Montagsinterview Schullleiter Wolfgang Harnischfeger: "Normale Schulen sind heute etwas Besonderes"

Egal ob Lehrermangel, Mittlerer Schulabschluss oder Zentralabitur - wenn es um Schule geht, fällt unter Garantie sein Name: Wolfgang Harnischfeger (65) leitet seit 19 Jahren das Beethoven-Gymnasium in Lankwitz.

Der Komponist: Ludwig van Beethoven ist im Beethoven-Gymnasium in Lankwitz allgegenwärtig. Auf Zeichnungen in den Fluren, als Büste im Arbeitszimmer von Schulleiter Wolfgang Harnischfeger und natürlich als Geist. Denn die Lehranstalt mit 900 Schülern hat einen musisch-ästhetischen Schwerpunkt. Sie ist so begehrt, dass bei der Anmeldung für die 7. Klassen viele Schüler abgewiesen werden müssen.

Der Oberstudiendirektor: Wolfgang Harnischfeger ist seit 1991 Schulleiter. Er ist Mitglied der SPD und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). In der GEW leitet er die Vereinigung der Berliner Schulleiter/innen. Im Sommer 2009 wird er pensioniert.

Harnischfeger wurde 1943 in Hessen geboren. Er ist in Johannisberg bei Fulda aufgewachsen und der Älteste von vier Söhnen eines Lehrers und einer Hausfrau. Der Vater war in dem Dorf Schulleiter, Organist und Kantor. Die vier Gebrüder sind alle in die Fußstapfen des Vaters getreten. Aber anders als Wolfgang (65) sind Alfred (63), Karl (61) und Georg (58) in Hessen und Hamburg Leiter von Gesamtschulen.

Mit seiner Frau, einer Gesamtschullehrerin, bewohnt Harnischfeger eine Dachgeschosswohnung am Savignyplatz. In seiner Freizeit musiziert er gern auf seinem Flügel oder arbeitet im Terrassengarten. Er hat zwei Töchter. Seine Enkelin geht in Kreuzberg zur Schule.

taz: Herr Harnischfeger, Sie haben gerade die Abiturienten verabschiedet. War 2008 ein guter Jahrgang?

Wolfgang Harnischfeger: Es war ein sehr leistungsstarker Jahrgang. In meinem Deutsch-Leistungskurs hatten 7 von 13 Schülern eine Eins. Die Generation ist gar nicht so phlegmatisch, wie immer behauptet wird. Sie lässt sich durchaus begeistern.

Überrascht Sie das?

Nein, ich habe eine gute Meinung von ihr. Ich frage mich aber, ob sie auch mit Frustrationen umgehen und Durchhaltevermögen entwickeln kann.

Wieso zweifeln Sie?

Diese Generation ist im Zeitalter der elektronischen Medien groß geworden. Sie wird mit Angeboten und Reizen überschüttet. Ihre ganze Lebensgestaltung und Weltwahrnehmung funktioniert nach dem Hier-und-jetzt-Prinzip. So wie die Computerspiele, bei denen man blitzartig auf Reizimpulse reagieren muss. Das Problem ist, dass sie sich im zwischenmenschlichen Bereich nicht viel anders verhalten. Nähe, Aufgehobenheit und Ergänzung - elementare Grundbedürfnisse, wie ich meine - lassen sich nicht auf Knopfdruck herstellen. Beziehungen brauchen Zeit und Kontinuität, nicht die Sucht nach ständig neuen Reizen. Hoffentlich werden das mal nicht sehr einsame Menschen.

Woher wissen Sie über die Lebenswelten Ihrer Schüler so gut Bescheid?

Weil ich mich für sie interessiere. Es ist faszinierend zu beobachten, wie junge Menschen ihre Orientierung suchen. Ich informiere mich im Internet und schaue Fernsehsendungen wie "Germanys Next Topmodel" oder "Gute Zeiten. Schlechte Zeiten". Glauben Sie aber nicht, dass ich den ganzen Abend davorsitze. Zehn Minuten reichen. Wenn ich Schüler frage, was sie mal werden wollen, lautet die Antwort oft: Irgendwas mit Medien und Kommunikation. Viele wissen noch nicht mal, welche Richtung sie einschlagen wollen.

Sie waren früher natürlich ganz anders.

Ich bin auf dem Dorf groß geworden. Ich war 12, als ich das erste Mal ferngesehen habe. Als Jugendlicher hatte ich zwei Ziele: Ich wollte ein berühmter Fußballer werden und ein berühmter Musiker.

