Jugendkulturzentren in Potsdam: Potsdam sucht einen Retter für die Jugend

Die Potsdamer Jugendkulturzentren Waschhaus und Lindenpark suchen neue Träger. Beide Vereine sind auf mysteriöse Weise insolvent gegangen

Die Stadt Potsdam sucht neue Träger für seine über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Jugendkulturzentren Waschhaus und Lindenpark. Beide sind seit Monaten insolvent und unterstehen einem Zwangsverwalter. Die Verwaltung ist trotzdem optimistisch. In einem "Aufruf zur Interessenbekundung" will sie jetzt kurzfristig bis zum 15. Oktober neue Betreiber für die soziokulturellen Standorte finden. Der ambitionierte Zeitplan sieht die Übergabe an den neuen Träger schon für Januar 2009 vor. "Die Übernahme der Mitarbeiter ist dabei ausdrücklich nicht verpflichtend", so die federführende Kulturbeigeordnete Gabriele Fischer.

Eine Bedingung der Ausschreibung ist die wirtschaftlich transparente Geschäftsführung. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für Vereine, die mit viel Geld von Land und Kommune gefördert werden: Der Waschhaus e. V. im Kulturquartier Schiffbauergasse bekommt 300.000 Euro pro Jahr überwiesen, der Lindenpark e. V. in Griebnitzsee eine halbe Million Euro. Doch die Geschäftsführung versagte in beiden Vereinen. Und auch die Stadt: Sie zahlte jahrelang im Vertrauen darauf, dass alles seine Ordnung hat.

Daher kam die Pleite des Waschhauses Ende Juli für viele unerwartet: Die Schulden beliefen sich plötzlich auf 280.000 Euro. "Vieles sind Altlasten. Die schieben wir schon seit Jahren vor uns her", sagt Vorstandsprecherin Katja Dietrich-Kröck. Zum einen sei in den 90er-Jahren die öffentliche Förderung zurückgegangen, zum anderen habe es durch die Renovierung Umsatzausfälle gegeben.

Zu den Schulden kommt hinzu, dass die Waschhaus-Führung ohne Absprache mit der Stadt die gastronomische Sparte und die Marketingabteilung in gewinnorientierte GmbHs ausgelagert hatte. "Wir hätten sonst Probleme mit der Gemeinnützigkeit bekommen, die Gewinne nicht zulässt", so die Sprecherin und begründet den Schritt mit einem "Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und kulturellem Angebot". Ob es Gewinne gab und wohin diese geflossen sind, ist jedoch unklar. Klar ist nur, dass der ehemalige Geschäftsführer des Waschhauses, Michael Wegener, auch Gesellschafter der Marketing GmbH gewesen ist.

Und auch nur er soll ab Ende 2004 von der Entscheidung des Potsdamer Finanzamtes gewusst haben, dass der Kulturstätte wegen fehlender Unterlagen die Gemeinnützigkeit rückwirkend ab 1999 entzogen wurde. Damit entfiel neun Jahre lang der wichtigste Fördergrund. Wegener behauptet, die Information bis zum Schluss für sich allein behalten zu haben. Als die ehemalige Lindenpark-Führung Zweifel anmeldet und behauptet, Stadt und Land hätten schon seit Jahren davon gewusst, werden ihnen sofort rechtliche Schritte angedroht. Sie schweigen jetzt. Da Wegener alles auf sich genommen hat, wäscht sich der Rest die Hände in kollektiver Unschuld. Denn auch Dietrich-Kröck und ihr Vorstand will nichts davon gewusst haben. "Darum haben wir uns nicht gekümmert", argumentiert sie lapidar. Über keinen Vorgang seien sie informiert worden, beeilte sich auch schnell die zuständige Sozialbeigeordnete Elona Müller zu erklären und machte deutlich, dass "die Stadt ihr Vertrauen in den Vereinsvorstand als nachhaltig gestört ansieht". Auf die Rückzahlung der Fördergelder wurde trotzdem großzügig verzichtet.

Groteske Züge nahm das soziokulturelle Drama dann noch einmal vor den Kommunalwahlen am vergangenen Sonntag an: Die ehemalige Vorstandsvorsitzende des Lindenparks, Monika Keilholz, trat für das Bürgerbündnis an und warb für den Erhalt Potsdamer Jugendclubs. Eine Farce, denn als sie 2006 ihren Vorsitz abgibt, sind unter ihrer Regie rund eine Million Euro Schulden angehäuft worden. Die gravierende Folge: Die neue Lindenpark-Führung sah sich gezwungen, den beliebten und zum Lindenpark-Verein gehörenden "Spartacus Club" in der Stadtmitte zu schließen. Damit blieb in der Innenstadt Potsdams nur noch das linksautonome "Archiv" in der Speicherstadt am Hauptbahnhof. Dessen Mietvertrag könnte mit der Sanierung des Stadtteils aber auch nicht verlängert werden.

Der Frust der Jugendlichen auf die Stadtverwaltung sitzt tief. Da ihnen seit Monaten keine Alternativen angeboten werden, haben sie am Wochenende schließlich selbst die Initiative ergriffen und ein Haus am Babelsberger Park besetzt, direkt gegenüber dem teuer erbauten Hans-Otto-Theater, dem Ort gehobener Kultur.

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