Jonathan Safran Foer über die Klimakrise: Wissen reicht nicht um zu glauben

Der New Yorker Schriftsteller Jonathan Safran Foer mit neun Thesen zum menschlichen Umgang mit der Klimakrise.

»Ich denke nicht, dass Rechte oder Konservative sich weniger um die Umwelt sorgen oder um ihre Kinder und Enkel.« Jonathan Safran Foer Bild: Getty Images

Warum sind viele Menschen bisher unfähig, auf die offensichtliche Bedrohung durch die Erderhitzung zu reagieren, obwohl sie nicht die »Umwelt« oder den Planeten bedroht, sondern explizit die menschliche Spezies? Der New Yorker Schriftsteller Jonathan Safran Foer (Alles ist erleuchtet, Tiere essen) hat in seinem zweiten Sachbuch Wir sind das Klima! (KiWi) mit einer Antwort Aufsehen erregt: Wir glauben es nicht. Wir wissen es zwar. Aber wir glauben es nicht. Foers jüdische Großmutter, damals 20, floh aus ihrem polnischen Schtetl, kurz bevor die Nazis kamen. Der Rest der Familie blieb und wurde umgebracht. Seitdem fragt er sich: Warum konnte seine Oma sich aufraffen und handeln – und warum konnten es die anderen nicht? Und er schließt daraus, dass »wissen« eben auch in der Klimakrise nicht reicht. Aber das ist nicht die einzige bemerkenswerte These, die Foer während einer Deutschlandreise im Gespräch mit Peter Unfried ausführt.

1 Die Klimakrise ist keine gute Geschichte.

»Es gibt einen ein Drang zu antworten, wenn ein Kind ruft.«

Die Klimakrise ist eine Geschichte, die schwer so zu erzählen ist, dass sie hängen bleibt. Es ist nicht so schwer, ein Bild zu finden, wenn man die Feuer in Australien anschaut oder einen Supersturm nimmt, der Küstenstädte angreift, oder eine Flutwelle oder ein schmelzendes Eisschild. Aber zumindest aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Das verblasst bei mir dann immer schnell, und ich gehe zurück in mein normales Leben, das viele Aktivitäten beinhaltet, von denen ich weiß, dass sie schlecht für die Umwelt sind. Das Klima hat eine Art Distanz, ob das nun geografische Distanz ist oder zeitliche Distanz. Jemand anders hat oder wird die Probleme haben. Das ist anders, als wenn es sofort, lokal und persönlich ist.

2. Es gibt kaum Literatur über die Klimakrise, weil sie keine »gute Geschichte« ist.

Ich glaube, ich habe noch gar keinen Roman über Klimawandel gelesen. Ich bin auch nicht sicher, wie ein Klimawandelroman aussehen müsste, ohne dass er science-fiction-artig und apokalyptisch wäre oder die Geschichte eines Klimawissenschaftlers. Es gibt da eine Ironie in dieser Sache. Es ist jetzt sehr schwierig, sich vorzustellen, wie ein Klimawandelroman aussehen müsste, aber es ist auch sehr schwer, sich eine Zukunft vorzustellen, in der nicht alle Romane auf die eine oder andere Art Klimaromane sind.

3. Greta Thunberg, 17, ist die beste Klimakrisen-Geschichteerzählerin, die wir haben.

Thunberg hat einen viel besseren Job gemacht als irgendjemand sonst, die Leute aufzuwecken dafür, was gerade passiert, dass sie Teil von dem sind, was passiert und auch, was ihre mögliche Beteiligung an einer Lösung angeht. Sie schüttelt das Bewusstsein von Menschen durch, wie es vorher keiner geschafft hat. Ich bin nicht sicher, was es genau ist, aber sie ist sehr charismatisch, artikuliert, sie ist eine großartige Rednerin und hat eine Art, Dinge auf den Punkt zu bringen, die sich normalerweise vage und komplex anfühlen. Ein Grund für ihre Wirkung ist ihr Alter, da bin ich sicher. Es ist schwieriger, ein Kind oder einen jungen Menschen zu ignorieren. Das ist etwas Evolutionäres in uns, ein Drang, zu antworten, wenn ein Kind ruft.

4. Wir wissen, was für schlimme Auswirkungen die Erderhitzung haben wird, aber wir glauben es nicht. Das ist das Hauptproblem, das uns am Handeln hindert.

Meine Großmutter war nicht die Einzige, die wusste, was auf sie zukam. Jeder wusste, dass die Nazis kommen würden, sie wussten nicht, was passieren würde, aber sie wussten, was kommen würde. So wie wir alle wissen, dass das Klima sich erwärmt. Meine Großmutter war die Einzige, die ging, die entschied, dass das nicht nur ein historisches Ereignis in einer Serie von historischen Ereignissen sein würde, sondern fast so etwas wie das Ende der Geschichte. Ich habe sie sehr, sehr oft gefragt, was es genau war, wodurch sie wusste, dass sie etwas tun musste. Sie hatte immer Schwierigkeiten, es zu erklären. Sie sieht sich nicht als klüger, tapferer als der Rest der Familie und denkt auch nicht, dass sie größere Angst vor dem Tod hatte. Ich wollte diese Geschichte nicht erzählen, weil sie eine Moral hätte in dem Sinne: Wir sollten alle nachmachen, was meine Großmutter tat.

