integration" - und wie kann man sie am ehesten erreichen? Die eine Position setzt darauf, die ethnischen Gruppen als sozusagen kollektive Einheiten "anzuerkennen". Das heißt dann auch: die besondere Förderung ihrer kulturellen Besonderheiten als ganze Gruppierung. Die andere Position sieht dagegen die Verbesserung der individuellen Chancen als den Kern der Integration an - und bezieht das speziell auf den Arbeitsmarkt.

Überall ist inzwischen anerkannt, dass der Erwerb der Sprache des Aufnahmelandes der Schlüssel für die Integration sei. Und das ist auch ohne Zweifel so, ganz bestimmt auf dem Arbeitsmarkt und dort gerade für die qualifizierten und "kommunikativen" Tätigkeiten. Dahinter steckt die Schule in doppelter Hinsicht: Hier werden die für den Arbeitsmarkterfolg nötigen Bildungsqualifikationen vermittelt und sie ist für die meisten Kinder der wohl wichtigste Ort, an dem auch die Zweitsprachkenntnisse verbessert oder erst erworben werden könnten. (Was aber oft genug nicht geschieht, weil es die entsprechende Umgebung dazu nicht gibt). Die Frage lautet also: Was für Folgen hätte die Einrichtung ethnischer Schulen mit einer besonderen Förderung der Muttersprache und der Herkunftsorientierung für die Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Vor allem wenn damit mehr gemeint sein sollte als die Gründung spezieller Bildungseinrichtungen - etwa Privatschulen für die ethnischen Eliten?

Die Antwort ist nach dem, was man an wissenschaftlich gesicherten Befunden annehmen kann, eindeutig: Spezielle muttersprachliche Fertigkeiten bringen (wie auch ethnische Netzwerke oder "multikulturelle" Gewohnheiten und Orientierungen) auf dem Arbeitsmarkt praktisch nichts - sieht man vom Englischen und gewissen, aber meist verschwindend kleinen Nischen ab. Alles, was dort bei der "Bilingualität" zählt, ist die Sprache des Aufnahmelandes. Die Beherrschung der Muttersprache ist nicht viel mehr ein zusätzlicher netter Luxus. Das gilt selbst für das gelobte Aufnahmeland Kanada: Dort muss man Englisch und/oder Französisch können, sich also sprachlich "assimilieren", um die Kurve zu kriegen. Was sonst noch ist, zählt nicht viel. In Hinsicht auf den Erwerb der wichtigen Qualifikationen ließe sich gegen ethnische Schulen (zunächst) natürlich nichts einwenden, wohl eher im Gegenteil: Da es dann das Zweitsprachproblem nicht gibt, wäre das schon eine Erleichterung bei der Stoffvermittlung.

Aber davon unabhängig: Die erworbenen Qualifikationen müssen später auch wieder sprachlich umgesetzt werden, so dass es jetzt erst recht darauf ankommt, ob es nicht zu Problemen beim Zweitspracherwerb kommt. Und davon ist wohl auszugehen. Anders als lange Zeit geglaubt und propagiert worden ist, sind muttersprachliche Kompetenzen nicht nötig, um eine Zweitsprache gut zu lernen. Viel wichtiger sind möglichst frühzeitige interethnische Kontakte im Alltag, und hier müssen gerade die Vorschulen oft erst ausgleichen, was im normalen Alltag oft genug nicht möglich ist. Ethnische Schulen würden das Problem mit großer Wahrscheinlichkeit eher verschärfen.

Das Problem der Einrichtung spezieller ethnischer Schulen weist sicher weit über die recht enge Frage nach den objektiven Lebenschancen der Migrantenkinder hinaus. Aber das ist gerade der für die Integration wichtige Punkt. Es geht eben nicht um die Frage, was sich für die ethnischen Eliten noch tun lässt: Die haben in vielfacher Hinsicht nicht die Probleme, mit denen es gerade die türkischen Familien, und nicht nur die, in aller Regel in den Schulen zu tun haben. Und dazu gehören vor allem der Zweitspracherwerb und die dazu nötigen interethnischen Kontakte.

HARTMUT ESSER

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