Judentum: Niemals wegschauen

Diese Woche wurde das "Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus" gegründet. Es will antijüdische Hetze und Vorurteile ins Visier nehmen.

Umgeschmissene Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Bild: AP

Nach der Schändung von Gräbern auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee am Anfang dieser Woche hat der Wachschutz dort in der Nacht auf Freitag einen Unbekannten vertrieben. Gegen 1.15 Uhr hatten die Sicherheitsleute auf dem Friedhof den Mann entdeckt, der jedoch fliehen konnte. Der Staatsschutz des Landeskriminalamtes ermittelt nun wegen Hausfriedensbruchs. Zuvor hatten Unbekannte in den Nächten zum Dienstag und Mittwoch insgesamt mehr als 40 Grabsteine auf dem Friedhof umgestoßen.

Diese Friedhofsschändungen kamen auch am Mittwochabend in der Synagoge in der Oranienburger Straße zur Sprache. Hier gründete sich das "Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus". Das Forum versteht sich als Zusammenschluss von jüdischen Experten, die sich mit Antisemitismus beschäftigen. Mit Vortragsreihen, Workshops und Konferenzen wollen die Veranstalter auch an die Öffentlichkeit herantreten.

Es gebe zwar schon viele Initiativen gegen Antisemitismus, sagte Lala Süsskind, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, aber noch keine entsprechende Initiative von Juden. "Dabei sind die Juden in Deutschland wie alle anderen Deutschen verpflichtet, gegen dieses undemokratische Gedankengut anzugehen", sagte Süsskind.

Zur Eröffnung des Forums analysierte Yves Pallade, Europa-Direktor der jüdischen Organisation Bnai Brith, dass antisemitische Einstellungen nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft anzutreffen seien, sondern nun auch in der Mitte angekommen seien. Zwar bleibe es etwa ein Tabu, den Holocaust zu leugnen - doch viele andere antisemitische Ressentiments seien inzwischen salonfähig geworden. Dazu zählt Pallade etwa die Schlussstrich-Debatten oder die Auffassung, Juden seien durch ihr Verhalten selbst für Antisemitismus verantwortlich. Besonders häufig entlade sich antisemitisches Ressentiment über den Umweg der "Kritik an Israel, dem Juden unter den Staaten", so Pallade: "Die Nachkommen der Opfer werden in eine Täterrolle projiziert." Auch viele Rechtsextreme würden den Holocaust nicht mehr leugnen, sondern ihn stattdessen relativieren. Die NPD im sächsischen Landtag spricht etwa im Zusammenhang mit der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg vom "Bombenholocaust".

Volker Beck, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, sprach davon, dass auch in der Friedensbewegung vorkomme, dass "gerechtfertigte Globalisierungskritik oder Unterstützung für palästinensische Flüchtlinge in Antisemitismus umschlägt". Hier dürfe man nicht wegschauen, genauso wenig wie bei Antisemitismus unter Migranten aus muslimischen Ländern.

Auch Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) sagte, dass es Antisemitismus "auch unter vermeintlich Linken" gebe. Sie kritisierte, dass die Polizei die Schändungen jüdischer Friedhöfe zu selten als Taten mit antisemitischen Hintergrund registriere, obwohl der Zusammenhang auf der Hand liege. Nach den Zahlen der Bundesregierung ist in den Jahren 2002 bis 2006 fast jede Woche ein jüdischer Friedhof geschändet worden. Und es bleibt nicht nur bei Sachbeschädigungen: In Berlin gab es 2007 neun "antisemitisch motivierte Gewaltdelikte", davon ein Drittel im Bezirk Mitte.

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