Beide Ziele verfehlt.

Richtig. Mein Fußballtrainer hat immer gesagt: "Hör auf, Orgel zu spielen. Konzentrier dich auf Fußball." Und mein Musiklehrer hat gesagt: "Lass das Fußballtraining, übe Orgel." Da habe ich mich entschieden, beides als Hobby ohne berufliche Ambitionen weiterzubetreiben. Ich war vermutlich auch nicht talentiert genug.

Mit der Schule lief es auch nicht so gut. Sie sind sogar mal sitzengeblieben.

Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, ich bin mit vier Einsen sitzengeblieben: in Deutsch, Geschichte, Musik und Religion. Was ich nicht konnte, war Mathe, Physik und Chemie. Zwei Fünfen konnte ich ausgleichen. Aber drei Fünfen, das ging nicht. Das ist auch heute nicht möglich. Ich gebe zu: Die Schule lief bei mir absolut nebenbei. Ich habe auch kein sonderlich gutes Abitur gemacht.

Dann haben Sie Geschichte, Politik und Deutsch studiert und sind Lehrer geworden. Sind Sie ein richtiger 68er?

Damals war ich keiner. Ich habe 1971 geheiratet, als es noch hieß: "Wer zwei Mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment." Da war ich 27. Ich habe erst später gemerkt, dass ich ein 68er bin.

Sie haben sich scheiden lassen?

Das auch. Aber ich meine etwas anderes: die Einstellung zum Leben, zum Lernen, die Achtung vor dem Menschen, das Eintreten für diejenigen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, und selbst politisch zu sein - all diese Dinge, für die die Zeit der 68er steht, haben mich geprägt.

Könnten Sie sich vorstellen, an einer Haupt- oder Realschule zu unterrichten?

Nein. Ich habe mal eine Filmreihe über eine Hauptschule gesehen, da mussten die Lehrer den Schülern gut zureden, dass sie überhaupt in der Klasse blieben. Für mich wäre das nichts. Ich bin froh, dass ich an einer Schule bin, in der Schüler noch etwas lernen wollen und im Wesentlichen machen, was ihnen Lehrer und Eltern sagen.

Plädieren Sie dafür, dass das Beethoven-Gymnasium irgendwann mal mit einer Gemeinschaftsschule kooperiert?

Wir haben dazu im Kollegium gerade eine Fragebogenaktion gehabt. Die Ablehnung meines pädagogisch überdurchschnittlich engagierten Kollegiums war eindeutig. Wir haben uns hier eine harmonische, friedliche und leistungsstarke Schule erarbeitet, das wollen wir nicht aufs Spiel setzen.

Man könnte auch sagen, die Zufriedenheit einiger geht auf Kosten der Allgemeinheit. Die Leistungsstarken konzentrieren sich an den guten Schulen. Zurück bleibt der doofe Rest.

Das ist nicht mein Sprachgebrauch. Ich bewundere die Kollegen, die an solchen Schulen tätig sind. Ich habe drei Brüder, die in Hamburg und Hessen Gesamtschulen leiten. Sie schlagen sich genau mit dieser Klientel herum. Ich finde, die Arbeit dieser Lehrer müsste viel mehr gewürdigt werden.

Machen Sie es sich nicht zu einfach?

Ich kenne diese Position, in die Sie mich jetzt bringen, aus der GEW. Politisch ist die Idee der Gemeinschaftsschule auch die einzig richtige. Aber warum muss ich mich eigentlich dafür entschuldigen, dass ich eine Schule leite, in der die Abiturienten Tränen in den Augen haben, wenn sie gehen? Eine Schule, die ihnen geholfen hat, freie Individuen zu werden? Wir sind eine normale Schule. Wir haben normale Bedingungen, aber das Normale ist heutzutage etwas Besonderes. Das und nichts anderes ist das Problem.

Wenn Sie so überzeugt von der Notwendigkeit von Gymnasien sind, wieso sind Sie dann in der GEW und nicht im konservativen Philologenverband, der Organisation der Gymnasiallehrer?

Vom Philologenverband unterscheidet mich vieles. Ich stelle den Fördergedanken nach vorn und nicht die Auslese. Wobei ich sehr viel Sympahie habe für Leute, die etwas richtig gut können. Außerdem bin ich seit 1969 in der SPD, auch wenn ich nicht mit allem übereinstimme.

Sind Sie ein Gefühlslinker?

