"Pflichtlektüre" für Studenten: Allenfalls Leselust

An den Unis im Ruhrgebiet liegt ab morgen "Pflichtlektüre" aus. Die neue Zeitung wird von Journalistikstudenten gemacht, Verleger ist die WAZ.

Ob sich die "Pflichtlektüre" unter den Studenten durchsetzt? Bild: dpa

Vielleicht hat Günther Rager das Buch verlegt, das er vor 15 Jahren mit herausgegeben hat. Es heißt "Leselust statt Pflichtlektüre" und beschäftigt sich mit der "unterhaltsamen Tageszeitung". Vielleicht hat der Journalistikprofessor den Titel ja auch vergessen. Morgen nämlich erscheint eine Publikation, an der Rager auch mitgewirkt hat, eine Zeitung für Studenten. Dem Titel nach eine lustlose Angelegenheit. Er lautet - Pflichtlektüre.

Mehr als ein Jahr lang hat Rager mit seinen Studenten des Instituts für Journalistik der Technischen Uni Dortmund daran gebastelt. Erfahrung hat man dort im Blattmachen und die nötige Ausrüstung: 17 Jahre lang gab das Institut Indopendent heraus, eine Zeitung, bei der Jungjournalisten ihr Handwerk übten.

Pflichtlektüre ist der Nachfolger, "eine Fortsetzung von Indopendent mit anderen Mitteln", wie Rager sagt. Und mit einer anderen Zielgruppe: Die alte Zeitung richtete sich an Dortmunder Studenten; die neue liegt an allen Unis des Ruhrgebiets aus. Also auch in Bochum, Essen und Duisburg. Eine beträchtliche Leserschar: Rund 90.000 Studenten tummeln sich dort; hinzu kommen mehr als tausend Professoren und etliche Angestellte. Ein Markt, der Werbekunden offenbar interessiert. Wie Redaktionsleiterin Vanessa Giese sagt, sei die Anzeigenlage sehr zufriedenstellend, vor allem im Lokalen. Was vor allem den Verlag freuen dürfte, der nach eigenen Angaben gerade knietief im Dispo steckt, zumindest in NRW.

Erscheinen wird das Blatt im Verlag der Essener WAZ-Mediengruppe. Ausgerechnet jetzt. Man wage ein "interessantes Experiment auf dem Leser- und Anzeigenmarkt", sagt Ulrich Reitz, Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Dabei ist gerade eigentlich gar keine Zeit für Experimente. Vergangene Woche kündigte die Mediengruppe an, in NRW 30 Millionen Euro sparen zu wollen. Weil die Auflagen der NRW-Zeitungen sinken, Anzeigenverkäufe einbrechen. Wie viel Geld an die Pflichtlektüre-Redaktion fließt, dazu sagt weder die Uni etwas noch der Verlag, der für den Druck zuständig ist und die Anzeigen akquiriert. Günther Rager beteuert bloß, die WAZ werde keinen Einfluss auf Inhalte nehmen. Für die sei allein die Lehrredaktion zuständig.

Alle zwei Wochen liegt Pflichtlektüre künftig an den Unis aus, 50.000 Exemplare, gratis und im handlichen Tabloidformat, mit von den Partnerunis zugelieferten Lokalseiten für die jeweiligen Städte - nur in den Semesterferien wird pausiert. Thematisch will sich die Zeitung neben Rätseln, Kleinanzeigen und Veranstaltungstipps vor allem mit Bildung und Ausbildung befassen, aber auch mit butterweichen Lesestoffen. Die Titelstory der Nullnummer widmet sich Fernbeziehungen, dem "Spagat zwischen Liebe und Studium". Weil viele Akademiker darunter leiden. Ein Thema, "das andere so noch nicht gemacht haben", wie Rager den eigenen Anspruch formuliert, ist das nicht. Und Pflichtlektüre? Na ja, allenfalls Leselust.

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