Privathochschule kämpft um ihr Image: Ehrbare Kaufleute von der Eliteuni

Die European Business School Oestrich-Winkel bildet begehrte Nachwuchskräfte aus. Nun bangt die Privatuni um ihren Ruf. Der Rektor musste wegen Betrügereien gehen.

Die deutschen Unis und ihre Sozialprojekte: Das Ressort "Studenten helfen Studenten" der Oestrich-Winkel-Privathochschule blutet aus. Bild: ap

OESTRICH-WINKEL taz | Vorbei an den Weinbergen des Rheingaus rast ein schwarzer Golf 5, am Steuer Julia, 20, "Mein Vater ist auf hundertachtzig!", ruft sie Johanna und Olivia auf der Rückbank zu. Die drei sind "Ebsler", Studentinnen an der European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel bei Wiesbaden. In Hochschul-Ranglisten liegt das Institut regelmäßig vorn, die Absolventen sind begehrte Nachwuchskräfte für die Führungsetagen.

Das Ziel heute Abend ist das Kempinski im Nachbarort - auf ein Glas Riesling. Eigentlich wollte Lydia auch mitkommen, die aber liegt flach. "Burn-out" vermutet Johanna. "Beim Skiurlaub in St. Moritz erkältet", hat dagegen Julia gehört.

Sie haben andere Sorgen. Es ist ein Tag im Februar, die Zeitungen berichten über nebulöse Geschäfte ihres Schulleiters Christopher Jahns. Er soll Hochschulgelder in Höhe von 180.000 Euro privaten Firmen zugeschoben haben, an denen er selbst beteiligt ist. Die hessische Justiz ermittelt. "Unsere Eltern sollen endlich erfahren, was los ist", sagt Julia im warmen Licht der Weinstube.

Mehr Schein als Sein

Viel Wirbel an der renommierten Privatuni, die sich seit Jahren um ein sauberes Image bemüht. In einem Imagevideo der Hochschule spricht Jahns davon, "dass man ehrbare Kaufleute" ausbilde, Manager mit Anstand und Moral. Auf dem Lehrplan stehen Seminare wie "Business Ethics", in dem die Studenten über Individuen und Institutionen diskutieren; im Fach "Sustainability" lernen sie Konzepte wie "Cradle to Cradle": Recyclingkreislauf ohne Abfallprodukte.

Die EBS bastelt auch an einem Eid für Unternehmer. Ab dem Sommer 2011 sollen Studenten bei der Zeugnisübergabe feierlich geloben können, der Korruption zu entsagen, die Umwelt zu schützen und dem Allgemeinwohl zu dienen. Der Schwur basiert auf dem "Global Business Oath", präsentiert 2010 auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum.

Die Studenten ticken anders. "Ich lasse mir den Eid nicht einfach aufdrücken, nur damit es nach außen gut aussieht", sagt Julia. "Vielleicht lässt mein Job das gar nicht zu."

Sie zieht es in die Autobranche, "als kleines Mädchen wollte ich Chefin von Porsche werden", erzählt sie. Julia lebt allein auf 60 Quadratmetern - endlich nach all den Jahren im Internat. "Find erst mal so eine Wohnung", sagt sie. Ihre Eltern haben versprochen, die Miete weiterzuzahlen, wenn sie ins Auslandssemester geht.

Mensaschnitzel unter Plastikkronleuchtern

Mit viel Grün und steinernen Pfaden soll der Campus der European Business School an Harvard erinnern. Wie dort ist manches Kulisse: Der als "Schloss" betitelte Bau ist ein umgebautes Weinlager, der efeuumrankte Turm kein mittelalterliches Zeugnis, sondern eine Kunstruine aus dem 18. Jahrhundert. Das Mensaschnitzel verspeist man unter Plastikkronleuchtern. Echt Beton ist das Kiep-Center, benannt nach dem ehemaligen Präsidenten der European Business School, Walter Leisler Kiep, der als CDU-Schatzmeister in die Schwarzgeldaffäre seiner Partei verwickelt war.