»Meine Großmutter war nicht die Einzige, die wusste, dass die Nazis kommen würden. Jeder wusste es. So wie wir alle wissen, dass das Klima sich erwärmt.«

Ich will klarmachen, wie schwierig es sein kann, zu handeln. Sogar dann, wenn die Geschichte zurückblickt und sagt: Warum, um Gottes Willen, hast du nicht gehandelt? In dem Moment selbst ist das nicht genügend klar. Wenn es genügend klar wäre, hätten wir längst gehandelt. Schauen Sie, in meinem Leben habe ich überhaupt keinen Zweifel, dass das Klima sich menschenverursacht erwärmt, ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass meine eigenen Handlungen zu der Erwärmung beitragen, und trotz der absoluten Klarheit der Situation werden meine Kinder und Enkel zurückblicken und sagen: Wie konntest du fliegen, wenn du es gar nicht musstest? Wie konntest du bestimmte Dinge essen, wenn du es nicht musstest? Mehr noch: Warum hast du nicht jeden Tag protestiert, statt nur alle vier Monate? Warum hast du nicht dein ganzes Schreiben dieser Sache gewidmet, wenn es doch nichts Wichtigeres gab? Tja, warum. Ich kann Ihnen jetzt sagen: Es gibt nichts Wichtigeres. Und gleichzeitig lebe ich das Leben, das ich lebe.

5. Vielleicht sind wir in der Klimafrage zu sehr auf Gefühle fixiert.

Diese These meine ich in dem Sinne, in dem ich über Diebstahl denke. Wenn ich in einen Laden gehe und da ist etwas, das ich will, dann brauche ich keine Gefühle, damit ich es nicht stehle, ich brauche keine Gedanken an einen sozialen Vertrag oder wie sehr ich mich um den Ladenbesitzer sorge und um seine Familie. Ich stehle nicht, weil ich nicht stehle. Ich bin ein Mensch, der nicht stiehlt. Beim Klima sind wir zu sehr auf Gefühle fixiert. Positive Gefühle, wenn ich zu einer Protestkundgebung gegen Plastikstrohhalme gehe und dafür ein spezielles T-Shirt anziehe. Oder negative, wenn ich stundenlag am Tag darüber spreche oder nachdenke, was Trump für ein Arschloch ist. Beides steht im Gegensatz zu den Routinen in unserem Alltagsleben, die wirklich einen Unterschied in der Welt machen. Wir fahren nicht über rote Ampeln, wir stehlen nicht, wir schmeißen den Müll nicht auf die Straße, wir schlagen keine Menschen, wenn wir wütend auf sie sind und so weiter. Wir haben Tausende davon. Diese Routinen beziehen sich eben nicht auf unsere Gefühle, sondern sind unser eingeübtes Handeln. Jetzt könnte man sagen, ich stehle nicht, weil das gesetzlich verboten ist? Ich glaube nicht, dass das der Grund ist, warum ich nicht stehle. Ich denke nicht, dass ich es tun würde, wenn es morgen nicht mehr verboten wäre. Ich will einfach nicht jemand sein, der stiehlt. Der Trick ist, das jetzt zu übertragen, sodass wir auch nicht jemand sein wollen, der den Planeten bestiehlt oder die Zukunft. Aber es stimmt: Ordnungspolitische Gesetze wären sehr hilfreich, im Moment ist die Last auf dem Individuum, und ich wünschte daher, dass wir Regierungen bekommen, die einen Gesetzesrahmen für diese guten Gewohnheiten und Routinen schaffen. Aber danach sieht es im Moment nicht aus.

Dieser Beitrag stammt aus

taz FUTURZWEI N°12

6. Das Problem ist nicht nur Präsident Trump, sondern sind wir fast alle.

Donald Trump ist sicher Teil des Problems, aber er ist nicht der einzige Weltpolitiker, der Teil des Problems ist und für die USA das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt hat. Die Realität ist: Deutschland ist nicht auf dem Weg, die Ziele von Paris einzuhalten, Großbritannien nicht, Frankreich nicht. Es gibt überhaupt nur zwei Länder auf der Welt, die klar auf dem Weg sind, Gambia und Marokko. Es fühlt sich gut an, das Dokument unterzeichnet zu haben, aber wie fühlt es sich an, wenn das ein leeres Versprechen ist? Individuen können die Klimakrise nicht ohne Intervention von Regierungen lösen. Aber die Klimakrise ist andererseits eben auch nicht ohne individuelle Aktion zu lösen. Mehr noch: Das kann ein mächtiger Weg sein, um Regierungen und Unternehmen zum Handeln zu bringen, ich meine nicht mit Demos, sondern auch mit Dollars, die man für etwas ausgibt oder nicht.

