Neues Notwist-Album: Altbewährter Elektro-Blubber-Sound

Nach Jahren abgekehrter Ruhe präsentieren The Notwist nun ihr neues Album "The Devil, You and Me". Leider kein weiterer Quantensprung.

Schön melancholisch: die Bilder und die Musik von The Notwist. Bild: jon bergmann/promo

Man sieht sie mit ihren Frisuren, Schlabberklamotten und Nickelbrillen und denkt: The Notwist können gar keine Popstars sein. Eher schon Elektro-Ingenieure, aber bestimmt keine Band, die von der Bühne aus ein Publikum bespaßen soll oder sich in Glasscherben wälzt. Doch der Anti-Look passt perfekt zu dieser bayerischen Band. Er unterstreicht ihren Ausnahmestatus im Popbetrieb. Ihre abgekehrte Ruhe ist das genaue Gegenteil vom Leistungsdruck, der in Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" aufgebaut wird, womit ja auch schon einiges über die Band ausgesagt wäre.

The Notwist sind das gute Gewissen des deutschen Pop. Sie machen nicht viel Aufhebens um sich und geben sich frei von Starallüren. Jeder, der sie trifft, bestätigt, dass sie genau so sind, wie man es sich vorgestellt hat: bodenständig. Das Image der Band The Notwist ist: kein Image zu haben. Dafür werden sie geliebt, als Antithese zu all den Fashion- und Frisurenbands. Als letzte aufrechte Indieband in einer Oberflächen-Popwelt, in der "Independent" eigentlich nur mehr ein weiteres Marktsegment ist, sind The Notwist wirklich integer. Unvergessen etwa, dass sie einen hochdotierten Werbevertrag ausschlugen, weil sie, nun ja, nicht so enden wollten wie Moby oder Franz Beckenbauer. Seit Erscheinen ihres neuen Albums "The Devil, You + Me" heißt es nun wieder allerorten "beste Band Deutschlands". Zu diesem Urteil kommen so unterschiedliche Medien wie De:Bug, das Wom-Magazin oder die SZ. Dort wurde der Band neben einer Jubelrezension im Feuilleton sogar noch Platz für einen Fanartikel im SZ-Magazin eingeräumt, wo normalerweise nur Stars der Mariah-Carey-Liga verarztet werden.

Man verneigt sich kollektiv vor einer Band, der etwas Geniehaftes zu eigen zu sein scheint. Die Rede ist von den Jazzstrukturen, mit denen die Band im Rockkontext arbeitet, ihrem Forschergeist, der aus einer kauzigen Provinzband mit Begeisterung für Hardcore-Punk eine dauertüftelnde Elektronikband gemacht hat.

Ihr letztes, vor sechs Jahren erschienenes Album "Neon Golden", abgemischt in den Londoner Abbey-Road-Studios, war von einer Detaildichte und einem Drang zur Perfektion beseelt wie vielleicht seit "Sgt. Pepper" kein Popalbum mehr.

In die Welt gesetzt wird all das von den Brüdern Markus und Micha Acher, die - auch so eine Story - noch in den Hardcore-Tagen zusammen mit ihrem Vater in einer Dixielandkapelle gespielt haben: unfassbar eigentlich.

Über den langwierigen Entstehungsprozess von "Neon Golden" wurde sogar ein Dokumentarfilm gedreht und das Album erhielt den "Preis der deutschen Schallplattenkritik"; nein, The Notwist sind wirklich keine Band wie jede andere. 20 Jahre gibt es sie inzwischen. Auf gerade mal lachhafte sechs Platten, die neue miteingerechnet, hat man es in dieser Zeit gebracht.

Das kann sich selbst auf dem Independent-Level nur eine Band leisten, deren Mitglieder auch noch mehr zu tun haben. Tatsächlich haben sich rund um The Notwist neben dem Netzwerk in Weilheim längst auch deutschlandweite und internationale Kontakte ergeben. Notwist-Mitglieder arbeiten mit amerikanischen Hiphoppern zusammen oder produzieren Tracks für Björk, basteln an Hörspielen und Filmsoundtracks mit und betreiben noch zig Bands und Soloprojekte wie Lali Puna oder das Tied & Tickled Trio nebenher. Außer den obligatorischen Remixaufträgen kümmert man sich auch noch um ein bandeigenes Kleinstlabel namens Alien Transistor.

Die Band aus Weilheim, die seit dem Aussteig ihres Schlagzeugers Martin Messerschmidt auf drei feste Mitglieder geschrumpft ist, funktioniert inzwischen wie Sonic Youth, die New Yorker Rockboheme-Institution, die man schon immer bewundert hatte.

Ein neues Notwist-Album soll ja auch immer mehr sein als bloß ein neues Notwist-Album. Hört man das Oeuvre dieser Band hintereinander weg, fällt wieder auf, wie erstaunlich ihr Werdegang ist. Das gleichnamige Debüt klang noch nach rumpeligem Post-Hardcore und Dinosaur-Jr.-Energieriffs. "Nook", entstanden in der Grunge-Welle 1992, streckte sich schon viel deutlicher hin zu Harmonien und Melodien. Darauf folgten die ersten Gehversuche mit Elektronik, Samples und Beats komplimentierten die Notwist-Klangphilosophie.

Nach dem Einstieg von Martin Gretschmann alias Console wurde man im Laufe der späten Neunziger zu Vorreitern einer Bewegung von Indietronic-Synthieschrauber-Bands, in denen auch einer Gitarre spielt. Es gibt somit keinen Notwist-Sound, den man immer wieder reproduziert, und es soll ihn auch nicht geben. Einzig der gepresste, schmeichlerische Gesang von Markus Acher, dem auch zu den wildesten Gitarren immer etwas Melancholisches innewohnt, blieb über die Jahre gleich.

"The Devil, You + Me" macht jedoch klar: Es gibt ihn inzwischen doch, den Notwist-Sound. Das Album ist kein weiterer Quantensprung, es findet kein erneutes Aufbrechen eines bereits eingeführten Sounds statt, sondern erstmals in der Geschichte der Band eine Kontinuität. Der auf "Neon Golden" bereits zur Meisterschaft gebrachte Elektronik-Blubber-Pop-Sound ist auch auf dem neuen Werk zu hören, wenngleich das Blubbern etwas zurückgenommen wurde. Wieder wurde geschichtet, hörbar gebastelt, Elektronik mit Orchesterarrangements verschmolzen, Bläsersätze mit Rockgitarren amalgamiert. Und wieder ist dabei Popmusik entstanden und keine musikalische Seminararbeit, was auch daran liegen mag, dass man in Olaf Opal ein Produzenten hat, der weiß, wie eine trockene Rockplatte klingen muss.

Trotzdem ist man nach dem ersten Hören von "The Devil, You + Me" eher enttäuscht. Es fehlt die Schockstarre, die beim ersten Hören neuer Sounds eintritt. Dann macht "The Devil, You + Me" mit einem, was nur wirklich gute Alben vermögen: Es wächst, und man wächst mit ihm mit. Man achtet auf die Details, erliegt der Stelle, wo ganz kurz beinahe technoartige Beats aufflackern, und denkt bei einem Streicher-Part an Strawinsky, für einen Moment jedenfalls. Die Geschichte einer Eigenbrötler-Band, die von einem bayerischen Kaff aus die Welt erobert, sie wird sich mit diesem Werk jedenfalls fortsetzen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de