Kommentar Zypern: Letzte Chance auf Aussöhnung

Der neue Präsident der griechischen Zyprioten steht für die Aussöhnung mit den zyperntürkischen Nachbarn. Misslingt sie, wäre das ein Desaster für das Modell multikultureller Gesellschaften.

Einen Kommunisten haben die griechischen Zyprioten in das höchste Amt der Republik gewählt. Doch kein Problem: Selbst die US-Regierung gratulierte Demetris Christofias zur Wahl. Auch sie verbindet seinen Sieg mit der Hoffnung, dass nun Bewegung in den festgefahrenen Konflikt zwischen den Griechen und Türken der Insel kommen möge.

Fast wichtiger als die Wahl von Christofias war dafür die Abwahl seines chauvinistischen Vorgängers Tassos Papadopoulos. Damit ist sicher, dass nach fünf Jahren des Stillstands nun wieder Bewegung in die verhärteten Fronten kommen wird. Christofias steht auch weniger für sozialistische Experimente als vielmehr für eine Aussöhnung mit den zyperntürkischen Nachbarn im Norden.

Die Zyperntürken sind zu neuen Gesprächen bereit. Ob diese mit der Gründung eines gemeinsamen Bundesstaats enden werden, bleibt allerdings ungewiss. Denn Zyperns neuer Präsident wird die alten Kräfte in sein Kabinett einbinden müssen. Und die haben sich schon mehrfach als unfähig erwiesen, einem Kompromiss zuzustimmen.

An einer Lösung des mehr als fünfzig Jahre währenden Konflikts hängt viel - unter anderem die Frage des EU-Beitritts der Türkei. Doch die Geduld der internationalen Gemeinschaft mit den Zyprioten ist endlich. Gelingt auch Präsident Christofias kein Durchbruch und scheitert er an den Nationalisten im eigenen Laden, könnte aus Nordzypern ein zweites Kosovo werden - mit eigener, wenn auch umstrittener Staatlichkeit. Das wäre dann nicht nur für die Zyperngriechen ein Desaster. Sondern auch für alle, die immer noch an die Zukunft multikultureller Gesellschaften glauben.

Bisher glaubten die griechischen Zyprioten, sie hätten alle Zeit der Welt, und einer verpassten Chance würde im Zweifelsfall eine neue folgen. Christofias muss sich entscheiden, ob er den Mut hat, auch gegen Teile des eigenen Establishments für einen Kompromiss mit der türkischen Seite zu kämpfen. Als Verräter wird er so oder so in die Geschichte eingehen: entweder an den hehren Zielen hellenistischer Träumer. Oder am Frieden auf seiner kleinen Insel.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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