Knatsch bei Ajax Amsterdam: Unter dem Cruyff-Diktat

Johan Cruyff wollte nur ein bisschen Berater spielen. Jetzt krempelt er seinen alten Klub Ajax Amsterdam völlig um. Der Vorstand ist entsetzt und tritt ab.

Andere über Cruyff: "Er ist ein Halbgott. Oder sogar ein ganzer" Bild: dapd

"Smartlappen" haben in Amsterdam Tradition. Schwülstige, volkstümliche Kneipenschnulzen über Liebe und Leid, die zwischen Biertje und Klarem das Leben erklären. Ein solches Stück legte man im Februar auch draußen in der "Arena" auf, dort, wo der ruhmreiche AFC Ajax zu Hause ist.

Es handelt von einem ungestümen Mann von Welt, der sich der Avancen seiner Jugendliebe nicht erwehren kann. Mit ihm soll die verblühte Diva neu erstrahlen. "Holen wir uns das Glück zurück", schmachtet die alte Liebe. Und der Weltmann sagt: "Na klar, Schätzchen, aber ich zeig dir den Weg."

Groß waren die Erwartungen, als Johan Cruyff, die legendärste Nummer 14 des Weltfußballs, als Mitglied einer Beratergruppe wieder bei Ajax Amsterdam anheuerte, das seit 2004 die Eredivisie nicht mehr gewinnen konnte. Anfangs hieß es, er würde an einem neuen Konzept für die Jugendausbildung feilen. "Kleine Rolle, großer Einfluss", titelte die Tageszeitung NRC Handelsblad über die Rückkehr, die naturgemäß von Beginn an im Rampenlicht stand.

NRC-Fußballjournalist Erik Oudshoorn erläuterte: "Auch wenn seine Rolle noch so gering ist, wird jeder Schritt, den Cruyff in der Arena setzt, mit der Lupe vergrößert." Und warnte: "Wer seinen Rat in den Wind schlägt, gräbt sein eigenes Grab."

Er sollte recht behalten: Keine zwei Monate später ist der große Krach eingetreten. Ende März stellte Cruyff seine Zukunftsvision vor, in der dem heutigen Trainer Frank de Boer sowie den früheren Ajax- Stars Dennis Bergkamp und Wim Jonk die technische Leitung zukommt. Der Vorstand allerdings monierte, der Retter fordere die "totale Regie", man werde ihm aber nicht die Verantwortung übergeben. Cruyff schoss zurück, wenn nötig müssten eben auch die Direktion und der Aufsichtsrat ersetzt werden. Fußballverstand habe die Leitung des Klubs ohnehin "kein Stück".

Cruyff verabschiedete sich 1998 – und blieb doch da

Einen Machtkampf stritt Cruyff ab, der mit Ajax 8-mal die Meisterschaft und 3-mal den Europacup der Landesmeister gewann. Als Coach bescherte er dem Club in den 80ern den Pokalsiegercup. Sein Lichtgestaltpotenzial ist mit dem Franz Beckenbauers vergleichbar, nur dass Cruyff seit seinem Abschied 1988 eher als Spuk durch die Arena geisterte oder als unfehlbare Instanz für sowohl attraktiven als erfolgreichen Fußball aus der Ferne seine Meinung kundtat.

Der vorläufige Höhepunkt des Konflikts kam am Mittwoch: Bei einem Treffen mit dem Mitgliederrat gab der Vorstand seinen Rücktritt bekannt. "Ein Entschluss im Interesse des Klubs", so der Vorsitzende Uri Coronel. Kein Geheimnis machte er aus seinen Beweggründen. Coronel sprach von einem "Diktat". Cruyff habe mit "der Art, wie er seine Meinung durchdrückt, eine Grenze überschritten". Besonders den von der Beratergruppe geforderten Rausschmiss von acht Mitarbeitern, darunter Co-Trainer Danny Blind, wollte der Vorstand nicht mittragen. "Doch hatte ich eine Wahl? Cruyff ist ein Halbgott oder sogar ein ganzer."

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Ajax Amsterdam mit dem Symbol seines Weltruhms einlässt, um an alte Zeiten anzuknüpfen. Vor drei Jahren bereits sollte Cruyff technischer Direktor werden. Gemeinsam mit Marco van Basten als Trainer wollte er die Weichen für eine glorreiche Zukunft stellen. Damals jedoch zog sich Cruyff nach wenigen Wochen wegen "professioneller Meinungsverschiedenheiten" mit van Basten zurück. Van Basten erläuterte seinerseits, Cruyffs Pläne gingen "zu schnell".

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