Leidenschaftlicher Auskenner : Benedict Maria Mülder | 1955-2020
Unser taz-Mitgründer Benedict Maria Mülder machte sich schnell einen Namen als Rathaus-Reporter, der die politischen Intrigen der Mauerstadt Westberlin kannte wie kein Zweiter. Seine bürgerliche Herkunft half, Brücken zu schlagen – lange bevor überhaupt jemand an Schwarz-Grün dachte.
taz Hall of Fame | Benedict Maria Mülder zog Mitte der 70er nach Westberlin. Geografisch gesehen kam er aus Emsdetten, einer Kleinstadt nördlich von Münster, katholisch, konservativ. Politisch gesehen kam Benedict vom Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW). Er war ein Kader der maoistischen Kleinpartei. In der Mauerstadt studierte er an der Freien Universität Geschichte und Publizistik.
Benedict schloss sich der Westberliner taz-Initiative an, das waren vor allem Anarchisten, Spontis und Linksliberale. Der Stalinist wurde umerzogen, was ihm entgegenkam, und wurde ein wacher Geist, der gern Dinge hinterfragte. Als im Dezember 1980 eine wilde Hausbesetzerbewegung die Halbstadt auf den Kopf stellte, war er Redakteur der gerade gegründeten „taz Berlin“, des Berliner Lokalteils.
Als leidenschaftlicher Journalist wollte er weg vom Schreibtisch. Während seine Kollegen Michael Sontheimer und Benny Härlin sich in den Besetzerräten herumtrieben, auf den Straßenschlachten und Punkkonzerten, ging Benedict lieber ins Rathaus Schöneberg, den Sitz des Regierenden Bürgermeisters und des Westberliner Landesparlaments.
Party mit der CDU
Nach einer Weile entging dem Rathaus-Reporter kaum eine Intrige, kaum eine wichtige Personalie in der Westberliner Politik. Wenn der Redaktionsschluss nahte und ein Zweispalter fehlte, hieß es: „Hey, Benedict, hast du nicht noch 60 Zeilen über irgendwelchen Parteikram?“ Bei einer Endlosserie über die FDP fügte ein Säzzer als Untertitel an „FDP-Querelen, Folge 39“, fortan wurde weitergezählt. Das Kürzel, mit dem er viele seiner Berichte zeichnete, war bmm.
Er wohnte zunächst in einer dieser Wohngemeinschaften mit taz-Gründer*innen, dann mit seiner damaligen Freundin und taz-Kollegin Sabine Porn in einer Neuköllner Fabriketage. Als sie dort eine Party gaben, kamen CDUler vorbei, aber auch Grüne, der Sozi Walter Momper, der spätere Regierende Bürgermeister.
Im Westberlin der 80er ging Benedict habituell und geistig dorthin zurück, wo er hergekommen war, zur Bourgeoisie und zum Katholizismus. Er trug gern Tweedjacketts und mit dem Monogramm seiner Familie gezierte Hemden. Dass sein Vater mit der Kutsche in die Fabrik der Familie chauffiert wurde, ist nicht verifiziert, Benedict erzählte es jedenfalls so.
Seiner Zeit voraus
Nachdem er die taz 1986 verlassen hatte, recherchierte und produzierte er Dokumentarfilme und Beiträge für TV-Magazine. Er arbeitete für den SFB, „Aspekte“, Arte und andere, gern über kulturpolitische Themen.
Von heute aus betrachtet war Benedict einer der ersten Grün-Schwarzen, die nun eine reale Machtoption im vereinigten Deutschland darstellen. So gesehen war bmm seiner Zeit deutlich voraus. 🐾
🐾 Dieser Nachruf unserer ehemaligen taz-Redakteure Michael Sontheimer und Wolfgang „Zaggi“ Zügel erschien am 20. Dezember 2020 in der taz.