Joe Biden und das amerikanische Pathos: Das traut sich nicht mal Habeck

Das pathetische Feiern der eigenen Größe ist zentral für die Selbstvergewisserung einer demokratischen Gesellschaft. Warum machen die Deutschen das nicht?

Lady Gaga singt bei Joe Bidens Inaugurationsfeier im Januar 2021 Foto: Reuters

Von Udo Knapp

Diese Inauguration Joe Bidens war keine verlogene oder Hollywood-getunte Polit- oder Propaganda Show. Die liberale, bürgerliche Elite Amerikas, reich, schön, erfolgreich und verantwortungsbewusst, hat nach vier Jahren populistischer Versuchung und einem gescheiterten, stümperhaften Putschversuch stolz das Zepter der Macht wieder an sich genommen. Das ist nicht nichts.

„Was lieben wir als Amerikaner (…)? Ich glaube wir wissen es alle. Chancen, Sicherheit, Freiheit, Würde, Respekt, Ehre und, ja, die Wahrheit.“ „Dieses Amerika ist eine große Nation, wir sind gute Menschen. Im Lauf der Jahrhunderte, durch Sturm und Streit, in Krieg und Frieden, sind wir so weit gekommen. Aber es liegt noch viel vor uns.“

Joe Biden, 46. US-Präsident, in der Rede bei seiner Amtseinführung

„Der Hügel, den wir erklimmen, wenn wir es nur wagen, Amerikaner zu sein, ist mehr als ein Stolz, den wir erben, es ist die Vergangenheit, in die wir treten, und wie wir sie reparieren.“ – „Amerika ist ein Land, das zwar verletzt, aber dennoch intakt ist, gütig, aber kühn, wild und frei.“

Amanda Gorman, 23, afroamerikanische und jüngste Poetin bei einer Inauguration

„Una nacion baja Dios, indivisible, con libertad y justicia para todos.”

Jennifer Lopez, Schauspielerin und Sängerin, auf den Stufen des Kapitols, während sie This Land Is Your Land vorträgt

„Einst war ich verloren, aber jetzt bin ich gefunden, war blind, aber jetzt sehe ich.“

Garth Brooks, Country-Sänger, singt a capella Amazing grace mit Cowboy-Hut

„And the star-spangled banner in triumph shall wave - over the land of the free and the home of the brave!“

Lady Gaga, Popsängerin, singt die US-Nationalhymne mit goldenem Friedensvogel auf ihrem schwarz-roten Designerkleid aus Paris

Auf den Stufen vor dem Kapitol demonstrierte Amerika, der freiheitliche Eckpfeiler der westlichen Zivilisation, seine kämpferische Kraft, sein Können-Bewusstsein und seinen humanen Zukunftswillen.

Es war eine große Geste, aber die große Geste, die gekonnte Rede, der Ernst, die Würde, der Stolz und die Selbstinszenierung, dieses „Wir sind die Größten“ ist nicht hypertroph oder bloß peinlich selbstbesoffen. Das Feiern der eigenen Größe in einem solchen historischen Moment ist ein zentraler Baustein der Selbstvergewisserung einer erfolgreichen demokratischen Gesellschaft. Die Ästhetik demokratischer Herrschaft, die hier demonstriert wurde, der große Auftritt, die große Rede, die in Athen einst erfunden und gelebt worden ist, hat in Amerika – natürlich aus vielerlei Gründen immer wieder vom Absturz in Despotie und Dummheit bedroht – ein Zuhause auch fürs nächste Jahrhundert gefunden.

Amerikas exzeptionalistisches Selbstverständnis hat historische Wurzeln

Jede demokratische Herrschaft braucht für ihr Überleben einen solchen beständigen, unbescheiden sich selbst bestätigenden geistigen Überbau, ein ästhetisch auf höchstem Niveau demonstriertes Hurra, ein „Schaut her, das sind wir, wir sind die Größten, auf uns kann die Welt und die Zukunft zählen“. Dieses in Amerika tief verwurzelte exzeptionalistische Selbstverständnis, der Anspruch, eine Moralweltmacht zu sein, ist nicht ideologisch begründet. Seine Berechtigung hat historische Wurzeln.

