Nach zwei Fehlstarts: Fluggastrevolte gegen Air Berlin

Air-Berlin-Passagiere rotteten sich in Nürnberg zusammen. Sie verlangten erfolgreich einen Ersatz für ihr defektes Flugzeug - mit Hilfe einer spontanen Unterschriftenaktion.

So fröhlich ist nicht jedem Passagier der Air Berlin zu Mute. Bild: dpa

Nun werden die Flugpassagiere rebellisch. Früher waren sie zu strengstem Gehorsam willig - geduldig anstehen, Taschen ausräumen, gegebenenfalls Schuhe ausziehen, Flüssigkeiten nur in kleinen Mengen im wiederverschließbaren Gefrierbeutel verpackt, der mehr kostet, als mancher Billigflug. Und nun hört man das: Am Sonntag aber lehnten sich Fluggäste der Air Berlin in Nürnberg (taz berichtete) auf und verlangten, ihnen möge ein neues Flugzeug zur Verfügung gestellt werden. Das alte hatte Probleme mit den Landeklappen, und die Boeing wurde zweimal wieder an den Finger herangefahren. Anstatt zur unchristlichen Zeit um 4.50 Uhr starteten 170 der 172 Passagiere dann erst um 18.30 in die Ferien nach Faro, das erste große Urlaubserlebnis hatten sie aber schon im Kasten.

Spinner? Übervorsichtige Skeptiker? Oder einfach nur Menschen, die sich auf ihren "sicheren" Instinkt verlassen haben? Eins ist klar: Die Angst um das eigene Leben spielte sicher eine Rolle, ein im Fluggeschäft nicht zu unterschätzender Faktor. Nicht aus Jux und Laune gerät man unter www.flugangst.de sofort auf die Seite der Deutschen Lufthansa. Angst verdirbt das Geschäft und Angstpatienten können zum Sicherheitsrisiko werden. Die Bilder von der störungsfrei surrenden Transportmaschine verpixeln vor dem inneren Auge. Zurückbleibt der Zweifel an der Perfektion und das Misstrauen gegenüber der Transportgesellschaft. Auch, weil der Passagier an sich, das hat eben das Passagiertum an sich, sich in fremde Hände begibt, um eben transportiert zu werden. Ein Gefühl der Machtlosigkeit kommt dabei heraus. In Zeiten, in denen jeder sein Konto selbst verwaltet und durch Handy und Computer ständig gewöhnt, Befehle herauszugeben, werden Situation, mit Kontrollverlust per se ängstlich beäugt. Gleichzeitig weiß man, dass das meiste, was in der Maschine "Flugzeug" vor sich geht, nicht dem eigenen Ermessen unterliegt. Und das senkt die Zweifel nicht, es hebt sie. Genau diese Zweifel und das Misstrauen können dem Passagier auch teuer zu stehen kommen. "Missbrauch ist strafbar", steht auf den Notbremsen im ICE, und auch wenn man versucht, eine Flugzeug zu stoppen, zieht das unter Umständen eine ganze Menge Ärger nach sich.

So führte wohl auch die Angst, unterfüttert durch die neuesten Bilder von ausgebrannten Flugzeugwracks, dazu, dass die Passagiere in Nürnberg handelten. Sie entschieden sich zur drastischsten aller deutschen Eingreifmaßnahmen: eine Unterschriftenaktion mit der Forderung nach einem Ersatzflugzeug.

Entscheidend hier: Es wurde keine in Gang gesetzte Maschinerie gestoppt, sondern der Lauf der Dinge am Boden geregelt, ein himmelweiter Unterschied. Bei allem Misstrauen gegenüber der technischen Seite des Fliegens, die störungsfrei surrende Transportmaschine hat auch ein menschliches Gesicht: die Pilotin oder den Piloten. Sie haben die Ausbildung und somit das Ermessen, Mängel festzustellen. "Der Kapitän hat die Bordgewalt", sagt so auch Beate Wagner von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und bezweifelt die Wirksamkeit der am Gate gestarteten Unterschriftenaktion. Auch der Carrier Air Berlin bestreitet dies. Eine Ersatzmaschine wäre, so eine Sprecherin der Fluggesellschaft, sowieso geliefert worden. Und dennoch: Eva Klaar von der Verbraucherzentrale Berlin begrüßt das Vorgehen. "Das ist im Interesse der Passagiere gut gelaufen", sagte sie der taz, "Und somit haben wir hier einen Einzelfall, in dem richtig gehandelt wurde. Von beiden Seiten." Sicher sei nur, dass daraus allein noch kein Rechtsanspruch hevorgeht. Immerhin aber wurde in diesem Fall die Angst der Passagiere ernst genommen - neben dem Wissen von der Maschine gehört zur Personenbeförderung eben auch das Wissen über den Menschen. Und der Mensch, der ist kompliziert und vielfältig. Was den einen heute stört, kann ihm morgen schon nichts mehr ausmachen. Und einige stört nichts, und anderen alles. Dass sich aber nun fast alle Fluggäste einig sind, zeigt die Verzweiflung, die dort tief unter den Wolken geherrscht haben muss.

Im Grunde zeigt das Eingreifen der Passagiere von Nürnberg das Dilemma, in dem man heute steckt: Einerseits möchte man mobil sein, andererseits den archaischen Wunsch nach Selbstbestimmung nicht aufgeben. Und das heißt auch in den immer schneller werdenden Transportmitteln, nicht die Gewalt über das eigene Leben abzugeben. Da kann der Kapitän noch so einen schönen Anzug tragen.

Ein gewisser Fatalismus aber ist im Flugverkehr nötig. Ein Passagier wird eben befördert und befördert sich nicht selbst, das war schon in der Postkutsche so.

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