Montagsinterview Chansonforscherin Evelin Förster: "Junge Leute reduzieren die 20er-Jahre auf Federboas"

Evelin Förster ist eine der wenigen Frauen, die über die Chansonkultur der 1920er-Jahre forscht. Sie hat mehr als 3.000 Texte fast vergessener Künstlerinnen in Archiven aufgestöbert.

Evelin Förster in ihrem Arbeitszimmer. Bild: Wolfgang Borrs

taz: Frau Förster, genauso habe ich mir unsere kleine Wohnzimmerplauderei vorgestellt. Sie tragen Wasserwelle, wir trinken Tee aus schmucken Sammeltässchen.

Evelin Förster: Also die Wellen muss ich mir nicht aufwendig legen, ich habe naturgelocktes Haar. Und der Tee und die Tässchen, nun ja, so war es eben während der sogenannten Goldenen Zwanziger, deren gesellschaftliches Zentrum Berlin war. Die Damen luden sich gegenseitig zum Jour fixe in ihre Villa im Grunewald ein.

Und plauderten über Mode und Kosmetik?

Richtig. Hier habe ich eine Originalausgabe der Zeitschrift Die Dame aus dem Jahr 1928. Das Lesepublikum war die moderne Frau aus den besseren Kreisen. Schauen Sie, der Artikel über "Büstenberichtigungen", schon damals leistete man sich Schönheitsoperationen. Auch gab es "Damenwagen" mit Schminkspiegel und Blumenvase. Erst seit 1904 durften Frauen Auto fahren und brauchten natürlich passende Accessoires. Man war schließlich nicht irgendwer.

Sie sind auch nicht irgendwer, sondern eine elegante Chansonnette. Sie hätten perfekt in die damalige Zeit gepasst, finden Sie nicht?

Oh ja, aber nur mit einem Bugatti vor der Haustür. Wie sagte Brecht so schön: "Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm." Denn in den zugigen Hinterhofwohnungen glänzten die Goldenen Zwanziger kaum, und sie bezogen sich ja überhaupt nur auf die wirtschaftlich stabilen Jahre zwischen 1924 und 1929. Gleichzeitig war das Leben der Frauen sehr eingeschränkt, die wilhelminischen Anstandsregeln aus der Kaiserzeit gerieten gerade erst ins Wanken. Für mich sind Benimmbücher wie "Die perfekte Dame" ein herrlicher Fundus, um meine Chansons zu bereichern. Damals gab es halt noch richtige Tabus. Ich lebe tatsächlich lieber heute, versetze mich als Künstlerin aber gerne in das damalige Lebensgefühl hinein.

Wie lebte man denn damals? Und vor allem: Wo amüsierte man sich am Abend?

Evelin Förster wird 1955 in Altenburg in Thüringen geboren. Sie studiert an der Staatlichen Ballettschule Leipzig und absolviert eine Gesangsausbildung an der Fachschule für Musik in Leipzig. Ihr Geld verdient sie zu DDR-Zeiten mit "Tagesschlagern", die sie auf Betriebsfeiern singt. Als 1985 ihre Mutter Republikflucht begeht, bekommt sie keine Aufträge mehr.

Noch vor der Wende reist sie nach Westberlin aus und spezialisiert sich als Sängerin auf Chansons aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Sie hat Rundfunk- und Fernsehauftritte und hospitiert bei Frank Castorf am Deutschen Theater.

Ihr Soloprogramm gliedert sie thematisch. Eine Auswahl: "Leben in der Großstadt" ist ein musikalischer Spaziergang durch das Berlin Heinrich Zilles. "Der Herr Lehmann hat die Lu gezwickt …" sind sommerfrische Badechansons, und in "Olala, Olala! Herrgott ist das Mädel schick" trägt Evelin Förster kuriose Anstandsregeln für die "moderne Frau" aus den "Goldenen Zwanzigern" vor. 1994 bringt sie ihre CD "Ach, die Kerle … Chansons über die Liebe" heraus.

2001 beginnt Evelin Förster mit ihrem Forschungsprojekt "Die Frau im Dunkeln", das sie bis heute umtreibt. Sie recherchiert in Archiven nach Texten fast vergessener Komponistinnen und Autorinnen im Genre Chanson und Unterhaltungsmusik von 1901 bis 1935. Dafür erhält sie diverse Arbeitsstipendien.

