Kolumne London Eye: Tod vor dem Olympiagelände

Die Briten sind im Radrennfieber. Doch auf den Londoner Straßen ist Radfahren eine Zumutung. Nach dem ersten Toten wird heftig über die unzureichenden Radwege gestritten.

Rund 200 Demonstranten, die sich auf Londons Straßen für mehr Radrechte einsetzten wollten, wurden während der Eröffnungsfeier festgenommen. Bild: dapd

Je mehr Radfahrer es in London gibt, desto mehr kommen ums Leben. Letztes Jahr verunglückten 18 Radfahrer tödlich, dieses Jahr sind es bereits zehn. Weniger als zwei Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spiele versicherte der soeben wiedergewählte Bürgermeister Boris Johnson, der selbst mit dem Rad zur Arbeit fährt, 50 der gefährlichsten Unfallecken in der Stadt würden verbessert werden. Aber wenige Stunden nach Bradley Wiggins’ Goldmedaille stirbt ein Radfahrer genau vor dem Olympiagelände – unter einem Olympiabus.

„Wie man bei Öko-Olympia nicht für gute Radwege um das Olympiagelände herum sorgen konnte, ist mir ein Rätsel“, sagt Radfahrer Billy und schüttelt den Kopf. Nicht weit von der Unglücksstelle wurden erst vor fünf Tagen fast 200 Radfahrer von der Polizei festgenommen. Sie hatten sich für mehr Zweiradrechte mithilfe einer Critical-Mass-Tour einsetzen wollen. Jetzt, am Tag nach dem tödlichen Unglück, hat die Metropolitan Police angeblich eine E-Mail an Demonstranten geschickt: „Wir wollen mit euch reden!“

Andere Londoner sind weniger herzhaft. Man lasse sich nicht den Spaß verderben, wo doch Team GB gerade so schön Gold gewinne. Radfahrer seien ohnehin zu risikobereit. „Die kommen wie die Verrückten von links und rechts, und wenn sie Fehler machen, kriegt man ihr gesundes Vokabular zu spüren. Mehr Training brauchen die“, erklärt ein Busfahrer inkognito.

DANIEL ZYLBERSZTAJN ist freier Autor der taz.

Colin hat schon Kurse gemacht. „Ich musste mich in einen Lkw setzten und versuchen, Radfahrer von hinten zu sehen.“ Das ging nicht, und Colin hat es kapiert. Andere nicht: „Wenn Autofahrer nicht die wackelnde Oma sehen, die dem Schlagloch ausgewichen ist, werden sie beschuldigt, sie hätten nicht vorausgesehen, dass jemand auf der Jungfernfahrt in den Abgrund war“ – dieser Kommentar über Radfahrer kostete den Chef der Taxifirma Addison Lee Chauffeurverträge mit der Regierung.

Klar, dass man den Londoner Bradley Wiggins jetzt bittet, nach der Tour de France und dem Olympiagold, sich zur Fahrraddebatte zu äußern. Bradley empfiehlt das Tragen von Helmen. Einen solchen hatte der Tote nicht. Bürgermeister Boris muss dann auch noch herhalten und versichert, dass er keine Helmpflicht in London will. Er selber trägt aber dennoch einen, denn er ist Politiker. Bereits 2009 entkam er nur knapp einem Lkw, kurz bevor er am selben Tag große Investitionen in das Londoner Radwegenetz ankündigen wollte.

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Sohn eines Shoahüberlebenden, ist er 1969 in München geboren und lebte auch kurz in den Niederlanden und in Israel bis er 1991 nach London zog. An der Londoner Soas schreibt er über Rastafarianismus als politische Kraft unter Jugendlichen in Freetown, Westafrika. Seinen Magister beendete er am Goldsmiths College mit einer Arbeit über die Frage, was der Begriff Community Produzent*innen und Moderator*innen von Radioprogrammen von und für die Londoner schwarze Gemeinschaft bedeutet. Einen Doktorversuch über schwarze und jüdische Befreiungsbewegungen und die Bedeutungen von Gewaltanwendung (UCL und U. of Leeds) machte er mangels finanzieller Ressourcen nicht fertig. Bald ist er Hörfunkjournalist mit Einsätzen für DW, agiert aber auch als Universitätsassistent, und arbeitet, u.a. für das jüdisch-palästinensischen Friedensdorf Wahat al-Salam ~ Neve Shalom. Seit 2011 berichtet er leidenschaftlich aus Großbritannien, wo es ihn neben dem Politischen vor allen um die Übermittlung der menschlichen Geschichten geht. Neben dem durchgehenden Einsatz für die taz, schreibt Daniel seit einigen Jahren an einem Buch über seine Familie und die Fragen der Zugehörigkeit und den Rassismus. Daniel ist ausgebildeter Studio Pilateslehrer mit einem zweiten Magister in Sport Coaching.

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