Kolumne Konversation: Die Flucht vor dem Tanzkurs

Der Freund Hanno zieht nach London und hat Angst - nicht vor dem Neubeginn, sondern ums Pfund.

Hanno "is almost gone", steht auf der Pinnwand meiner Social Networking Site. Geschrieben, wie mir das System sagt, vor acht Minuten. Seit neustem bin ich Mitglied bei Facebook, und seitdem lese ich lauter Kram über mir bekannte Menschen, die der Welt mitteilen, dass sie krank sind, ihnen der Fernseher auf den Fuß gefallen ist oder sie nun nach den Weihnachtsferien wieder zurück sind.

Der arme Hanno, denke ich, "beinahe weg". Im übertragenen Sinn hat unser Freund Läuse, Flöhe und vielleicht die Krätze. Alles was blöd ist und irgendwie juckt. Sein Leben ist immer etwas doofer als das der anderen, weil er keine Frau findet, und wenn, dann ist es die falsche. Er hat auch den falschen Chef, Schichtdienst und gemeine Kollegen. Es ist zwar schon nach elf, aber Hanno ist noch online, also schicke ich ihm über Skype eine Sofortnachricht - da ist er nämlich auch online.

"Hallo", schreibe ich, "was machst du?"

"Packe meine Sachen. Morgen ist ja mein letzter Tag in Berlin."

"Wie geht es dir dabei?"

"Schlecht. Furchtbar. Will nicht."

Das ist Hanno, deutsch und ehrlich und damit in seinem neuen Leben wahrscheinlich unheimlich konfliktanfällig. Ich überlege, Hanno zu belehren, darüber, dass er in London auf die Frage, wie es ihm ginge, keinesfalls antworten solle, sondern sofort zurückfragen soll: "How do you do?" Perspektivisch tue ich ihm damit vielleicht einen Gefallen, gerade aber nicht. Hanno braucht Hilfe, auch wenn die nur fernmündlich oder online zur Verfügung steht.

"Weshalb? Angst?" Vielleicht eine dumme Frage, Hanno zieht nach England, nach acht Jahren in Berlin, hat einen neuen Job als Arzt, seine Kenntnis der Landessprache ist etwas dürftig. Natürlich hat man da etwas Angst. Hinzu kommt, dass Hanno auch ein paar verbrannte Brücken über Spree und Landwehrkanal hinterlässt. Er flüchtet nämlich. Vor einer Frau, die ihn zu einem Tanzkurs zwingen will. Vor zu viel Bier und einer Wohnung, die sich trotz aller seiner Bemühungen nicht einrichten lässt.

"Nein", antwortet Hanno, etwas überraschend, auf die Frage nach der Angst. "Geld. Das Pfund. Es ist schrecklich."

"Wieso?", wundere ich mich. Bisher glaubte ich, dass Finanzsorgen die wären, die er mal ausnahmsweise nicht hätte. "Der Wechselkurs, das Pfund! So eine Kacke."

"Ist es denn so wichtig? Haben sich die Preise in London doch auch verändert?"

"Ach, hör mir auf", schreibt Hanno und fügt einen grünen, kotzenden Smiley in die Konversation ein. "Meine Schulden muss ich immer noch in Euro abzahlen." Der Smiley ist wieder gelb geworden, schaut aber ganz arg verzweifelt, mit Augenbrauen, die fast senkrecht stehen. Meine Augenbrauen stehen auch fast senkrecht.

Im Sommer war ich noch so neidisch. Hanno war in New York, billig einkaufen, und wir, mein Mann und ich, haben diese günstige Wechselkurschance weitgehend verpasst. Ist vielleicht nur fair, dass Hanno jetzt ein wenig unter dem Verfall des Pfunds leidet. Denke ich.

"Ach Hannilein", schreibe ich ihm, hier geht es ja nicht um Erziehung, sondern um Unterstützung. "dafür kommst du mal raus!" Das ist natürlich ein schwacher Trost. Rauszukommen, draußen sein, kann auch ganz furchtbar sein, einsam, verlassen. Das ist, wie sich ordentlich zu besaufen. Die Traurigen werden dadurch nur noch trauriger. Gut, dass Hanno seine Wohnung lediglich untervermietet hat. "Zumindest brauchst du keinen Tanzkurs zu machen." Schreibe ich und schicke ihm eine tanzendes Männlein hinterher. Die Antwort: "Ich gehe jetzt ins Bett." Und weg ist er. Offline. So einfach kann ich ihn nicht entlassen. Rufe ihn an.

"Hallo Natalie", sagt er leicht genervt.

"Eine gute Reise wollte ich dir noch wünschen und viel Erfolg."

"Ach ja, ich melde mich dann bald."

"Gut. Bis dahin!" Weg ist er.

Gemeldet hat er sich dann nicht mehr. Aber geschrieben. "Hanno", steht bei Facebook, "has arrived in London."

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