Kommentar Hessenwahl: Die Krise nutzt den Konservativen

Die Union agiert pragmatisch keynesianisch, zur FDP strömt das staatsferne Bürgertum. Die Hessenwahl offenbart eine effektive Arbeitsteilung, die auf linker Seite fehlt.

Der neoliberale Traum ist verblasst. Der Staat, den die Westerwelles dieser Welt entmachten wollten, erlebt eine unvermutete Renaissance. Die unbegrenzte Freiheit des Kapitals hat in eine gigantische Krise geführt; sozialdemokratische Werte wie Gerechtigkeit und sozialer Ausgleich sind gefragt wie schon lange nicht mehr. So sieht es aus, im Großen und Ganzen. Doch in Hessen ist die mausgraue FDP nach der Wahl so stark wie seit 50 Jahren nicht mehr, die SPD dagegen schwach wie nie - und die Linkspartei nur mit Ach und Krach wieder in den Landtag gekommen. Wie passt das zusammen?

Für das Wahlergebnis in Hessen gibt es viele hausgemachte Gründe. Die SPD hat in Wiesbaden mit ihrem Zickzackkurs zu Rot-Rot-Grün auch langmütige Anhänger verärgert. Roland Koch mag immer noch niemand so richtig. Und viele Wähler der Linkspartei, die am heftigsten auf eine linke Mehrheit gehofft hatten, blieben frustriert zu Hause. Hessische Verhältnisse eben.

Doch es steckt mehr dahinter. Der Überraschungserfolg der FDP ist kein bizarrer Sonderfall: Er zeigt einen Trend. Schwarz-Gelb regiert nun alle wichtigen Bundesländer im Westen. Eine Mehrheit für Schwarz-Gelb im Bund war bislang ein Wunschtraum - seit Sonntag ist sie eine reale Möglichkeit geworden. Paradoxerweise nutzt die härteste Krise des globalen Kapitalismus seit Jahrzehnten den Konservativen und Liberalen - und schadet SPD und Linkspartei.

Das hat Gründe. Die Bürger wählen jetzt lieber Sicherheit als Gerechtigkeit. Zudem verschwimmen die Unterschiede zwischen Union und SPD in der großen Koalition immer mehr. Die Union agiert, nach langem Zögern, pragmatisch keynesianistisch: Damit erreicht sie die Mitte. Das staatsferne Bürgertum strömt derweil, unbeirrt von deren ideologischem Bankrott, zur FDP.

Hessen zeigt auch, dass die Wirtschaftskrise die Fragmentierung der Parteienlandschaft noch beschleunigt. Die Volksparteien werden kleiner, die Kleinen größer. Das bürgerliche Lager hat darauf eine Antwort: die Arbeitsteilung zwischen Union und FDP. Der SPD fällt außer "Nie mit der Linkspartei im Bund" nicht viel ein. Damit lässt sich keine Wahl gewinnen.

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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