HSV-Aufsichtsrat: Aufstand der Sportsfreunde

Die Mitgliederversammlung des HSV an diesem Sonntag könnte über die Zukunft des Vereins entscheiden: Wenn die mächtigen Supporters fünf der zwölf Aufsichtsratssitze erobern, könnten dem Präsidium harte Zeiten drohen.

Wahlkampf beim HSV: Es wurde unter die Gürtellinie geschlagen, mit Unterstellungen gearbeitet, Anzeige erstattet, es wurde beleidigt, es gab Kampagnen. Bild: DPA

Wahlkampf: Es wurde unter die Gürtellinie geschlagen, mit Unterstellungen gearbeitet, Anzeige erstattet, es wurde beleidigt, es gab Kampagnen. Es ging diesmal aber gar nicht um Politik, sondern um die Besetzung des Aufsichtsrats beim Hamburger Sport-Verein.

Am Sonntag wählt die Hauptversammlung des HSV ein neues Kontrollorgan. Das Gremium aus zwölf ehrenamtlichen Mitgliedern ist für die Profifußballer wichtig, weil es über die Verlängerung der Verträge des hauptamtlichen Vorstands und über alle größeren Vorhaben entscheidet. Je ein Mitglied des Rats entsenden die Fördernden Mitglieder, die beim HSV "Supporters" heißen, die Amateurabteilungen, die Gemeinschaft der Senioren und die Mitgliederversammlung des HSV Ochsenzoll-Norderstedt. Die übrigen acht Sitze stehen zur Wahl, es gibt 19 Kandidaten.

Die Härte des Wahlkampfs hat damit zu tun, dass Sportvereine, zusammen mit Schäferhund und Richard Wagner, Volkslied und Schrebergarten, des Deutschen Seele nah sind.

So alt wie die Sportvereine selbst ist der Konflikt zwischen denen, die den Verein bewahren wollen, in einer Tradition die bis Turnvater Jahn reicht, ihn als Bollwerk gegen den Kapitalismus hinstellen - auf die Gefahr hin, daran zu zerschellen - und denen, die ihn nach der Logik eines Wirtschaftsbetriebs führen wollen, nach den Regeln des Kapitalismus - auf die Gefahr hin, dass er sich vom Rest nicht unterscheidet. Dieser Konflikt ist kein politischer. Er geht tiefer.

Beim Kampf um der HSV stehen sich gegenüber: Die Fördernden Mitgliedern/Supporters, eine 46.000 Menschen starke Gruppe, heterogen wie ihre Kandidaten: Werbeagentur-Chef Ingo Thiel, Manfred Ertel, Spiegel-Journalist, Anja Stäcker, Bankkauffrau, Johannes Liebnau, Angestellter. Sie sind sich einig im Bestreben, den HSV als Sportverein mit über 30 Abteilungen zu bewahren und von den Profifußballern finanzieren zu lassen. Supporters-Abteilungsleiter Ralf Bednarek, Rechtsanwalt, versichert, keine Putschpläne zu hegen - nur das Personal im Aufsichtsrat wolle er ändern.

Ihnen gegenüber stehen die wirtschaftlich orientierten Kandidaten des Ex-Aufsichtsratschefs Udo Bandow: Peter Becker, Präsident der Handwerkskammer, Jörg Debatin, Ärztlicher Direktor des UKE, Kaufmann Ian Karan und der Versandhandel-Erbe Alexander Otto, würden dem Kurs des bis 2011 unter Vertrag stehenden Vorstands um Bernd Hoffmann und Katja Kraus wohlwollender gegenüber stehen als die Supporters-Kandidaten. Dazu kommt Ex-Profi Sergej Barbarez. Unklar ist, wie ernst seine Kandidatur ist. Bild-Zeitung und Hamburger Abendblatt leckten die Bandow-Kandidaten und bissen die anderen. Ex-HSV-Präsident Wolfgang Klein bezeichnete die Supporters-Führung via Bild als "Totengräber des HSV" und "Idioten".

Das richtete sich gegen Johannes Liebnau, 26, der im Außendienst einer Brauerei arbeitet und bei Heim- und Auswärtsspielen die Gesänge der HSV-Fans steuert, weshalb ihn das Abendblatt den "Einpeitscher" nennt. Bild brachte einen Text, in dem Liebnaus Schlachtrufe: "Tod und Hass dem SVW" und "Hurensöhne" vorkommen und versuchte, dessen Existenz durch die Frage zu zerstören: "Was sagt eigentlich sein Arbeitgeber dazu?" Der steht zu Liebnau.

Teil des Wahlkampfs ist auch die Enthüllung, dass Bild-Sportchef Jürgen Schnitgerhans 2008 zum Geburtstag vom HSV-Vorstand eine Uhr im Wert 1.156 Euro bekam. Dem NDR-Medienmagazin "Zapp" sagte Jörn Wolf, Pressesprecher des HSV: "Herr Schnitgerhans hat sich gefreut und hat sich bedankt und hat die Uhr auch angenommen." Die "Leitlinien zur journalistischen Unabhängigkeit bei Axel Springer" sagen allerdings ausdrücklich: "Die Journalisten bei Axel Springer [...] nehmen keine Geschenke an, [...] oder geben diese [...] an den Verlag weiter, der diese karitativen Zwecken zuführt."

Als "Zapp" am späten Mittwochabend zu Ende ging, verlas Moderatorin Inka Schneider einen Mail, die "Zapp" von Bild bekommen hatte. Darin heißt es, dass Schnitgerhans die Uhr vom HSV-Vorstand nicht geschenkt bekam, sondern sie ihm lediglich "überreicht" wurde.

Geht es um den eigenen Hintern, werden Männer wie Schnitgerhans, die sonst grob mit Sprache umgehen, feinfühlig. Die Annahme, dass sich Schnitgerhans wegen der Uhr für Hoffmann Partei ergreift, erscheint allerdings absurd. Bild kennt nur eine Partei. Den Springer-Verlag.

Der will Hoffmann halten, weil er als Vertreter der Kapitalisierung des Fußballs berechenbarer ist als die Supporters. Das Problem dieser Kapitalisierung ist, dass der Erfolg des Fußballs, der ihn für Investoren interessant macht, genau das gefährdet, was diesen Erfolg ermöglicht. Fans, die ihren Club lieben, wollen sich nicht zu Kunden verwandeln lassen. Eine Illusion ist es allerdings zu glauben, dass diejenigen, die den Fußball lieben, als Aufsichtsräte grundlegend anders handeln könnten als diejenigen, die nur am Geld interessiert sind. Grundlegend anders nicht, etwas anders schon.

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