Kolumne Konversation: Schlechte Verbindungen

Skype, Facebook und das gute, alte Telefon – es ist manchmal verteufelt schwierig, sich mit einer in der Ferne lebenden Freundin zum Gespräch zu verabreden.

Manche Dinge werden mit der Ausweitung von Möglichkeiten und Gelegenheiten auf paradoxe Weise sehr kompliziert. Auch die simple Handlung, zum Hörer zu greifen und einfach mal jemanden anzurufen, wird meiner Meinung nach durch die moderne Kommunikationstechnik nicht einfacher als zu den Zeiten, als die Eltern noch mit der Stoppuhr neben dem grünen Wählscheibenapparat telefonierten. Nun, 20 Jahre und viele, viele Gerätegenerationen später sind die äußeren Zwänge wie Geld und Erreichbarkeit den inneren gewichen, nämlich dass man für ein gutes Telefonat Zeit und Ruhe braucht. Und Überwindung, sich beides dafür zu nehmen.

Seit etwa zwei Wochen schon plane ich, mit meiner Freundin Vivian zu telefonieren. Wir müssen dringend, dringend miteinander reden. Vivian nämlich befindet sich in einer Beziehungskrise. Mit Juan, dessen Name man nicht Chuann ausspricht, wie ich lernen musste, sondern Dschuann, weil der Mann aus Katalonien kommt. Genau darin liegt das Problem: Vivian zog ihm zuliebe nach Barcelona, fand alles besser, toller, total perfekt. Sie wurde Mutter, zog von einer Seite der Diagonale auf die andere, bessere, und verzichtete der höheren Miete wegen auf das heute sowieso als überflüssig erachtete Festnetz. Ein Jahr später war von Dschuann nicht mehr viel Gutes zu hören. Eigentlich war - allen Beschwichtigungen zum Trotz, man könne ja immer skypen - auch von Vivian nicht mehr viel zu hören. Zu Neujahr schrieb ich ihr eine E-Mail, wünschte ihr alles Gute und fragte, wie es ihr ging.

"Liebe Natalie", schrieb sie, "schön, von dir zu hören! Wir müssen dringend reden, vielleicht komme ich wieder nach Deutschland zurück. Wann bist du bei Skype?" Da hatte ich nun abzuwägen: Einerseits halte ich mich von Skype fern, weil man ja, sofort wenn man sich einloggt, Gefahr läuft angerufen zu werden, andererseits wollte ich auch gern wissen, was da los war. "Morgen früh gegen zehn", antwortete ich und loggte mich zum gegebenen Zeitpunkt ein. Doch Vivian rief nicht an, sondern schickte eine Chat-Nachricht: "Die Verbindung ist schlecht, melde mich später!" - "Okay!", fand ich. Mir war bekannt, dass sie sich ins WLAN ihrer Nachbarn einwählte, was nicht immer einwandfrei funktionierte. Zwei Stunden später schrieb sie, nun aus dem Büro, eine E-Mail: "Hallo! Schade, dass es vorhin nicht geklappt hat. Hast du jetzt Zeit zu telefonieren?" Ich weiß zwar nicht, was ihr Arbeitgeber davon gehalten hätte, dass sie mich auf seine Kosten anrufen wollte, mir aber hätte es gefallen, mit ihr zu sprechen. Leider las ich ihr Angebot erst am späten Abend.

"Habe deine Mail gerade erst gelesen", antwortete ich ihr wahrheitsgemäß. "Wir probieren es einfach ein anderes Mal." Vielleicht wäre sie, überlegte ich kurz, sogar wieder online, dann könnten wir sofort miteinander reden. Weil ich aber den ganzen Tag geschrieben und geredet hatte, fühlte ich mich schrecklich worttot. Deswegen schaute ich auch nicht kurz bei Facebook rein, wer weiß, vielleicht hätte sie mich über den Messenger dort noch erwischt, legte mich gleich auf das Sofa und guckte die "Tagesthemen".

Vivan und ich vertieften uns in den nächsten Tagen in einen etwas scheinheiligen Mailwechsel darüber, wann wir telefonieren könnten. Erstaunlicherweise, ohne dass ich erfahren hätte, was sie plagte. Zwischen den Zeilen des Bedauerns las ich nur, dass sie doch keine Lust mehr hatte, darüber zu sprechen.

Als Vivan dann vor zwei Tagen tatsächlich anrief, war ich völlig überrumpelt. Glücklicherweise, sagte sie, habe sich alles wieder eingerenkt, nicht der Rede wert. Gut, dachte ich, dass wir nicht darüber geredet haben!

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