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren von Beginn ihrer staatlichen Existenz an ein „safe haven“ für Millionen Verfolgter und Vertriebener aus der ganzen Welt. Sie alle haben gemeinsam im radikalen Bezug auf ihre Verfassung, nämlich deren „ pursuit of happiness“, Amerika zu seiner moralischen Größe geführt. Ohne Amerikas Kampf- und Opferbereitschaft wären sowohl der I. als auch der II. Weltkrieg für die Weltgemeinschaft anders ausgegangen, nämlich verheerend. Amerikanischer Rassismus, imperialistisches Abenteurertum und Ausbeutung werden nicht ignoriert, wenn diese Tatsachen akzeptiert werden.

Die glücklich wiedervereinigte Bundesrepublik hat dagegen bis heute nicht die Kraft gefunden, ein herrschaftsbewusstes, demokratisch legitimiertes Könnenbewusstsein, eine eigene, selbst gestaltete demokratische Herrschaftsästhetik zu entwickeln, selbstbewusst zu leben. Dabei wird eine solche deutsche, demokratisch legitimierte Führungsrolle in Europa dringend gebraucht.

In Deutschland bestimmt den Alltag der politischen Rhetorik das dürftige Geklapper des Rechthabens

Keiner der politisch Führenden in der Bundesrepublik, weder Steinmeier noch Laschet, Borjans schon gar nicht, nicht mal Habeck, würde sich trauen, in einem solch heiligen Ernst, solch hohen Ton über unser Land und unsere Zukunft zu sprechen. Sicher hat es in der Geschichte der Bundesrepublik einige Ausnahmemomente gegeben, in denen Gustav Heinemann, Carlo Schmid, Richard von Weizsäcker und auch Willy Brandt die Kraft und den Mut zur großen politischen Rede gefunden und wegweisend Zeichen der Selbstvergewisserung gesetzt haben. Aber den Alltag der politischen Rhetorik bestimmt das dürftige Geklapper des Rechthabens.

Sicher, das Demonstrieren eines freiheitlichen Selbstbewusstseins in großen Gesten und eine daraus abgeleitete Politik ist vor dem Hintergrund der militaristischen und faschistischen deutschen Geschichte nicht so einfach hinzukriegen. Denkbar ist sogar, dass dies nicht gelingt, weil im politischen Selbstbewusstsein der Bundesrepublik das antidemokratische, antipolitische Ressentiment immer noch tief verankert ist. Einzig Angela Merkel hat in den letzten Jahren mit ihrem „Wir schaffen das“ für einen kurzen glücklichen Moment gezeigt, was auch in der Bundesrepublik an großer politischer Selbstvergewisserung möglich wäre.

Das bigotte Anti-Amerika Bild sitzt tief

Aber was macht die deutsche Politik nun ohne diesen Trump?

Der 45. Präsident hat, genau hingesehen, das in der Bundesrepublik tief sitzende bigotte Anti-Amerika Bild immer wieder bestätigt. Es war doch mit ihm so schön einfach, mit dem Zeigefinger Vorurteile gegen dieses Amerika zu pflegen. Jetzt hat Amerika Trump, wenn auch mit Mühe, beiseite geräumt. Das alte Amerika scheint an diesem emotional beglückendem 20. Januar mit allen seinen Möglichkeiten auf die Weltbühne zurückgekehrt.

Es wäre zu schön, wenn die Erleichterung über den Abgang Trumps die Bundesrepublik und die Europäische Union, sich ihres eigenen Gewichts bewusst, zurück an die Seite Amerikas führen würde. Wahrscheinlicher aber ist es, dass schon bald das antiamerikanische Geraune wieder anhebt, etwa bei der Debatte um die unverzichtbare Stationierung taktischer Atomwaffen oder bei der um die Gaspipeline Nordstream 2.