Interview mit Dirk Rossmann: Den Amazonas nicht einfach hergeben

Unternehmer Dirk Roßmann über Klimapolitik, das Schreiben und die chinesisch-amerikanisch-russische Klimaallianz in seinem Roman „Der neunte Arm des Oktopus“.

Dirk Roßmann Foto: Picture-Alliance

taz FUTURZWEI: Die Führer der drei Mächte China, USA und Russland (Xi, Kamala Harris, Putin) haben sich in Ihrem Zukunftsroman Der neunte Arm des Oktopus (Lübbe, 400 Seiten, 20 Euro) zu einer Dreier-Allianz zusammengetan, um eine globale Klimakatastrophe durch knallharte Machtpolitik zu verhindern. Die Kriegsschiffe der Allianz stehen vor Brasiliens Küste, um das Ende der Regenwaldrodungen militärisch durchzusetzen. Was ist der Gedanke hinter diesem Plot, Herr Roßmann?

Dirk Roßmann: Der Gedanke ist ganz einfach und das Gegenteil von dem, was Sie sagen: Der Wandel kommt in dieser Fiktion nicht über knallharte Machtpolitik. Die drei Großmächte legen vielmehr den Schalter um, sie sagen, Misstrauen führt uns nicht weiter und wird nicht die Grundlage für eine glückliche Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder sein. Wir müssen gerade angesichts unterschiedlicher politischer Systeme auf gegenseitiges Vertrauen umschalten.

DIRK ROßMANN, 74, ist Gründer und Geschäftsführer der Drogeriemarktkette Rossmann mit 56.300 Mitarbeitern und 4.244 Filialen in acht Ländern (34.000 Mitarbeiter in Deutschland). Das »ß« wurde aus praktischen Gründen für den Firmennamen mit »ss« getauscht. Lebt in Burgwedel bei Hannover. Durch das Buch Wir sind das Klima von Jonathan Safran Foer (siehe taz FUTURZWEI 12/20) rückte das Handeln gegen die Klimakrise 2019 noch stärker ins Zentrum seines Denkens. Als Erstes verschenkte er 25.000 Foer-Bücher.

Handelt es sich nicht schlicht um eine Art Ökodiktatur?

Nein. In meinem Roman steht nicht, dass sie eine Diktatur gründen, sie gründen eine Allianz. Dass die problematisch ist, ist klar, aber sie versuchen damit, das Klima zu retten. Es braucht drei Dinge, um der Klimakrise entgegenzutreten: weniger Weltbevölkerungswachstum, weniger CO2-Ausstoß und weniger Rüstung, wenn Sie sehen, dass die drei Länder der fiktiven Allianz jährlich eintausend Milliarden Euro für Militär und Rüstung ausgeben. Diese drei Dinge müssen wir angehen. Das ist keine Diktatur, sondern es ist das Umschalten von Chaos, weltweiter Paranoia und Aufrüstung in das Gegenteil: Abrüstung und mehr Vertrauen. Eine Szene des Buches liegt mir besonders am Herzen, in der der Wissenschaftler Bao Wenliang zu Kamala Harris sagt, Greta Thunberg habe zwar Macht, aber ihr fehle Entscheidungsmacht. Mein Ansatz ist: Stellen wir uns vor, die Menschen, die Entscheidungsmacht haben, würden das richtige tun. Das ist die Provokation, die ich in den Raum stelle.

Die Politikmethode bleibt knallhart autoritär.

Frau Merkel würde sagen: alternativlos.

Sie lachen?

Im Ernst: Wir können nicht weiter Jahrzehnte warten, bis etwas passiert. In meiner Thrillerhandlung wird es autoritär, ja, aber nicht gegen die Interessen der Schöpfung und der Menschheit.

Die große Frage ist doch: Kann die liberale Demokratie diese Art von Krise nicht meistern?

Tja, wir haben alle mit aufgerissenen Augen gesehen, was in den USA passiert ist, wir müssen da gar nicht zurückgucken auf das Deutschland der 30er-Jahre.

Was ist mit der EU? Die kommt überhaupt nicht vor.

Ich bin gerade dabei, ein zweites Buch zu schreiben, da soll die G3 um China, USA und Russland erweitert werden. Aber der Gedanke dieser G3 ist, dass die Vereinten Nationen nicht funktionieren und die EU funktioniert auch nicht, wenn ein Land wie Malta alles blockieren kann.

Die zunehmende Abholzung des Amazonas-Regenwaldes in Brasilien ist der Kern Ihres Romans. Brasilien hat im Parisabkommen unterschrieben, dass das aufhört. Es geht aber weiter. Steht das Pars pro Toto?

Den Amazonas können wir nicht einfach hergeben, da muss jetzt etwas passieren. Ich bin der Freiheit und dem liberalen Denken verhaftet, aber ich sehe, was in den letzten 20 Jahren passiert ist: Zu wenig. Ich habe weder militärische noch politische Macht, sondern nur die Macht der Provokation durch Gedanken.

Ihr Buch landete auf Nummer eins der Bestsellerliste und hat sich in den ersten Wochen nach Erscheinen über 200.000-mal verkauft.

Ja, das macht mich auch etwas stolz. Ich habe eine Fernsehsendung gesehen, in der der Literaturkritiker Denis Scheck eine Reihe Bücher in den Mülleimer wirft und dann kommt mein Buch, und er zögert und sagt: Ne, das bleibt auf dem Tisch. Und ich weiß noch, dass ich dachte: Holla, das ist auch wichtig. Wir haben zahlreiche Anfragen von wirklich großen Filmfirmen und meine Hoffnung ist, dass das Buch weltweit verlegt wird und der Gedanke noch größere Kreise zieht: Warum immer nur gegeneinander, warum nicht miteinander?

