Kolumne: Eine kosmetische Protestnote

Die Gesichtscreme, mit der ich mich seit dem Mauerfall pflege, ist vom Markt verschwunden.

Kinder, wie die Zeit vergeht! Ich merke es zum Glück nur bedingt beim morgendlichen Blick in den Spiegel. Meine Gesichtsporen verschließen sich recht erfolgreich vor den Angriffen durch Alkohol, Nikotin, den Höhen und Tiefen des Lebens. Es ist wohl eine Frage der Gene, aber auch der richtigen Pflege.

Das Tagwerk, das die Zeit verrichtet, merke ich vielmehr daran, dass bestimmte Sachen verschwinden. Einfach so. Von heute auf morgen. So wie die Gesichtscreme eines französischen Kosmetikkonzerns, die ich nach dem Mauerfall entdeckte. All die Jahre bin ich ihr, länger als irgendetwas oder irgendjemanden, treu geblieben.

Es ist weiß Gott nicht leicht gewesen, mich durch das kosmetische Pflegeangebot zu arbeiten, das so breit ist, dass man mit nur einem Gesicht gar nicht weiß, wohin damit. Im Osten landete man ja mehr oder weniger automatisch bei der blau-weiß verpackten Florena-Creme, der "Nivea des Ostens". Es kostete mich viele Pusteln, Pickel und entzündete Augen, bis ich MEINE Creme fand. Eine Tagescreme in einer schlichten Tube für einen absolut bezahlbaren Preis, selbst noch nach der Einführung des Euro. Ich war der ideale Kunde für das Motto des Konzerns: "Bezahlbarer Luxus für Menschen, die eine überdurchschnittliche Qualität wollen."

Vor wenigen Monaten passierte das Unfassbare. Die letzte Tube war bis auf den letzten Klecks ausgequetscht. Ich zog los, eine neue zu kaufen, quasi im Vorbeigehen, zusammen mit Klopapier und Taschentüchern, so wie immer. Zu meinem Entsetzen fand ich MEINE Creme nicht im Regal. Ein Engpass in der Produktion? Ungläubig zog ich von einer Drogerie zur nächsten. In einem Geschäft um die Ecke fand ich schließlich zwei Tuben, versteckt hinter einem Schild, auf dem stand, dass die Creme aus dem Sortiment genommen wird. Ich beschwerte mich bei der Frau an der Kasse. "Was soll ich machen?", konterte sie achselzuckend mit dem DDR-Standardsatz. Ich krallte den letzten Bestand und zog von dannen. Für Beständigkeit, dachte ich mir, ist auf einem hart umkämpften Markt kein Platz. Auch im Kapitalismus heißt es: "Schneller, höher, weiter".

Vergangene Woche hatte sich die letzte Creme meiner Restbestände in meine Haut verzogen. Weil ich keine Lust hatte, mich schon wieder kosmetischen Selbstversuchen zu unterziehen, blieb ich bei der gleichen Marke. Ich stellte aber fest, dass meine geliebte Tagescreme Platz machen musste für Kreationen, deren Zusatzstoffe und ellenlange Packungsbeilagen eher dafür sorgen, Falten zu kriegen, anstatt sie zu reduzieren.

Jetzt stehen zwei Cremetöpfchen vor meinem Badezimmerspiegel. Eines ist für morgens, das andere für abends. Beide nennen sich "Revitalift". Das klingt irgendwie nach Treppenlift. Beide Töpfe werben für "Anti-Falten" und "Straffheit". Bisweilen entziffere ich das verschlafen am Morgen oder müde am Abend als "Antifa" und "Straffreiheit". Aber immerhin habe ich bisher keine Pickel bekommen.

Kurze Zeit hatte ich überlegt, zu Florena zurückzukehren, die noch immer mit der gleichen Rezeptur im sächsischen Waldheim produziert wird und jetzt zu Beiersdorf AG gehört. Doch aus ideologischen Gründen verbietet sich das "Botox der DDR". Weil es immer noch PDS-Basisgruppen gibt, die ihre Parteibeiträge in leeren Florena-Dosen aus Metall kassieren. Und weil der ewig jugendlich wirkende, mittlerweile 64-jährige Schlagersänger Frank Schöbel sein Aussehen gern mit der Benutzung ebenjener Florena-Creme erklärt. Witzigerweise trägt die Doppel-CD, die "Fränky" Ende Juli herausbringt, den Titel "Hautnah". Dann doch lieber Faltenreduktion über Nacht mit Revitalift.

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