Mehr Azubiplätze als Bewerber: Jugend wird zur heißen Ware

Der demografische Wandel machts möglich: Erstmals seit sieben Jahren gibt es mehr offene Lehrstellen als Bewerber. Auch das Wirtschaftsinstitut IW meldet Fachkräftemangel.

Eine Lehrstellenlücke gibt es nicht mehr - doch im Osten fehlen weiter Ausbildungsplätze. Bild: dpa

Die Nachricht war so gut, dass sich am Montag Vertreter aus gleich drei Ministerien und drei Wirtschaftsverbänden versammelten, um die Neuigkeit der Presse zu verkünden. Erstmals seit sieben Jahren gibt es in Deutschland keine "Lehrstellenlücke" mehr. Ende September standen in der Statistik 5.000 mehr offene Lehrstellen als Bewerber, teilte die Bundesagentur für Arbeit mit.

Die erfreuliche Bilanz ist vor allem auf die demografische Entwicklung zurückzuführen. Nur noch 620.200 junge Erwachsene bewarben sich über die Arbeitsagentur zum Ausbildungsjahr 2007/2008 um eine Lehrstelle, ein Jahr zuvor waren es 114.000 InteressentInnen mehr gewesen. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze blieb in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Im Osten gab es allerdings keinen Lehrstellenüberhang, sondern immer noch mehr unversorgte Bewerber als Plätze. Jeder zweite Interessent war zudem ein sogenannter "Altbewerber". Das heißt, der Schulabschluss lag hier um mindestens ein Jahr zurück. Der Anteil der Altbewerber an den Lehrstellensuchenden ist im Vergleich zum Vorjahr jedoch nicht gestiegen.

Der demografische Rückgang trägt dazu bei, dass sich der Wind zugunsten der BewerberInnen dreht. So müssten die Handwerksbetriebe künftig um ausreichend Nachwuchs "kämpfen", erklärte der Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Hanns-Eberhard Schleyer.

Es gebe aber noch zu viele Jugendliche, denen der Übergang in Ausbildung nicht oder nur sehr schwer gelinge, erklärte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. So wolle man mit der Integrationsbeauftragten und Staatsministerin Maria Böhmer konkrete Schritte verabreden, um die Bildungschancen junger Migranten zu verbessern.

Laut Statistik der Arbeitsagentur machten Jugendliche mit ausländischer Staatsangehörigkeit rund 9 Prozent aller BewerberInnen aus, aber 12 Prozent der unversorgten Stellensuchenden. Böhmer wies darauf hin, dass die Ausbildungsquote ausländischer Jugendlicher von 1994 bis zum Jahr 2006 von 34 auf 23 Prozent gesunken sei. Bei den deutschen Jugendlichen sackte die Quote nur von 67 auf 57 Prozent ab. Die Quote beziffert den Anteil der Leute mit Berufsausbildung an den BürgerInnen der gleichen Gruppe. Bildungsexperte Joachim Ulrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) erklärte, Unternehmen im Mittelstand müssten sich künftig "zwangsläufig" verstärkt öffnen für Bewerber mit Migrationshintergrund. Der Übergang von der Hauptschule in den Beruf rücke zudem verstärkt in den Fokus. UIrich nannte das Beispiel der Stadt Iserlohn, die an Hauptschulen bereits mit SchülerInnen aus den 8. Klassen verbindliche Verträge abschließt, in denen diesen nach ihrem Abschluss ein Ausbildungsplatz garantiert wird. Im Gegenzug verpflichten sich die Jugendlichen zum regelmäßigen Besuch der Schule und von Berufsorientierungsprogrammen. In einem bundesweiten Pilotversuch an 1.000 Hauptschulen sollen Berufseinstiegsbegleiter den Jugendlichen beim Übergang in eine Ausbildung beistehen.

Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) meldete einen Engpass an Fachkräfte in "MINT"-Berufen, also Ingenieure, Techniker und Facharbeiter in den Metall- und Elektroberufen. Laut der IW-Umfrage wollen 36 Prozent der Unternehmen bis Ende 2009 mehr Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung einstellen und nur 6 Prozent entsprechende Stellen abbauen. Der Fachkräftebedarf dürfte sich ungeachtet der Auswirkungen der Finanzkrise stabil entwickeln, hieß es beim IW.

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