Mangelnde Hygiene in Krankenhäusern: 800.000 Infektionen im Jahr

Viele Ärzte und Pflegekräfte arbeiten unhygienisch. Jedes Jahr ziehen sich deshalb 800.000 Patienten im Krankenhaus eine Infektion zu.

"Aktion Saubere Hände" gestartet: Berliner Charité Bild: dpa

Das Plakat auf dem Flur klingt so, als sollte es Schulkinder ermahnen. Doch der Slogan "Aktion Saubere Hände" in einer Berliner Klinik soll Ärzte und Pflegepersonal dazu anregen, sich öfter die Hände zu desinfizieren, damit sie hygienischer arbeiten. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist dringend nötig.

Denn die Zustände in vielen deutschen Krankenhäusern sind so schlecht, dass sich 800.000 Menschen im Jahr durch die Übertragung von Krankheitserregern eine Infektion zuziehen, wie die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) berechnet hat. Davon erkranken 64.000 Menschen an einer Blutvergiftung - 25.600 von ihnen sterben daran.

"Das wäre durch das Einhalten von Hygienevorschriften vermeidbar", sagt Klaus-Dieter Zastrow, Vorstandsmitglied der DGKH und Facharzt für Hygiene. Jeder Mensch trage zwar Keime mit sich herum. "Aber wenn sie im Krankenhaus in offene Wunden gelangen, kann es kritisch werden." Die Infizierung kann beispielsweise passieren, wenn Verbandsmaterial gewechselt wird oder wenn Fäden gezogen werden. Die Erreger, die das Personal auf die Patienten überträgt, befinden sich oft auf dem Kittel oder einem Stethoskop, das nicht ausreichend desinfiziert wurde. "Die wichtigste Rolle spielen die Hände, weil man die überall mit hinträgt", sagt Zastrow. Wer seine Hände kürzer als 30 Sekunden mit dem alkoholhaltigen Desinfektionsmittel einreibe oder danach wieder schmutzige Gegenstände anfasse, verhalte sich nicht hygienisch. "Das gefährdet alle Patienten, die in Krankenhäusern liegen", warnt Zastrow.

Eigentlich sollten Hygienevorschriften bei Ärzten und Personal bekannt sein. Jeder Medizinstudent lernt sie. Auch Martin Stock*, ein angehender Arzt aus Berlin, hat solche Richtlinien für Klausuren gepaukt. Der erste Tag im Praktischen Jahr im Krankenhaus war für ihn ein Schock. Vieles, was er in der Uni über Hygiene gelernt hatte, wurde missachtet. Dabei liegen auf seiner Station auch Patienten mit multiresistenten Erregern - Keime, die gefährlich sind, weil Antibiotika ihnen nichts mehr anhaben. "Für diese Patienten muss man ein eigenes Gerät zum Blutdruckmessen verwenden - aber auf meiner Station gibt es davon nicht genug", erzählt Stock. Deswegen wird es auch für gesunde Patienten benutzt. "Dabei sollte das wegen Infektionsprophylaxe eigentlich Standard sein."

Dass die Vorschriften nicht eingehalten werden, hat viele Gründe - der Hygienefacharzt Zastrow nennt sie "Ausreden". Die Richtlinien seien zu umständlich, so heißt es, zu übertrieben, man habe keine Zeit. Zastrow fordert, dass alle Krankenhäuser in Deutschland Fachärzte einstellen, die sich auf Hygiene spezialisiert haben. Von den über 2.000 Kliniken hätten derzeit nur 5 Prozent solches Personal eingestellt. "Man bräuchte mindestens 400 Ärzte, die Arbeitsrichtlinien für die Krankenhäuser erstellen und ihre Einhaltung überwachen."

Die Regierung hat stattdessen in Zusammenarbeit mit einem Institut der Charité das Programm "Aktion Saubere Hände" gestartet. Rund 400 Krankenhäuser nehmen teil und haben sich verpflichtet, Händedesinfektionsspender in der Nähe der Patienten anzubringen und den Verbrauch zu messen. "In der Charité hat sich in einer Intensivstation der Verbrauch schon verdoppelt", sagt Petra Gastmeier, Fachärztin für Hygiene an der Charité. Krankenhaushygiene werde unterbewertet. "Eher Ärzte, die technisch toll operieren, haben ein hohes Ansehen", sagt Gastmeier. Aber nicht, wer sich richtig die Hände wäscht.

* Name von der Redaktion geändert

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