Portrait: Die unerschrockene Unparteiische

Sinem Turac ist eine gefragte Schiedsrichterin. Die Abiturientin pfeift in der zweiten Frauen-Bundesliga und in der Männer-Landesliga. Die 1,67 Meter kleine Berlinerin beschreibt ihr Erfolgsgeheimnis so: "Ich habe keine Angst vor Fußball-Männern".

Manchmal reist die Mutter von Sinem Turac doch noch lieber mit. Tülay Civelek steht dann am Spielfeldrand und beobachtet aufmerksam und stolz zugleich, wie sich ihre Tochter da inmitten von 22 oft hitzköpfigen Fußballern als Schiedsrichterin behauptet. "Eine Art moralische Unterstützung von der Familie", erklärt die Mutter.

Gleich zum Saisonauftakt, Mitte August, war es mal wieder soweit. Mutter und Tochter machten sich gemeinsam auf den Weg nach Wedding. Die erst 19-jährige Simen Turac war nämlich zum Landesligaspiel von Hürriyet Burgund gegen die Reserve von Trabzonspor angesetzt. Kein einfaches Match, das die Schiedsrichterin da zu pfeifen hatte. Aber, sie hatte es gut im Griff. In der 21. Minute zückte Turac die erste gelbe Karte aus ihrer Brusttasche. Als es später hektischer wurde, behielt sie die Übersicht und vor allem jederzeit die Kontrolle. "Es gibt sicher einfachere Spiele. Aber insgesamt bin ich zufrieden", erklärt die junge Schiedsrichterin fast abgeklärt nach neunzig Minuten überaus harten Fußballsport.

In Berlin gibt es derzeit rund 1.000 Schiedsrichter, nur 35 davon sind weiblich. Und Schiedsrichterinnen mit Migrationshintergrund kann man an einer Hand abzählen. Sinem Turac ist eine davon. Sie gilt derzeit als das größte Referee-Talent in dieser Stadt und für manche sogar darüber hinaus. Turac ist in Berlin geboren und Deutsch-Türkin der so genannten dritten Generation. Die Abiturientin pfeift in der zweiten Frauen-Bundesliga und in der Männer-Landesliga. Als Schiedsrichterassistentin wird sie in der Berlinliga, der höchsten Spielklasse der Hauptstadt, eingesetzt.

"Sinem Turac trauen wir noch viel zu und wir werden sie deshalb fördern", erklärt der Vorsitzende des Berliner Schiedsrichter-Ausschusses, Gerhard Müller. Bodo Brand-Cholle, der Leiter des Schiedsrichter-Leistungskaders in der Hauptstadt, schwärmt von ihrer Fähigkeit, "sich in der oft feindlichen Fußball-Männerwelt durchsetzen zu können". Und der Berliner Schiedsrichterbeobachter Ludger Trittin lobt Turacs "hohe Entscheidungsdichte und das Laufvermögen".

Die 1,67 Meter große Berlinerin beschreibt ihr Erfolgsgeheimnis so: "Ich habe keine Angst vor Fußball-Männern." Probleme aufgrund ihrer türkischen Herkunft hat sie bisher nur selten bekommen. Höchstens da, wo man es nicht erwartet. "Wenn eine türkische Mannschaft gegen eine deutsche spielt, dann fühlen sich gerade die Türken von mir benachteiligt", erklärt sie. Von türkischer Seite werde immer ein wenig Hilfestellung von der Landsfrau erwartet. Vergeblich. Im Osten der Stadt oder im Land Brandenburg vernimmt Turac zwar vereinzelt rassistische Sprüche von Zuschauern. Doch zielen die meist in Richtung ausländischer Spieler, weniger gegen sie. "Ich werde dort, wenn überhaupt, eher als Frau angemacht", fasst Turac ihre leidvollen Erfahrungen zusammen.

Schon als Kind kickte sie mit ihren Cousins auf der Straße und in den Garagenhöfen in Tempelhof. Anfänglich sahen die Eltern das Engagement ihrer Tochter nicht gerne. "Die dachten, wenn man als Mädchen Fußball spielen, bekommt man dicke Beine und wird hässlich", erinnert sich Turac. Ihre Mutter gibt zu: "Natürlich entsprach Sinem mit ihrer Fußballleidenschaft nicht unbedingt dem traditionellen türkischen Frauenbild, das bei uns in der Familie und im Umfeld teilweise vorherrschte."

Aber schließlich konnten und wollten sich die Eltern Turacs Wunsch, Fußball zu spielen, nicht mehr verweigern. Ihre Tochter besaß Talent, wie sie im Verein bewies. Schnell brachte sie es bis in die Berliner Jugend-Mädchenauswahl. Im Alter von 15 Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft für den Schiedsrichtersport. Durch einen Trainerwechsel saß sie als Spielerin plötzlich auf der Ersatzbank. Schließlich kam ein Freund der Familie, ein Ex-Schiedsrichter, auf sie zu und sagte: "Du hast Ahnung von Fußball. Du kannst gut laufen und bist im perfekten Alter, um als Schiedsrichterin anzufangen", so lautete die Aufforderung, die Seiten zu wechseln.

Dann ging alles ganz schnell. Turac absolvierte einen Schiedsrichter-Lehrgang beim Berliner Fußballverband und pfiff im Dezember 2005 ihr erstes Jugendspiel. Rasch entschied sie sich für die Schiedsrichterlaufbahn. Sie pfeift jetzt für den 1. FC. Schöneberg 1913, seit einem Jahr im Seniorenbereich. Die junge Frau investiert gut und gerne zehn Stunden in der Woche für ihr Hobby. Gut siebzig Spiele in der Saison pfeift sie. Zweimal wöchentlich wird gejoggt, um körperlich fit zu bleiben. Zudem wird Turac in dem Schiedsrichter-Leistungskader des Berliner Fußballverbandes betreut, aktuell als einzige Frau. Hier erhält sie Regelkunde-Schulungen und per Video werden ihre Leistungen genauestens analysiert. Ihr steht ein persönlicher Coach zur Seite, mit dem sie regelmäßig ihre Spielleitungen bespricht.

"Schiedsrichterin zu sein ist wirklich toll. Du machst Sport, kommst viel rum, lernst Leute kennen und verdienst dir noch ein kleines Taschengeld nebenbei", erklärt Turac die Vorzüge ihres Hobbys. 23 Euro ohne Fahrgeld pro Match erhält die Schiedsrichterin für ein Herren-Spiel. In der 2. Frauenbundesliga sind es 75 Euro, die die angehende Industriekauffrau als Aufwandsentschädigung kassiert. Das ist wenig und sicher kein Grund, Schiedsrichterin zu werden. "Seitdem ich pfeife, bin ich viel selbstbewusster und vor allem stärker geworden. Ich kann mich besser durchsetzen und schnelle Entscheidungen treffen", hat die Unparteiische an sich selber beobachtet.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de