Playlist der Wirtschaftskrise: C'est la panik economique

Ist die Krise tanzbar? Kann man sie singen? Ein Jahr nach der Lehman-Pleite hier die kommentierte Hitparade zu Pop und Kapitalismus. Mit PeterLicht, Heaven 17, Abba und Lady Gaga.

Hilft der Griff zur Platte auch in der Krise? Ja, wenn es die richtige ist. Bild: sebastianus/photocase

REM, 1987: Its the end of the world as we know it / And I feel fine

Wie geht es uns notorischen Besserwissern und unerbittlichen Scheißefindern, wenn das falsche Ganze mit Kawumm auseinanderbricht? So wie in diesem Jangle-Pop-Klassiker: Aufgewühlt, verwirrt, aber insgesamt - doch, gut, danke der Nachfrage.

Supertramp, 1975: I dont know what to say / It just seems a normal day

Andererseits: Wer hat denn, Hand aufs Herz, hierzulande die Krise am eigenen Leib zu spüren bekommen? Wenn aber die Stimmung besser ist als die Lage, passt Peter Fox "Stadtaffe" genauso gut wie dieses Stück Schmuserock aus einem inmitten des Ölschocks erschienenen Album. Dessen berühmter Titel: "Crisis? What Crisis?"

Múm, 2009: The smell of today / Is sweet like breastmilk in the wind

Und wie hört sich die Krise dort an, wo sie heftig wütet? Sagen wir: in Island? Popdiva Björk wirbt für eine Investmentfirma, die "weibliche Werte" an die Börse bringen will, Gus Gus bitten mit House zum Tanz, und die experimentelle Elektroband Múm gibt sich melancholisch, aber verspielt und mit nur wenigen Bezügen zur Lage im Land. Hier fragen Múm, wie der letzte aller Tage riechen wird. Die Antwort: wie Muttermilch im Wind. Und den Beat schlägt eine Kuhglocke.

Bob Dylan, 2009: Brick by brick they tear you down / A teacup of water is enough to drown / You oughta know if they could, they would / Whatever going down, its all good

Blicken wir auf die Neuveröffentlichungen der Songwriter aus dem Mutterland von Krise, Pop und Kapitalismus: Bruce Springsteens "Working on a dream" klingt zu sehr nach einer Auftragsarbeit für Obama, während Neil Young zu sparsamen Autos rät. Bleibt Dylan. Ein Album lang besingt er mit gutgelauntem, uraltem Country und Blues und whiskeyrauer Stimme die Zweisamkeit, ehe er sich dem Bösen stellt: Politiker taugen nichts, Menschen gehen kaputt, das Land verelendet, rattert er runter, um zu wiederholen: Es ist okay. Sarkasmus möglicherweise, aber mehr noch die Verweigerung von Antworten, die man nicht oder nicht mehr nicht hat.

Lady Gaga, 2008: Thats M-O-N-E-Y, so sexy, ay / Thats money honey

60 Jahre nach Monroe und 20 nach Madonna wäre Lady Gagas Erotisierung des Geldes nicht von Belang, handelte es sich bei ihr nicht um die neue Popikone. Sie haben noch nie von ihr gehört? Dann wissen Sie jetzt, warum es den Krisensong nicht gibt: Pop ist zu fragmentiert, die große Erzählung ist passé - egal ob eine Lady Gaga Geld geil findet oder ein Sir Nono aus allem Kleinholz machen will.

Woody Guthrie, 1964:

I check up your shortage and bring down your mortgage. / Singin Im a jolly banker

Dass ein Wort wie Hypothek in zeitgenössischen Volksliedern auftauchte, hielt Tucholsky für "echte, unverlogene Lyrik". Wenig später, während der Großen Depression, sang der große Woody Guthrie vor Farmern und Arbeitern von ähnlichen Dingen. Späteren Datums ist sein Song über den "lustigen Banker", den nun die Folk-Rocker von Wilco aus gegebenem Anlass gecovert haben.