Nach den harten Kriegsjahren herrschte in Berlin eine enthusiastische Aufbruchstimmung. Die Kunst und Presselandschaft war äußerst vielfältig, allein 1928 gab es 147 Tageszeitungen! Man besuchte verruchte Tingeltangelshows und feine Revuen, etwa im Admiralspalast. Das Vergnügungshaus Vaterland am Potsdamer Platz hatte gar fünf Etagen. Bereits 1901 eröffnete am Alexanderplatz das Überbrettl, das erste deutsche Kabarett. Die Berliner hatten sich damit eine französische Spezialität an die Spree geholt. Die frivolen oder satirischen Chansonabende entwickelten sich bald zur Massenkultur.

Sie haben über 3.000 Chansontexte von Sängerinnen in Archiven aufgestöbert. Galt eine Dame auf der Bühne denn als "schicklich"?

Nicht unbedingt. Die oft leichte Bühnenbekleidung der Künstlerinnen verletzte das Sittlichkeitsgefühl des Bürgertums. Man "dekorierte" sich zwar gerne mit "leichten Musen", aber eine anständige Frau als Chansonnette in einem Taftkleid, das womöglich Froufrou war, also erotisch knisterte? Unmöglich, zumal die Kabaretts nicht vor Mitternacht öffneten. Auch die Themen waren mitunter anzüglich. Eddy Beuth etwa kassierte als 15-Jährige eine schallende Ohrfeige, weil sie beim Jour fixe ihrer Mutter Lieder über Berliner Prostituierte vortrug.

Bei Ihrem letzten Auftritt in der Berlinischen Galerie waren Sie selber gar nicht in Froufrou gekleidet.

Nein, ich bevorzuge eine weite Anzughose, Hemd und Schlips. Ich muss ja nicht nur die laszive Dame mimen, sondern auch die kesse Berliner Göre. Da brauche ich viel Bewegungsfreiheit und Flexibilität.

Noch einmal zurück zu den Chansonnetten. Was waren das für Frauen?

Die "Vortragskünstlerinnen" kamen aus unterschiedlichen Milieus. Erika Mann etwa war aus einer großbürgerlichen Familie, hatte aber einen relativ toleranten Vater. Emmy Hennings war völlig verarmt und schnitt sich ihre Haare ab, um sie zu verkaufen. Und Claire Waldoff arbeitete sich als Provinzlerin hoch zur Kabarettkönigin Berlins. Gesellschaftlich angeeckt sind sie alle.

Waren die Künstlerinnen damals eigentlich auch ein Sprachrohr der gerade erstarkenden Frauenbewegung?

Ja, Chansons reflektierten die Neuerungen der Zeit. Die "neue Frau" hatte 1918 das Wahlrecht erlangt und bekam Zugang zu den Universitäten. Ihr Selbstverständnis wandelte sich grundlegend, sie trug Bubikopf und rauchte Zigaretten. Margo Lion etwa war extravagant und mutig. In ihrem Chanson "Lheure bleu" kritisierte sie den Schönheitswahn der Frauen, die in den Augen vieler Männer nichts mehr waren als schmucke Sammeltässchen. Und Marcellus Schiffer schrieb ihr die Zeilen: "Man muss voll Schaudern die Nacht durchplaudern. Und hat seit Tagen sich nichts zu sagen." Eine klare Kritik an der Oberflächlichkeit der Gesellschaft.

Sind Sie selber auch extravagant und mutig, Frau Förster?

Ich denke, schon. In der DDR arbeitete ich als Schlagersängerin; als meine Mutter Republikflucht beging, wurde ich schikaniert und bekam keine Aufträge mehr. Am 8. März 1989, also am Internationalen Frauentag und ein gutes halbes Jahr vor dem Mauerfall, reiste ich nach Westberlin aus und machte mich als Künstlerin selbstständig. Ich war Anfang dreißig und fühlte mich alt genug, jetzt Chansonsängerin zu werden. Trotzdem hat dieser Schritt Mut gekostet.

Ab wann ist man denn alt genug fürs Chansonsingen?

Es braucht schon ein wenig Souveränität, um nachdenkliche Texte richtig zu interpretieren. Ein ganz junges Mädchen wirkt doch unglaubwürdig, wenn es etwa "Leben ohne Liebe" von Mischa Spoliansky singt.

Warum sind Sie denn überhaupt Chansonnette geworden?

