Opferzahl in Birma bei 77000: Hilfe "am Rande des Konspirativen"

Ein aus Birma zurückgekehrter Johanniter-Helfer berichtet von Hürden bei der Hilfe und der Belastung der Mitarbeiter. Nach offiziellen Angaben starben mehr als 77000 Menschen.

Kommunikation ist ein Riesenproblem: Deutsche Helferin in Birma Bild: dpa

"Besonders schlimm ist der Leichengeruch." Alexander Richter ist ausgebildeter Rettungssanitäter und Journalist. Aber so etwas hat er noch nicht erlebt. Für die Johanniter erkundete er erste Hilfsmöglichkeiten in Birma nach dem schweren Zyklon. Bei der birmesischen Botschaft in Berlin ein Visum zu bekommen, war kein Problem. Allerdings nur ein Touristenvisum ohne Arbeitserlaubnis. In Rangun fingen die Probleme dann gleich an, erklärte Richter am Mittwoch vor Journalisten in Berlin.

In der Metropole Rangun Hilfsgüter zu verteilen, war noch halbwegs einfach. Aber die Kommunikation war ein Riesenproblem: "Funkgeräte und Satellitentelefone sind verboten, Ausländer dürfen keine Handys benutzen, weshalb wir oft uns mehrmals am Tag treffen mussten. Das war sehr zeitraubend", so Richter. Auch E-Mails würden blockiert. Mehrfach versuchten er und seine lokalen Helfer in das für Ausländer gesperrte Irrawaddy-Delta zu kommen. "Mit jedem Kilometer, den wir uns näherten, wurde die Zerstörung schlimmer", erzählt Richter. Die Militärs hätten ihn dann an Kontrollposten "höflich, aber bestimmt" wieder zurückgeschickt. "Am Rande des Konspirativen haben wir uns bewegt", sagt Richter und schüttelt dabei immer wieder den Kopf.

Einige seiner Mitarbeiter weigerten sich inzwischen ins Delta zurückzukehren. Sie seien traumatisiert. "Das Hauptproblem sind die herumliegenden und verrottenden Leichen." Das gefährde die Trinkwasserversorgung und könnte zum Ausbruch von Seuchen führen, erst recht in der beginnenden Regenzeit. In manchen Dörfern hätten nur zwei oder drei Familien überlebt, berichteten seine lokalen Helfer.

Richter hält trotz der Widrigkeiten Nothilfe für möglich und sinnvoll. "Es gibt Mittel und Wege, Hilfsgüter ins Land zu bekommen und zu verteilen." Die geschehe über die lokalen Mitarbeiter von Organisationen, die schon lange im Land arbeiten. Die Johanniter würden hierbei auf Mitarbeiter und Partner ihres Nothilfebündnisses "Deutschland hilft" zurückgreifen. Eine Birmesin aus der Region Pathein berichtete der taz, dass auch ein asiatischer Mitarbeiter einer ausländischen Organisationen in ihrem Dorf helfen durfte. Er sei allerdings von einem lokalen Beamten angewiesen worden, den traditionellen Wickelrock Longyi zu tragen und sich nicht nicht als Ausländer erkennen zu geben.

Richter hat nach eigenen Angaben am meisten die Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort beeindruckt. In Eigeninitiative würden Hilfsgüter in Privatautos geladen und ins Delta gebracht und verteilt. Die lokalen Helfer dürften auch alle Militärkontrollen passieren - egal was sie dabei hätten. Probleme gäbe es dann allerdings bei der Verteilung, weil der Bedarf so hoch und der Transport wegen der zerstörten Infrastruktur so mühsam sei. "Bedarf besteht an allem." Berichte über die Umetikettierung von Hilfe durch die Junta kann Richter nicht bestätigen. "Das muss wohl eher ein Einzelfall gewesen sein - wenn überhaupt."

Das staatliche Fernsehen sprach am Freitag von 77.738 Toten nach zuletzt 43.328. Unabhängige Experten gehen indes von höheren Opferzahlen aus. Britische Vertreter etwa erwarten von mehr als 200.000 Tote und Vermisste.

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