Das Schreiben hat Sie krank gemacht, habe ich gelesen. Was ist passiert?

Die Handlung, dass die Großmächte es miteinander probieren, ist in einer Art Traumwelt zu mir gekommen.

Was heißt das?

Ich habe dabei nicht geschlafen, ich war aber auch nicht richtig wach. Ich bin nicht zwanghaft, aber ich musste dann aus diesem Traum einen Roman machen. Aber je tiefer ich in die Problematik eingestiegen bin, desto depressiver wurde ich. Ich wollte das mit dem Schreiben des Romans auflösen und hatte zeitweise das Gefühl, ich kann das nicht – und mein Körper hat darauf reagiert.

Ein Rezensent schrieb, die Hauptfigur, der als klein und ängstlich beschriebene Koch Ricardo, der am Ende die Welt rettet, lasse »mit seiner schmächtigen Statur und dem vermeintlich furchtsamen Wesen« an Sie denken.

Ja, unbedingt. Ich habe einerseits eine große Klappe, andererseits auch große Angst, das ist die Bandbreite meines Lebens. Was mich selbst stark an Ricardo erinnert: Wenn ich von etwas besessen bin, dann mache ich nur das. Meine Frau sagte, es sei unerträglich, dass ich nur noch mit Der Neunte Arm des Oktopus beschäftigt sei. Aber das war auch beim Aufbau der Drogeriemärkte so: Ich bin in so einer Phase dann zentriert und zwanghaft.

Sie hatten eine richtige Schreibfabrik. Mitarbeiter, Rechercheure, Vermarktungsprofis. Fast schon wie ...

... James Patterson heißt der. Aber eine Fabrik würde ich das nicht nennen, es haben mir ein paar Leute beim Recherchieren geholfen. Mein Freund Christian Wulff hat mir in politischen Fachfragen geholfen. Aber geschrieben habe ich fast alles selbst.

Wann und wie schreiben Sie?

Ich diktiere.

Spontan?

Nein. Ich schreibe mir nachts den Text mit Stichworten auf, dann diktiere ich in Ruhe, aber da habe ich schon stundenlang über die Formulierungen gegrübelt. Ich habe tausende Bücher gelesen und mir so Sprachgefühl erworben.

Dennoch höhnte die Süddeutsche Zeitung, Sie »könnten ein neues Genre begründen, den Milliardärs-Dreigroschenweltrettungsroman«. Wie finden Sie das?

Die gesamte Kritik habe ich als überwiegend freundlich im Kopf, aber Kritik gehört doch dazu. Damit habe ich kein Problem.

Dahinter steckt vielleicht der Vorwurf, erfolgreiche Unternehmer wie Bill Gates oder Sie machten dann irgendwann auf Philanthropie. Gibt es eine Verantwortung von sehr erfolgreichen Menschen für die globale Zukunft und wie nehmen Sie die wahr?

Ich kenne Bill Gates ein bisschen, und ich bewundere sehr an ihm, dass die Impfprogramme der Gates-Stiftung zur niedrigsten Kindersterblichkeit weltweit geführt haben. Ich habe vor 30 Jahren die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung gegründet, wir arbeiten sehr eng mit Bill und Melinda Gates zusammen. Ich mache das seit 30 Jahren und wer meinen inneren Antrieb, meinen humanistischen Impuls nicht wahrnimmt, der will auch nicht hingucken.

Wir stehen vor einer Bundestagswahl, das politisierte Bürgertum möchte, dass die Grünen Klimapolitik machen, aber die CDU soll kontrollieren, dass sie es nicht übertreiben. Wie sehen Sie die Lage?

Das würde ich nicht so formulieren wie Sie. Es gibt bei den intelligenten Menschen in der CDU ein ehrliches Interesse, mit den Grünen zusammenzuarbeiten. Ich bin bürgerlich-liberal, nicht so der taz-Leser, eher FAZ, aber ich hoffe, dass es zu einer Koalition von Union und Grünen kommt.

Aber die Union schon stärker?

Das entscheidet der Wähler.

Fürchten Sie, dass es doch wieder zu wenig Klimapolitik sein wird?

Zwei Prozent der weltweiten Emissionen entstehen in Deutschland, 98 Prozent woanders, das wird Deutschland nicht allein hinkriegen. Damit sind wir wieder bei meinem Ansatz: Es muss eine weltweite Allianz geben.

Im Epilog Ihres Romans trifft sich Dirk Roßmann mit Freunden zum Skat, darunter Gerhard Schröder. Er gibt dem Altkanzler ein Buch über Oktopoden. Der will erst nicht und nimmt es dann doch. Letzter Satz: »Und so begann es.« Ist das Fiktion und was begann da genau?

Das ist alles wahr, genauso war es. Schröder kam einen Tag, nachdem Putin im Amt bestätigt wurde, zum Kartenspielen. Ich gab ihm dieses Oktopus-Buch und sagte: Mensch, Gerd, les die ersten 90 Seiten. Ich habe mich für den Oktopus entschieden, weil diese Tiere unglaublich klug sind und die Menschen was von ihnen lernen könnten. Und so begann es, einen alternativen Gedanken in die Welt zu setzen.

Interview: PETER UNFRIED