Heaven 17, 1981: Brothers, sisters, / we dont need this fascist groove thang

Ein Stück aus der letzten großen Krise, aus dem England der frühen Thatcher-Jahre, als zwar ein Billy Bragg mit Folkpunk vor streikenden Bergleuten auftrat, aber andere mit zumeist romantischen oder hedonistischen Texten bleibende Klangentwürfe schufen und selbst politische Bands wie Heaven 17 mit kaltem Synthesizersound vom Beginn einer neuen Ära kündeten.

Sex Pistols, 1977: God save the queen / We mean it man / And there is no future / In Englands dreaming / No future, no future / No future for you

Herbert Marcuses "Große Verweigerung" als rotzige Punkhymne in drei Akkorden. Aggressiv, pessimistisch, selbstzerstörerisch. Oder doch eine böse Prophezeitung an die Adresse der herrschenden Klasse?

James Brown, 1969: I dont want nobody / To give me nothing / Open up the door / Ill get it myself

Anders als der Rock, der vom frühen Dylan über den Punk bis zu Nirvana gern Verweigerung zelebrierte, ging es in der Black Music oft um Teilhabe; bei James Brown etwa als urliberale Forderung nach Chancengleichheit. Freilich mit jeder Menge Bumm-Tschaka-uuh-aah.

Abba, 1976: Money, money, money / Must be funny / In the rich mans world / Money, money, money / Always sunny

Die kritische Poptheorie sagt: Pop ist das Versprechen eines besseren Lebens und Affirmation des Bestehenden in einem. Abba eben.

Funny van Dannen, 2002: Ich will den Kapitalismus lieben, / weil so viel für ihn spricht. / Ich will den Kapitalismus lieben, / aber ich schaff es einfach nicht

Dass es sich vielleicht besser über manche Dinge singt, wenn sie nicht en vogue sind, zeigt Funny van Dannen, Liedermacher mit menschlichem Antlitz, wenn er sein Verhältnis zum Kapitalismus als amour fatale beschreibt. Komischer und ehrlicher als die Büttenreime auf seinem neuen Album ("Jetzt spielt der Staat den Bürgen, / wird er sich mit den eigenen Händen erwürgen?")

Silbermond, 2009: Gib mir ein kleines bisschen Sicher-heit / in einer Welt, in der nichts sicher scheint. / Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas, das bleibt

Irgendwer muss doch den großen Krisensong schreiben. Warum nicht Pop-Rocker aus Bautzen? Müssen sich wohl die Pop-Rocker aus Bautzen gedacht haben. Und genauso wohlfeil, weinerlich und harmlos klingt das Ergebnis auch.

Pet Shop Boys, 2009: A super car to get far / Dont have to live / A life of power and wealth / Dont have to be

Jede Menge Geld wollten Neil Tennant und Chris Lowe einst machen. In "Love etc." heißt es nun, Autos, Villen und andere Annehmlichkeiten seien zwar nützlich, aber längst nicht so wichtig wie - na klar, siehe Lennon/McCartney - die Liebe. Aber die Pet Shop Boys wären nicht die Pet Shop Boys, wenn das alles nicht gewohnt abwechslungsreich, aber eingängig und tanzbar daherkäme; noch dazu unter selbst Obama überbietenden optimistischen Albumtitel "Yes".

PeterLicht, 2006: Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, / ist uns lange genug auf der Tasche gelegen. / Vorbei, vorbei, vorbei, vorbei, / jetzt isser endlich vorbei

Etwa so abwegig wie seine frühere Hymne gegen die Schwerkraft klang es, als der Kölner Multikünstler 2006 das Ende des Kapitalismus kundtat. Eine Frage ließ er irritierenderweise offen: Was isn dann?