Links und rechts sind Begriffe und eigentlich nur für Postboten geeignet. Ich bin ein Mensch, der selber denkt. Ich rege mich über über Ungerechtigkeiten auf, deshalb bin ich nicht konservativ. Allerdings lebe ich konservativ.

Wie äußert sich das?

Ich bin ein ganz bürgerlicher Mensch. Ich habe eine schöne Dachgeschosswohnung und bin seit 30 Jahren mit derselben Frau liiert. Ich arbeite 70 Stunden in der Woche und lebe sehr diszipliniert. Ich schütte mir abends nicht die Birne zu und treibe Sport. Ich lese viel und sehe ab und zu dämliche Fernsehsendungen. Meine Kinder sagen, ich fahre ein Bonzenauto.

Lassen Sie uns raten: Sie fahren die E-Klasse von Mercedes. So bezeichnen Sie ja auch das Beethoven-Gymnasium im Vergleich mit anderen Berliner Schulen.

Falsch. Ich fahre einen Saab. Und wenn Sie mich schon zitieren, dann bitte genau: In der Abi-Rede 2008 habe ich gesagt, die Beethovenschule sei so etwas wie die obere Mittelklasse unter den Autos.

Also doch Elite.

Wir sind Elite. Aber wir müssen das nicht als Anspruch vor uns hertragen. Schauen Sie sich unsere Abiturergebnisse an. Hören Sie sich unsere Schüler-Big-Band an. Sie werden in Berlin keine vergleichbare finden.

Ihre Frau ist Lehrerin an einer Gesamtschule. Gibt es wegen unterschiedlicher politischer Auffassungen in der Schulfrage zu Hause Zoff?

Zoff? Nein. Natürlich reden wir darüber. Aber nicht im Sinne von gut oder böse.

Würden Sie heute noch mal Lehrer werden?

Vermutlich nicht. Junge Lehrer werden saumäßig schlecht bezahlt. Aber zu unterrichten finde ich nach wie vor wunderbar.

Sind Sie als Rektor eigentlich beliebt?

Ich bin ein akzeptierter Schulleiter und komme gut mit Schülern klar, sagen wir es mal so.

Sie haben zwei erwachsene Töchter. Waren Sie als Vater auch so ein guter Pädagoge?

Ich habe da Zweifel. Aber das müssen Sie meine Töchter fragen.

Wie war es, als die Mädchen in der Pubertät waren?

Wir haben uns gefetzt. Sagen Sie mal einer 14-, 15-Jährigen, die ohne ihre Eltern nach Griechenland will, dass das nicht geht.

Wer hat sich durchgesetzt?

Meine Kinder wollten immer den riskanteren Weg gehen. Es ist mal so und mal so ausgegangen.

Harnischfeger, der Vater, und Harnischfeger, der Lehrer, lagen also im Widerstreit?

Könnte man sagen. Der Vater hat gesagt, das Kind kann die Situation noch nicht übersehen, es droht Schaden zu nehmen. Der Pädagoge hat gesagt: Hab Vertrauen, das Kind wird es schon machen. Irgendwann muss man den Kopf ausschalten und handeln. Ich habe ja tausende von jungen Menschen an mir vorbeiziehen sehen. Ich habe ganz unterschiedliche Kinder erlebt. Das Wunschkind mit mustergültiger Karriere genauso wie den Schüler, der im Halluzinationswahn zu Hause aus dem Fenster gesprungen ist.

Was ist aus Ihren Töchtern geworden?

Sie haben den Vater überstanden. Die eine ist Sozialpädagogin; die andere möchte gern Lehrerin werden. Ich glaube, sie ist sehr gut geeignet.

Das kommende Schuljahr wird Ihr letztes sein. Was wird es bringen?

Dasselbe wie das vergangene. Kollegen motivieren, Schüler ermutigen, um neue Lehrer kämpfen.

Und dann - für immer große Ferien?

Das würde ich mich langweilen. Nein. Ich werde mir eine Orgel kaufen und Unterricht nehmen. Und ich möchte zusammen mit anderen erfahrenen Schulleitern zwei Jahre lang junge Schulleiter-Kollegen coachen. Außerdem möchte ich Drehbuchschreiben lernen. Mich ärgern diese dummen Plots, die in Filmen so häufig vorkommen.

Haben Sie schon eine Geschichte im Kopf?

Keine spezielle. Aber ich habe meinen Kindern zehn Jahre lang jeden Abend eine ausgedachte Geschichte erzählt. Mir fällt immer was ein.

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