Julia kommt gerade aus Finanzrecht. Philosophie am Nachmittag will sie sich sparen. "Laberfach", nennt sie das, könne man "wegoptimieren". Im Schlepptau ihr Mitstudent Tilman. Er will Banker werden, Value Investing, Assetmanagement und solche Sachen. "Für Börse und Finanzen habe ich mich schon immer interessiert." Tilman ist 19. Er berichtet von seinem eigenen Fonds. Zwanzig Kommilitonen machen mit. "Toll, dass so viele ihre Freizeit opfern", sagt Tilman. Jeder hat zwischen 500 und 1.000 Euro eingezahlt. "Es geht nicht um Fiktives, sondern um das eigene Geld", erklärt er, "das ist der Motivationsfaktor für alle, immer aktiv dabeizubleiben."

Finanzmärkte, die begeistern

Aber auch sozialer Einsatz außerhalb des Unterrichts gehört zur Philosophie der Uni: Jeder muss in einer der 22 studentischen Initiativen mitmachen, Ressorts genannt. Im Ressort Invest, das Tilman leitet, tauschen sich jeden Montag fünfzig Kommilitonen über das Geschehen an den Finanzmärkten aus. Ebenfalls begehrt ist das Ressort "EBS-Symposium", die Studenten organisieren den alljährlichen Wirtschaftskongress auf dem Campus. Letztens schlug einer einen Redner aus der Ökobranche vor, Solar World. Der Student wurde ausgelacht. Als er beim nächsten Treffen wieder damit anfing, hörte keiner mehr zu. "Der ist unten durch", berichtet ein Kommilitone.

Dem Ressort "Studenten helfen" mangelt es an Teilnehmern, 17 Leute sind dabei, "davon die meisten leider nur auf dem Papier", klagt die Ressortleiterin. Zwei, drei geben Hauptschülern Nachhilfe, ein paar andere helfen im örtlichen Behindertenheim der Lebenshilfe.

Der Heimleiter, Herr Hörnis, ist zwiegespalten. "Manche kamen zweimal und nie wieder", sagt er. "Wie ein Kind, dem man zu Weihnachten einen Hund schenkt. Anfangs ist alles aufregend und nach ein paar Tagen muss Mutti Gassi gehen."

Giulia, 20, kommt seit November regelmäßig ins Heim. Heute zu Fuß, ihr Fahrrad ist hinüber. Sie stammt aus Empoli und strahlt wie die toskanische Sonne. "In der Uni mache ich schon genug mit Zahlen", sagt Giulia, "meine Freizeit verbringe ich lieber hier."

Am Eingang wartet Max, wie sie im zweiten Semester. Auch er meldete sich freiwillig für die Hilfe im Heim, bereits als Zivi hatte er sich um Behinderte gekümmert.

"Ach, die EBS-Studenten!", ruft ein Heimbewohner mit Downsyndrom. "Hallo Tim, wie geht's?", sagt Max und lächelt schüchtern. Schwer, sich den 21-Jährigen im Kapuzenpulli und mit den Händen in den Hosentaschen als arrivierten Anzugträger vorzustellen. Er will sowieso lieber Journalist werden. "Die Medienbranche ist unsicher, da ist BWL eine gute Grundlage", sagt er. Auch Giulia hat andere Pläne als die meisten ihrer Kommilitonen. Karriere in der Bank oder einer Beraterfirma? "Bloß nicht", sagt sie und klingt fast beleidigt. Im Sommer will sie erst einmal ein Praktikum bei der Lebenshilfe machen.

