Kommentar: Kein Programm - keine Radikalität
Die Linkspartei ist ganz sicher nicht so radikal wie die RAF. Schon allein deshalb, weil sie bislang noch gar kein richtiges Programm hat.
Irgendwo scheint es unpassende Vergleiche gerade im Sonderangebot zu geben. Wenn der CDU-Generalsekretär Frank Henkel eine inhaltliche Traditionslinie zwischen RAF und Linkspartei sieht, ist das jedenfalls ähnlich absurd wie der Vergleich von Venezuelas Präsident Hugo Chávez, der in der vergangenen Woche eine Verbindung von Adolf Hitler zu Angela Merkel sah.
Nur weil die Linkspartei die Systemfrage stellt, hat sie noch nichts mit Terroristen zu tun. Die Linke will zwar deutliche Veränderungen, aber diese Veränderungen sind auch nicht radikaler als die Veränderungen, die die CDU in den vergangenen 60 Jahren begleitet hat. Nur zur Erinnerung: Die BRD regulierte in ihren Anfangsjahren die Industrie strikt, förderte die klassische Kleinfamilie und betrieb eine autoritäre Innenpolitik. Hätte damals eine Partei gefordert, die Bundesrepublik solle zu der heutigen vielfältigen Gesellschaft in einer globalisierten Ökonomie übergehen - wie hätte man sie Radikalinskis geschimpft!
Das Problem beim Programm der Linkspartei ist jedenfalls nicht, dass es zu radikal ist. Das Problem ist eher, dass es noch kein Programm gibt. Zwar trifft sich die Partei am nächsten Wochenende zum Parteitag - aber auch dort steht kein Grundsatzprogramm auf der Tagesordnung. Und vor der nächsten Bundestagswahl soll es auch keines mehr geben. Denn die Partei will Streit vermeiden. Gerade die radikalen Westlinken werden aber kaum mit den gemäßigten Regierungslinken in Berlin auf eine inhaltliche Linie zu bekommen sein. Es ist also absurd, dass Frank Henkel gerade hier in Berlin, wo die Partei im Senat und mehreren Bezirken so handzahm mitregiert, zum RAF-Vergleich greift.
bericht SEITE 22
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!