Konzern-Sozialpakt: "Hoffen auf China und Indien"

Schutz von Klima und Menschenrechten - dazu verpflichten sich Konzerne im Globalen Pakt der UN. Leiter Georg Kell setzt auf öffentlichen Druck

Versammlung guter Kapitalisten? Die Deutsche Bank ist eines von 90 deutschen "Globaler Pakt"-Mitgliedern Bild: dpa

taz: Herr Kell, schon 3200 Konzerne gehören dem Global Compact an. Ist die Welt durch diese Versammlung für gute Kapitalisten gerechter geworden?

Georg Kell: Wir sind bescheiden und geben nicht vor, die Welt zu verändern. Wenn Unternehmen die zehn Prinzipien des Globalen Paktes einhalten, dann können ihre Beschäftigten in freie Gewerkschaften eintreten und über den Lohn verhandeln. Die Firmen achten die Menschenrechte, schützen die Umwelt und betreiben keine Korruption. Darin sehen wir praktische Verbesserungen. Gerechtigkeit dagegen ist ein philosophischer Begriff mit vielfältigen Definitionen.

Im Juli laden Sie Konzernvorstände nach Genf ein. Können Sie dann praktische Beispiele für soziales und ökologisches verhalten bieten?

Der Bayer Georg Kell leitet den "Globalen Pakt" ("Global Compact") der Vereinten Nationen in New York. Rund 3.200 Firmen weltweit gehören dieser freiwilligen Versammlung für soziale und ökologische Unternehmenspolitik an. Beim Gipfeltreffen des Paktes am 5. Juli in Genf wird die Erklärung "Caring for Climate" veröffentlicht. Bislang 30 transnationale Konzerne - darunter Allianz, Angloamerican, Ikea, Japan Airlines und die chinesische Maschinenbau-Firma CIMC - versprechen, ihren klimaschädlichen CO2-Ausstoß zu dokumentieren und zu verringern. Dem Globalen Pakt gehören rund 90 deutsche Mitglieder an, unter anderem die Deutsche Bank, Siemens und VW. Die Unternehmen verpflichten sich, die zehn Prinzipien des Paktes einzuhalten. Dazu gehören das Verbot der Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Diskriminierung und Korruption. Die Unternehmen verpflichten sich, die Menschenrechte und die Versammlungsfreiheit ihrer Beschäftigten zu achten.

Wir haben eine Gruppe von mittlerweile 30 Unternehmen beisammen, die beim Klimaschutz vorangehen wollen. In ihrer Erklärung fordern sie nicht nur die Regierungen auf, die Emissionen teurer zu machen, sondern sie verpflichten sich auch selbst, ihren eigenen Schadstoff-Ausstoß zu dokumentieren.

Das ist nicht neu. Diese Zahlen findet man schon in vielen Geschäftsberichten.

Aber bisher gibt es keine Erklärung einer großen Gruppe von Konzernen, die den Charakter einer freiwilligen Selbstverpflichtung hat. Zu den globalen Vorreitern, die das jetzt machen, gehören auch Allianz und Telekom. Wir hoffen, dafür auch Unterstützung aus China und Indien zu erhalten.

Die Abgase offenzulegen, heißt nicht, sie zu verringern.

Wenn Unternehmen bereit sind, ihren Schadstoff-Ausstoß zu dokumentieren, legt das die Basis für eine Reduzierung. Wer nicht weniger, sondern mehr Abgase ausstößt, würde in der Öffentlichkeit schlecht dastehen.

In die Klimapolitik ist Bewegung gekommen. Aber wie sieht es mit dem sozialen Fortschritt aus?

Es ist eine historische Tatsache, dass die weltweite Armut in den vergangenen zehn Jahren vor allem durch private Investitionen reduziert wurde. Und auch künftig trägt jede vernünftige Investition eines Unternehmens in Afrika, Asien oder Lateinamerika dazu bei, dass Menschen Arbeit bekommen, sich ernähren und ihre Kinder in die Schule schicken können. Das ist eine vielleicht banale, aber wichtige Grundsatzthese. Der deutsche Konzern BASF beispielsweise gewährleistet in seinen Niederlassungen in China weitaus bessere Sozialstandards, als sie im Landesdurchschnitt üblich sind. Das begrüßen wir sehr.

China ist doch eher ein Beispiel dafür, dass der Globale Pakt wenig bewirkt. Mindestens eins der Prinzipien ist dort komplett außer Kraft gesetzt. Das Recht, freie Gewerkschaften zu bilden, existiert nicht.

Es stimmt, dass die Versammlungsfreiheit in China sehr eingeschränkt ist. Aber die Unternehmen können innerhalb ihrer eigenen Werke Positives leisten. So hat der neue Chef von DaimlerChrysler in Peking erklärt, dass seine Beschäftigten ihr Versammlungsrecht auf dem Werksgelände wahrnehmen dürfen. Aber auch die chinesische Regierung erkennt inzwischen, dass es so nicht weitergeht. Ein neues Gesetz soll dafür sorgen, dass die Löhne schneller steigen. Trotz aller Probleme dürfen wir uns nicht auf den Standpunkt stellen, dass die Unternehmen China meiden sollen. Dann ließe man die Menschen dort allein. Sie hätten weniger Möglichkeiten, aus ihrer Armut herauszukommen.

Der Globale Pakt ist jetzt sieben Jahre alt. Was hat er insgesamt gebracht?

Er hat dazu beigetragen, die Stimmung zu ändern. Im Jahr 2000 drohte ein Rückschlag gegen die Globalisierung. Sehr viele Menschen empfanden sie als zu kalt und brutal. Regierungen überlegten, ob sie sich vom Ideal des Freihandels abwenden sollten. Vielen Unternehmen war damals klar, dass die Hinwendung zu einem neuen Protektionismus für sie sehr teuer werden könnte. Heute hat sich die Landschaft völlig verändert.

In welche Richtung?

Unsere Mitglieder haben erkannt, dass sie ethische Eckpfeiler in ihr Geschäft einbauen müssen. Der Globale Pakt wird getragen vom Bestreben, dass möglichst viele Menschen von der Globalisierung profitieren sollen. Es geht um einen Weltmarkt, der keinen ausschließt.

INTERVIEW: HANNES KOCH

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de