Nichts als gute Vorsätze

Die beiden werden im ersten Stock erwartet. Heimbewohner Matthias hat sich extra eine Krawatte umgebunden, sie üben Rechnen mit Spielgeld. Was besser sei, Münzen oder Scheine, fragt sie. "Scheine", antwortet Matthias, "hab' sogar zwei im Portemonnaie." "Das ist gut, ich habe keine", sagt Giulia. Sie erzählt, dass ihre Eltern lange für das Studium der Tochter gespart haben. Inzwischen hat Matthias die Zahlen eins bis zwanzig fehlerfrei auf Papier geschrieben. "Hast wohl heimlich trainiert, du kannst es besser als letztes Mal", sagt Giulia. Matthias grinst.

Zwei Elitestudenten, die Gutes tun - die PR-Abteilung der Uni wäre sicher stolz auf sie. Max sieht das kritisch: "Ich glaube, das Ethikimage der EBS dient vor allem der Außendarstellung." Seine Uni solle die guten Vorsätze nicht zu groß schreiben, sagt er, "wenn dann was passiert, steht sie blöd da."

Eine, die die Fahne mit den guten Vorsätzen hochhält, ist die Leiterin des hochschuleigenen Centre of Responsible Economy, Maria Quiros. Sie sagt: "Wir wollen, dass die jungen Leute nach links und rechts blicken."

Viel Geld für gute Jobaussichten

Schneller durchgesickert ist, dass heute Abend eine Party steigt. Vor der Tür stapeln sich Segelschuhe, am Eingang lehnt ein 23-Jähriger mit Jackett und Föhnfrisur, er stellt sich als Mitglied der Jungen Union vor. Der Wegfall der Studiengebühren in seinem Heimatland Nordrhein-Westfalen sei "eine Schande", spricht er, "was sage ich dem Arbeiter, der für seinen Meister kräftig zahlen muss?" Er verschweigt nicht, dass sein Vater die Studiengebühr überweist. 5.490 Euro pro Semester. "Ich habe eben Glück", sagt er.

Fragt man die Elitestudenten, warum sie in Oestrich-Winkel studieren, antworten die meisten: "intensive Betreuung", "Top-Kontakte in die Wirtschaft". Sie lockt die Aussicht auf Führungsposten, der Blick ist eher nach vorn gerichtet als nach links oder rechts.

Ehrenamtliche Tätigkeiten

"In den Ethikvorlesungen haben die zugehört, die ohnehin dafür offen waren, die anderen haben sich gelangweilt", sagt Anja Thiessen, die 2007 ihren Abschluss gemacht hat und heute 27 ist, über ihre Zeit an der EBS. Sie musste Hilfsbereitschaft nicht erst lernen. Schon vor dem Studium arbeitete sie ehrenamtlich bei der Arche, verbrachte ein freiwilliges Jahr in Aufbauprojekten am Mississippi.

"Man braucht Geld, um helfen zu können", habe sie dort gelernt. Also ging sie nach Oestrich-Winkel. Noch im Studium gründete sie Social Footprint, eine Vermittlungsagentur für Freiwilligenarbeit. Ihr Sozialunternehmen ist kein Selbstläufer; im ersten Jahr erhielt sie Gründerzuschuss, jetzt hat sie einen Kredit aufgenommen. "Ich kann noch nicht davon leben", sagt sie. Geldsorgen kennen nur wenige unter den EBS-Abgängern, die Einstiegsgehälter in der Finanzwirtschaft liegen bei 50.000 Euro aufwärts.

Über das Ehemaligennetzwerk der Hochschule ließ sich kein Nachwuchsbanker finden, der erzählen wollte, ob er im Job nach ethischen Prinzipien handeln kann. Einer der angefragten Absolventen ließ ausrichten, er wolle seine Branche nicht in Misskredit bringen. Keine persönlichen Konsequenzen riskieren.

Transparenz soll einer der entscheidenden Inhalte des Managereids der Business School sein. Präsident Jahns hat den Business Oath bereits geleistet. Seiner Glaubwürdigkeit im Zusammenhang mit dem Untreuevorwurf hat das Ehrenwort offenbar nicht genutzt. Gerade beschloss der Aufsichtsrat der kleinen privaten Hochschule, sich von Schulleiter Jahns zu trennen.

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