Kolumne Das Schlagloch: Nicht auf Ballhöhe

Südafrika darf sich auf die WM freuen - wenn es macht, was sein weißer Gönner will.

Eine kleine Quizfrage zum Aufwärmen: Welcher berühmte Zeitgenosse hat neulich voll Stolz folgenden bemerkenswerten Satz zum Besten gegeben: "Ich bin stolz, als Afrikaner identifiziert zu werden." Nein, es war weder Mohammed Ali noch Kofi Annan. Und auch nicht Desmond Tutu, dem unser Prominenter die Hand geschüttelt hat. Ach ja, und er hat etwas mit dem beliebtesten Spiel auf Erden zu tun.

Gegen fünf Uhr am Nachmittag trudeln die Spieler ein, einige wenige von ihnen mit Trikots und Stollen, die meisten in löchrigen T-Shirts und abgerissenen Turnschuhen. Sie müssen sich den buckligen Rasen mit einigen anderen Mannschaften teilen. Gespielt wird jeweils auf ein Tor, auf Feldern, halb so schmal wie im Regelwerk festgelegt, damit gleichzeitig Platz ist für mehrere Spiele. Die Torpfosten haben vor einiger Zeit ihre Haltung verloren, Linien sind nicht erkennbar. Der Schiedsrichter, überarbeitet und schlecht ernährt, läuft nicht auf Ballhöhe mit, sondern geht einen bequemen Radius um den Mittelpunkt ab. Kurz nach sechs müssen die Jungen ihr Match unterbrechen, weil der Glimmstengel im Mund ihres Managers zwar gut zu erkennen ist, nicht mehr aber der Ball.

Sie benötigen einen Tipp? Nun gut: Unser Prominenter hat erklärt: "Südafrika ist mein Land, Afrika ist mein Kontinent." Doch Vorsicht - er ist so hellhäutig wie glatzköpfig, er spricht keine einzige afrikanische Sprache, und er wurde am 10. März 1936 in Visp, Kanton Wallis, in der Schweiz geboren.

Die Aufstellung richtet sich nicht nach Fitness oder Form, sondern nach dem Kleingeld in den abgewetzten Hosentaschen der Spieler. Wer die Münzen für die Busfahrt zusammenkratzen kann, hat sich für das Auswärtsspiel in der Township Imizamo Yethu am südlichen Rand von Kapstadt qualifiziert. Solchen Mangel kompensieren die Manager von Mannschaften mit schillernden Namen wie "African Brothers" oder "Eleven United" mit Visionen. "Ich habe drei Spieler, die ich auf die WM 2010 vorbereiten möchte", sagt Sipiwe Cele, einst Fischer von Beruf. Und auch Andile Ncatsha, der jüngste unter den Managern, erwartet Großes von einigen seiner Talente. Doch der örtliche Fußballverband bietet keinerlei Hilfe an, und Sponsoren sind rar.

Die wenigen Lichtblicke werden nachdrücklich in Erinnerung gerufen wie Schöpfungsmythen. Ein schottischer Tourist, der eine Führung durch die Township erhalten hatte, schickte einen Satz Trikots von Celtic Glasgow. Andile Ncatsha trägt die grün-weißen Streifen mit Stolz. Allerdings fallen die Turnhosen etwas ab - der Schotte hat nur Leibchen geliefert. Aufgrund seiner Spende ist die Mannschaft in "Celtic Lions" umbenannt worden. Aber diese Unzulänglichkeiten sind nebensächlich. "Es gibt nur einen Grund, wieso ich hier stehe", sagt Sipiwe Cele. "Wer zum Spiel kommt, bleibt den Drogen und der Gewalt fern. Wir Schwarzen haben nur die Wahl zwischen Fußball und Fernsehen. Und gelegentlich gibt es eine Beerdigung."