7. Individueller Wechsel zu einer möglichst tierproduktfreien Ernährung ist alternativlos.

Das ist nicht mein Argument, sondern das des IPCC-Reports, der ja eine Art Goldstandard der Klimawissenschaft ist. Im jüngsten Report heißt es, dass wir keine Hoffnung haben, den Planeten zu retten, wenn wir nicht dramatisch weniger Tierprodukte konsumieren. Ich habe für mein Buch mit vielen Klimawissenschaftlern gesprochen und noch keinen gefunden, der mit diesem IPCC-Statement nicht übereinstimmt. Bei meiner Buchtour hatte ich oft öffentliche Auftritte mit Klimawissenschaftlern, und da fiel mir auf, dass alle Vegetarier waren, keine Ausnahme.

Pflanzliche Ernährung wird allein die Welt nicht retten, aber wir kriegen es definitiv nicht hin, wenn wir das nicht tun. Und das Beste: Es braucht nur eine individuelle Entscheidung.

8. Handeln gegen die Klimakrise ist nicht »links«.

Ich denke nicht, dass Rechte oder Konservative sich weniger um die Umwelt sorgen oder um ihre Kinder und Enkel. Manchmal haben sie unterschiedliche Ideen, was die Regierung oder der Staat tun sollte. Aber wir haben den Fehler gemacht, eine Polarisierung überzubetonen, wir haben einen Eindruck erzeugt, dass es ein Us und ein Them gibt. Die USA sind ja hinter Deutschland zurück, was das Bewusstsein für das Problem Klimawandel angeht, aber auch hier sind siebzig Prozent dafür, dass die USA Teil des Pariser Abkommens bleiben, inklusive einer Mehrheit von Wählern der Republikaner. Das ist jetzt nur anekdotisch, aber auf meiner Lesereise war ich eben nicht nur in Berkeley oder Greenwich Village, sondern auch in kleinen christlichen Universitäten im Süden und begegnete nirgends einem Unwillen, sich damit zu beschäftigen. Die Bereitschaft der Konservativen, sich als Individuum einzubringen, ist vermutlich sogar größer als bei Linksliberalen. Die haben häufig mehr Geld und führen destruktivere Lebensstile, fliegen mehr, essen öfter in Restaurants und so weiter. Der entscheidende Unterschied ist der große Widerwille der Republikaner gegen staatliche Regulierung. Das ist ein großes Problem.

9. Jonathan Franzen hat nicht Recht, wenn er sagt, dass die Klimakatastrophe nicht mehr zu verhindern ist.

In mehreren Essays plädiert der Schriftsteller aus Santa Cruz, Kalifornien, seit Jahren dafür, sich einzugestehen, dass der Kampf bereits verloren ist, bevor er begonnen hat. Stattdessen solle man sich auf die Folgen der Erderhitzung vorbereiten und die Umweltprobleme lösen, die noch zu lösen sind.

Ich habe nicht mit Franzen darüber gesprochen. Aber ich habe keine Wissenschaftler getroffen, die ihm zustimmen. Der Planet ist nicht verloren. Aber gleichzeitig werden wir ihn nicht retten können. Wir sind in einem Prozess der Verluste und manches kriegen wir nicht zurück. Wir werden Arten verlieren, einen Teil der Eisschicht, einen Teil des tropischen Regenwaldes im Amazonasgebiet, vermutlich auch einige Jahre, was menschliche Lebenserwartung angeht. Wir werden Küstenstädte verlieren und wir werden Millionen Kinder verlieren durch klimabedingte Hungersnöte und Krankheiten. Die Frage ist, wie viel wir verlieren? Und die Antwort auf diese Frage hängt zu hundert Prozent von unserem Handeln ab. Seit der industriellen Revolution ist hundert Prozent der Erderwärmung durch menschliches Handeln verursacht worden. Wenn wir weniger von den Dingen tun, die den Planeten zerstören, wird der Planet weniger zerstört. Es gibt sehr viele Gründe, pessimistisch zu sein, das sehe ich schon, aber es gibt auch viele, um optimistisch zu sein. Das Bewusstsein ist gewachsen, die Alternativen zum destruktiven Handeln wachsen, von E-Autos bis Veggie-Burgern. Da die Nachfrage exorbitant steigt, verstehen die Unternehmen, dass das gute Geschäfte sind. Da geht es nicht nur um Moral, das ist kultur- und marktverändernd. Aber sogar, wenn wir falsch liegen sollten über den möglichen Effekt unserer Bemühungen: Ich würde es lieber probieren, als es nicht zu probieren.

Aufgezeichnet von Peter Unfried