Kommentar China: Aufmerksamkeit lässt sich nicht steuern

Die chinesischen Behörden machen in diesen Tagen die für sie neue Erfahrung, dass man auch öffentliche Aufmerksamkeit nicht nur zur Hälfte bekommen kann.

Die Olympischen Spiele sind das größte Sportereignis der Welt. China wollte sie haben, und es hat sie bekommen. Schon Monate vor dem geplanten Beginn der Spiele im August hat sich damit der wichtigste Effekt eingestellt, der mit der Ausrichtung eines solchen Großereignisses verbunden ist: globale Aufmerksamkeit.

Das öffentliche Interesse an einem solchen Sport-Event gibt der Gastgebernation - vom ganzen Marketing-Drumherum einmal abgesehen - die Chance, sich in einem guten Licht zu präsentieren und so eventuell sein Image in der Welt zu korrigieren. Deutschland hat diesen Vorzug bei der WM 2006 für sich nutzen können. China erfährt nun die Nachteile dieser gewachsenen Aufmerksamkeit: Es steht am Pranger.

Manche Dinge gibt es eben nur im Paket. Und so, wie man nicht ein bisschen schwanger sein kann, machen die chinesischen Behörden in diesen Tagen die für sie neue und unglückliche Erfahrung, dass man auch öffentliche Aufmerksamkeit nicht nur zur Hälfte bekommen kann.

China muss Zugeständnisse machen - der Druck ist zu groß geworden. Das Argument der Regierung in Peking, ihre Tibet-Politik gehe nur sie etwas an, ist hinfällig geworden. Schon die Debatte um einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele erzeugt diesen Druck. Das Mittel muss gar nicht erst eingesetzt werden, um wirksam zu sein.

Deshalb haben die chinesischen Behörden eine Reise von ausländischen Journalisten nach Lhasa organisiert. Doch Chinas Versuch, damit sein Bild in der Welt zu korrigieren, ist fehlgeschlagen: Tibetische Mönche störten die Inszenierung, als sie vor den Augen der Presse gegen Peking protestierten.

Das Beispiel zeigt, welche Rolle den Medien allein schon durch ihre bloße Präsenz vor Ort zufällt. Und so ist die Aufgabe, die ihnen im Rahmen der Olympischen Spiele 2008 zukommt: so lange und so lautstark auf eine möglichst vollständige Freiheit der Berichterstattung drängen, bis sich die chinesischen Behörden den Forderungen beugen. Auch an der innerchinesischen Medienzensur könnte sich dann etwas ändern. KLAUS RAAB

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