Der Mann, dessen Name gesucht wird, flog eines Tages in einem Helikopter über Kapstadt. Ihm sollten die vorhandenen Stadien gezeigt werden, von denen eines zum WM-Stadion ausgebaut werden sollte, um die Kosten eines Neubaus zu sparen. Zuerst landete man in Athlone. Hier bestreitet die beste Mannschaft Kapstadts ihre Heimspiele, eine Station der S-Bahn liegt wenige Schritte entfernt, und die wirklichen Fans sind seit langem auf Athlone eingestellt. Hier wäre die Welt wirklich daheim bei Fußballfreunden. Und ein Sportgelände mit Übungsfeldern, Hallen und Bildungsstätten wäre eine dringend benötigte Unterstützung.

Doch leider befinden sich auch einige Townships in der Umgebung, und unsere Rätselperson liebt zwar Afrika, aber nicht seine Slums. Es widert ihn an, dass sich die notdürftigen Baracken bei den obligaten Schwenks um das Stadion herum ins Fernsehbild hineindrängen könnten. Wenn schon arm, dann wenigstens unauffällig, so etwa könnte die Devise lauten. Der Helikopter schwebte zum nächsten Stadion, Newlands, einer eleganten Konstruktion mit guter Verkehrsanbindung und reichlich Parkplätzen. Doch Newlands ist ein Rugbystadion - das wäre ja noch schöner, wenn Fußball in fremden Fußstapfen wandeln und ein Stadion aus zweiter Hand vom Rugby erhalten würde.

Also flog man weiter, erreichte die Innenstadt, umkurvte den Tafelberg, da fiel der Blick unseres Anonymus auf ein schnuckeliges, kleines Stadion, zwischen Meerespromenade und Berg gelegen, unweit des touristischen Konsumhafens Waterfront, inmitten einer weitreichenden Grünfläche, die einen kommunalen Golfplatz, Sportfelder, Joggingstrecken und Kinderspielplätze beherbergte.

Was ist das denn?, rief unser Ehrengast aus. Und die Einheimischen erklärten ihm, dies sei das Green Point Stadium, in dem Schulwettkämpfe und gelegentlich ein Konzert stattfänden. Der Gast war entzückt: die Gischt des Ozeans, das Tischtuch auf dem Berg und dazwischen ein ausgelassenes Fußballfest in dem schicken, neuen Stadion zu Green Point. Und er verfügte, mit der gesamten Macht seines Amtes, hier solle das WM-Stadion erbaut werden.

Der erste Sportminister der ANC-Regierung formulierte vor knapp einem Jahrzehnt ein imposantes "Weißes Papier" unter dem Motto: Lassen wir die Nation (mit)spielen. Der Mangel an Sport- und Erholungsmöglichkeiten für die benachteiligten Bevölkerungsgruppen, so wurde einleitend festgestellt, sei eine der brutalsten Vermächtnisse der Apartheid. Neben einigen ermutigenden Losungen ("Besser eine Kerze der Hoffnung anzünden als die Dunkelheit verfluchen") wurde ein umfangreicher Plan vorgelegt, von dem so gut wie nichts verwirklicht worden ist.

Für die Entwicklung des Breitensports bleiben kaum Ressourcen übrig. Weiterhin wird Sport nicht als eigenständiges Fach an den staatlichen Schulen unterrichtet, werden Spitzensportler mit Millionen gefördert, während die breite Mehrheit der Bevölkerung keinen Zugang zu organisiertem Sport erhält. Und Fußball, die mit Abstand beliebteste Sportart, ist ein Stiefkind geblieben.

Wie segensreich, dass der Prominente, dessen Namen wir suchen, die WM nach Südafrika gebracht hat, ein persönliches Geschenk sozusagen, für das man sich erkenntlich zeigt, indem man die Stadien dorthin baut, wo dieser Mann es wünscht, auch wenn es völliger Unsinn ist, mitten in der Stadt ein gewaltiges Stadion zu errichten, außerverkehrsplanmäßig, einen white elephant, die reinste Geldverschwendung auf gut Deutsch, weit entfernt von den jungen Talenten, die unserem Prominenten am Herzen liegen.

"Wir wollen der Jugend mit unserem Fußball zu einer besseren Zukunft verhelfen." Das erklärte letzte Woche Sepp Blatter, Fifa's capo di tutti capi, und dann sang er mit Bauarbeitern "Viva South Africa, Viva 2010"! Blatter als selbst ernannter Afrikaner- wie soll einem da nicht schlecht werden?

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