Künstler Schwontkowski über das Malen: "Ich habe es erst spät verstanden"

Der Bremer Künstler Norbert Schwontkowski hatte sich schon für die Gegenständliche Malerei entschieden, als die meisten Großkünstler noch Farbtafeln produzierten.

Der Maler Norbert Schwontkowski in seinem Atelier. Bild: kathrin doepner

taz: Herr Schwontkowski, Sie kehren nach Ihren Reisen immer wieder nach Bremen zurück …

Norbert Schwontkowski: Manchmal muss man mal kurz weg sein, um zu merken, was hier das Gute ist.

Was ist es denn?

Bremen ist ruhig - nicht so nervös - und kennt eigentlich keinen Hype. Das ist ein Vorteil. Der Bremer weiß gar nicht, was das ist - höchstens im Fußball.

Da ist der Kunstmarkt anders: Wie war das für Sie, als Sie vor ein paar Jahren plötzlich den Durchbruch hatten?

Ich habe das genossen. Aber es war nicht so als hätte ich darauf hingearbeitet: Ich war ganz einverstanden, mit dem Leben, so wie es war. Ich machte das, was ich wollte, ich konnte davon leben, ich hatte meine Krisen hinter mir - und irrsinnig viel Selbstbewusstsein. Als es dann kam, und es gab plötzlich hier eine neue Ausstellung und dort eine Einladung - da war das für mich mehr so wie ein ungläubiges Staunen: Holla!, das geht also auch. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Weil's so lange gedauert hat …?

Ich habe ja auch erst spät verstanden, dass ich ein Maler bin. Zuerst hatte ich auch mit anderen Medien experimentiert …

Norbert Schwontkowski, 60, studierte Malerei an der Hochschule für Gestaltung in Bremen. Erst spät wurde er von den größeren Galerien entdeckt, etwa im Jahr 2005 von der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts. Nach Lehraufträgen in Bremen und Greifswald sowie einer Gastprofessur in Braunschweig ist Schwontkowski seit 2005 Professor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.

Und dann?

Das war in Italien. Ich war da 40 und mit meiner damaligen Freundin unterwegs. Da sind wir in eine Fra Angelico-Ausstellung gegangen, in einer Kirche. Das war wie eine blitzartige Erkenntnis: Ja, das ist der Zusammenhang, in dem stehst auch du - das ist die Malerei.

Gegenständliche Malerei war damals eine Außenseiterposition: Woher kam die Lust an wiedererkennbaren Motiven?

Ich habe Malerei von Anfang an als eine Art begriffen, Geschichten zu erzählen. Es ist wie eine Sprache, die sich neben der Wortsprache entwickelt hat.

Und welche Rolle spielt dabei der abstrakte Bild-Grund?

Ich nenne das gerne Stimmungsfelder. Was mich dabei vor allem interessiert, ist die Spannung zwischen Beherrschbarem und Unbeherrschbarem: Zuerst ist der Grund so ein fester Brei, den bringe ich mit einem Rakel auf die Leinwand auf, fast wie mit einem Spachtel. Daraus entsteht so etwas wie ein atmosphärisches Feld. Und doch ist das unkontrollierbar, denn je nachdem, wie dieser Brei zusammengesetzt ist, schlägt das auch um: Wenn da zum Beispiel zu viel Kupferoxid drin ist, kippt das Rote ins Grüne.

Also ein individueller Grund …?

… ein sehr individueller Grund!

Dessen Gestaltung Zeit kostet.

Ja, vor allem bei den frühen Sachen, wo ich oft noch lange ausprobieren musste, bis es das war, was ich suchte: Da ist der Grund oft sehr dick, manchmal schon wie ein Brett.

Die Motive wirken dagegen immer flüchtig ausgeführt …

Das sind sie auch! Die male ich möglichst schnell. Der andere Weg wäre, schön und genau zu malen - ich male eher, sagen wir: ungelenk und schnell. Damit schalte ich die Kontrolle aus.

Kann dann nicht sogar das Motiv wegfallen?

Ich fürchte sogar, das könnte passieren - dass ich irgendwann dahin komme, gegenstandslos zu malen. Die Frage ist wirklich, ob das ohne Motive nicht auch gute Bilder wären. Da merkt man, wie nahe man Auffassungen von Malerei eigentlich ist, mit denen ich nicht so viel zu tun haben möchte, also den Farbtafeln von konkreter Malerei …

… nur dass Sie noch Motive dazu suchen?

Nein. Das Motiv ist immer zuerst. Ich suche den passenden Grund zum Motiv …

… das woher kommt?

Ich habe immer einen Skizzenblock bei mir: Das sind Hefte, die heißen merkwürdigerweise "Brunnen". Die passen genau in eine Jackentasche. Von denen habe ich inzwischen etwa 500 vollgezeichnet.

Mit Reise-Eindrücken?

Nein, das ist völlig unabhängig vom Ort, wo ich mich gerade befinde. Die entstehen eher wie durch eine Art surrealistischen Trick: Also wenn man absichtlich unscharf guckt oder peripher sieht, aus dem linken Augenwinkel etwas beobachtet und etwas anderes aus dem rechten …

Zum Beispiel?

Etwa wenn du morgens früh aufstehst und hast gerade etwas Komisches geträumt, worüber du keine Macht hast. Oder du fährst im Zug, und dann denkst du an deine Mama oder an deine Geliebte oder daran, dass du versprochen hast, übermorgen Eierkuchen zu backen - egal. Mit einem Mal rutscht etwas dazwischen von den Dingen, die da so vorbeirauschen: Windräder, es fängt an zu regnen, die Sonne geht auf, ein alter Schuppen … Und auf einmal ist es eine Konstruktion geworden - und du weißt nicht warum.

Einige Figuren kehren oft wieder - vor allem der Mönch. Da heißt es dann: Der Schwontkowski war Klosterschüler und wollte mal Priester werden. Nervt das?

Nein, das stimmt ja so. In meinem Leben war das eine spirituelle Erfahrung, die nicht mehr auszulöschen ist. Die Geistlichen waren diejenigen, die sich mit den elementaren Dingen auseinandersetzen sollten, eine Verbindung herstellen zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten. Und das machen heute die Maler.

Trotzdem wirken die Bilder oft komisch. Etwa: Steht ein Mönch im Waschsalon. Oder: Stürmt ein Bankräuber in ein Sarglager. Das klingt wie Slapstick. Ist das so geplant?

Planen tu ich eigentlich nie. Die Dinge kommen mehr aus einem halb bewussten Zustand zwischen Traum und Wachheit.

Aber woher dann die Komik?

Das liegt daran, dass es oft sehr schmerzhafte Geschichten sind. Etwa dieser Bankräuber, der sucht doch das Leben, oder das, was er für das Leben hält, das Geld, die Möglichkeit des Lebens. Und dann findet er nur den Tod. Das ist ja mein großes Thema: Ich habe als Künstler keine richtige Baustelle, ich beschäftigte mich mit nichts Konkretem. Ich habe nur dieses eine, allermenschlichste Thema, Leben und Tod - aber eben konzentriert auf den wesentlichen Punkt. Das ist mir Geschichte genug.

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