Motörhead, 1987: Come on baby, eat the rich, / Bite down on the son of a bitch / Dont mess up, dont you give me no switch / Cmon baby and eat the rich

Klassenkampf ist eine ernste Sache. Und was das überlieferte Liedgut anbetrifft, auch eine eher freudlose. Anders in diesem Titelsong aus dem gleichnamigen Film, in dem eine schräge Guerillagruppe ein Nobelrestaurant kapert und Managern ihresgleichen - wahlweise mit Pommes oder mit Reis - zum Dinner kredenzt. Klassenkampf im Viervierteltakt und Hardrock direkt in den Unterleib.

Wu-Tang Clan, 1993: Cash rules everything around me / C. R. E. A. M. / Get the money / Dollar, dollar bill yall

Wu-Tang lagen irgendwo zwischen der kritischen Darstellung der Ghettokriminalität und ihrer Glorifizierung, waren aber darin stilbildend, ihre eigene Modemarke zu kreieren. Inzwischen verdienen viele Rapper mehr mit dem Derivatenhandel als mit ihrer Musik - und haben, wie 50 Cent ("Get rich or die tryin'"), an der Börse viel Geld verloren.

Lil Wayne, 2008: If you got money / and you know it / Take it out your pocket / and show it

Vielleicht markiert Lil Waynes kurz vor der Lehman-Pleite veröffentlichtes Album "Tha Carter III" das Ende von "Bling-Bling", dem Protzen mit Statussymbolen aller Art. Zwar hat der Südstaatenrapper "Bling-Bling" nicht erfunden, aber immerhin den Begriff eingeführt und bekannt gemacht. Der Gangsta diente der ganzen US-Gesellschaft als Identifikationsfigur. Das ist endgültig vorbei. Und so blinkt es seither im HipHop immer weniger.

Manu Chao, 2007: Cest la panik panik panik / Sur le peripherique / Trop de traffic / Panik economique

Was macht Manu Chao, der musikalisch wie textlich sehr globale Superstar der Globalisierungskritiker? Er amüsiert sich, jedenfalls auf diesen von Sirenengeheul begleiteten 1:46 Minuten. "Am besten bringt man die Botschaft rüber mit einer großen, lustigen Party", meint er - auch wenn die Botschaft ("Is an evidence / politik is violence") zuweilen arg simpel klingt.

Johannes Kreidler, 2009: Charts Music [instrumental]

Um die Börse geht es auch beim Aktionskünstler Johannes Kreidler, dessen Stück "Melodien aus Millionen" als authentischster Krisensound gelten kann. Mithilfe des Musikprogramms Songsmith werden die fallenden Aktienkurse von Lehman oder GM zu Tonleitern. Ein kluges wie grässliches Spielautomatengedudel. Und ein YouTube-Hit.

Merle Hazard, 2007: I was leveraged 10 to 1 but it should have been 2 or 3 / Oh how I wish I had a workin H-E-D-G-E

Auch Banker haben Lieder, sogar selbst geschriebene. Wie die des Investmentbankers Jon Shayne, der als überzeichneter Countrymusiker Merle Hazard mit Balladen über Fehlspekulationen oder den Verlust von Job, Villa und Frau zum YouTube-Star wurde. Selbstironisch und in bestem Countrystil.

Michael Jackson/Lionel Richie, 1985: We are the world / We are the children / We are the ones who make a brighter day / So let's start giving

Und dann stirbt Michael Jackson, als die Menschheit ihn am nötigsten hat. Nicht dass er an einem Projekt Bank Aid gearbeitet hätte, aber bei "We are the world" hörte das Publikum vielleicht zum ersten Mal, was heute Gemeinplatz ist: Dass auf diesem Planeten alles mit allem zusammenhängt. Zum Beispiel: Dass man es in aller Welt zu spüren bekommt, wenn irgendwo viele Menschen viele Häuser kaufen, die sie sich nicht leisten können.

Dieser Artikel erscheint in der Sonderausgabe der taz "Ein Jahr Lehman-Pleite" am Dienstag, 15. September 2009.

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