Na, hören Sie doch einmal genau hin. Spreche ich mit glockenhellem Sopran? Nein. Schon während meiner Gesangsausbildung merkte ich, dass meine herbe, dunkle Stimme perfekt ist für das Vortragen von Chansons. Außerdem liebe ich das Lebensgefühl der Zwanzigerjahre, die mondäne Eleganz, den anrüchigen Charme der Kabaretts. Das Singen erfüllt mich zutiefst und das merkt auch mein Publikum. In der Berlinischen Galerie liefen einer Frau gar die Tränen.

Das Ende der Weimarer Zeit ist ja auch zum Weinen. Schlug sich eigentlich zum Schluss auch nationalsozialistisches Gedankengut in den Chansons der Weimarer Republik nieder?

Wirklich "völkisch-rassistische" Texte habe ich bisher nicht gefunden, schon allein weil viele der Künstlerinnen Jüdinnen waren und 1935 Auftrittsverbot bekamen. Mit der Machtübernahme Hitlers wurden Kabaretts größtenteils verboten und fast die komplette Berliner Künstleravantgarde emigrierte, darunter die Chansondichterin Mascha Kaléko. Viele gerieten in Vergessenheit - ein herber Verlust.

Mit Ihrem Forschungsprojekt "Die Frau im Dunkeln" versuchen Sie, diesen Verlust etwas auszugleichen?

Mit meiner Arbeit will ich die Chansons fast vergessener Künstlerinnen würdigen. Ich archiviere die Texte aber nicht nur, sondern lasse sie gleichzeitig auf der Bühne lebendig werden. Ich bin eine der wenigen Frauen, die über Kabarettkultur forschen. Die meisten Wissenschaftler sind männlich, da werden weibliche Künstlerinnen schnell vernachlässigt. Anlass für meine Recherchen war übrigens das Textbuch der Operette "Die Frau im Dunkeln" von Eddy Beuth, das ich 2000 durch Zufall auf einem Trödelmarkt entdeckte. In diesem Moment wusste ich: Du musst dich auf Spurensuche begeben.

Sind im heutigen Berlin eigentlich noch Spuren der "Goldenen Zwanziger" vorhanden?

Kaum. Es gibt noch ganz wenige Varietés und Kabaretts, den Wintergarten und den Admiralspalast zum Beispiel. Man findet Comedy en masse, ich vermisse aber ein gepflegtes Kabarett, in dem das gesprochene Wort stilvoll präsentiert wird. Auch ein schönes Café im Stil der Zwanzigerjahre ist mir nicht bekannt.

In Mitte kann man Nostalgiepartys feiern!

Die interessieren mich herzlich wenig. Meine Arbeit ist es, die damalige Gesellschaft in ihrem Facettenreichtum darzustellen. Die jungen Leute reduzieren die Zwanzigerjahre lediglich auf das Klischee der Federboa.

Das klingt aber nicht besonders nett, Evelin. Oh, Entschuldigung. Jetzt habe ich Sie aus Versehen geduzt.

Das ist nicht schlimm. Ich würde aber trotzdem gerne erst mal beim Sie bleiben, ich erhalte gerne eine respektvolle Distanz. Noch eine Tasse Tee?

Ja, bitte. Anscheinend legen Sie Wert auf Etikette?

Definitiv, ja. Ich bin keine zickige Diva, lege aber Wert auf gepflegte Umgangsformen und ein angenehmes Äußeres. Disziplin ist wichtig im Leben. Ich stehe jeden Morgen früh auf und fange an zu arbeiten. Ich könnte es nicht ertragen, bis in den Mittag zu schlafen. Ich hatte schon als Kind Tanzunterricht und habe Ballett studiert, war also früh an einen straffen Tagesablauf gewöhnt.

Also zurück zu den Anstandsregeln der Kaiserzeit?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin weder verklemmt noch zugeknöpft. Letztendlich lebe ich in Berlin, weil Franz von Suppés Zeilen "Du bist varickt, mein Kind. Du mußt nach Berlin!" ganz die meinen sind. Aber ich bin jetzt 53 Jahre alt - da überlegt man sich schon, was man im Leben noch erreichen will. Aktuell produziere ich ein Hörbuch mit Originalvertonungen der Chansonnetten, und für mein Forschungsprojekt sind noch längst nicht alle Quellen erschlossen. Ich merke einfach, wie wertvoll jeder einzelne Augenblick geworden ist und dass ich ihn effektiv nutzen will.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben