Griechische Regisseurin über „Attenberg“: „Arm sein und trotzdem filmen“

Die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari spricht über ihren neuen Film „Attenberg“, ihren begeisterten Voyeurismus und ihr Faible für Monty Python.

„Ich will das Klischee brechen, wie eine Familie zu sein hat und eine Alternative vorschlagen.“ Bild: promo

taz: Frau Tsangari, bei der Weltpremiere von „Attenberg“ in Venedig schien mir die eine Hälfte des Publikums begeistert, die andere befremdet. Haben Sie eine Erklärung, woran das liegen könnte?

Athina Rachel Tsangari: Ich habe schon immer versucht, eine eigene Filmsprache zu finden, die nie wirklich an der Realität orientiert ist. Ich mache keine Experimentalfilme, arbeite aber auch nicht naturalistisch. Stattdessen versuche ich, durch beide Welten zu tänzeln, ohne es mir irgendwo gemütlich zu machen. Das ist eine schwierige Kombination. Die eine Hälfte des Publikums findet offenbar, dass sie funktioniert, der anderen gefällt es wohl nicht. Diese Form ist aber nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung, sondern entsteht ganz natürlich bei den Proben mit meinen Schauspielern.

Vielleicht verwirrt die Zuschauer auch, dass die Figuren in „Attenberg“ so ungewöhnlich sind. Sie verhalten sich völlig unvorhersehbar.

Mich interessieren Prototypen: der Prototyp des Vaters, der Tochter, des Liebhabers, der besten Freundin. Diese vier Prototypen bilden zusammen einen Kreis. Ich will das Klischee brechen, wie eine Familie zu sein hat und eine Alternative vorschlagen. Für mich ist „Attenberg“ ein Dokumentarfilm über eine andere Art von Familie im Stil eines Tierfilms.

Können Sie das genauer erklären?

Stellen Sie sich einen Science-Fiction-Film vor: Sie haben Aliens und einen fremden Planeten. Vielleicht sind meine Figuren ja Aliens und der fremde Planet ist die verfallende Industriestadt an der Küste, in der mein Film spielt.

hat in New York Performance Studies und in Austin, Texas, Regie studiert. Ihre Abschlussarbeit war „The Slow Business of Going“ (2001), ein Lo-Fi-Sci-Fi-Road-Movie, das in neun Städten rund um die Welt gedreht wurde. Eine Kritikerumfrage der Village Voice aus dem Jahr 2002 bewertete es als einen der besten Debütfilme des Jahres. Tsangaris zweiter Langfilm „Attenberg“ lief 2011 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig.

Und Sie sind die Wissenschaftlerin, die diese fremden Lebensformen beobachtet?

In gewisser Weise, ja. Daher war der britische Naturfilmer Sir David Attenborough so wichtig bei der Entwicklung des Projekts und bei den Proben. Jeder der Schauspieler und Schauspielerinnen hat bestimmte Tiere zugewiesen bekommen, mit denen er oder sie sich vertraut machen sollte. Das sieht man nicht direkt, außer in den Szenen, in denen die Darsteller diese Tiere wirklich nachahmen, aber es hatte Einfluss darauf, wie sie sprechen, wie sie sich angucken und wie sie sitzen – besonders das Sitzen ist wichtig. Der Film ist sehr streng choreografiert. Wir haben sehr viel geübt, etwa die Winkel, in denen man sich anschaut. Da ich mich den Figuren nicht über ihren Hintergrund und ihre Geschichte nähere, geht es mehr um Bewegungen und Sprache.

Physis statt Psychologie?

Ja. Wir haben in den Proben alles immer und immer wieder wiederholt. Durch diese Wiederholungen wurden die Sprache und die Bewegungen sehr mechanisch, aber die Ermüdung führte auch dazu, dass die Charaktere und Gefühle durchkamen. Wichtig war mir, dass man die richtige Distanz wahrt, den Zuschauern sollten die Emotionen nicht mit dem Löffel verabreicht werden. Man überlässt es ihnen, ob sie den Film mögen oder hassen, ob sie bewegt sind, angewidert oder gelangweilt.

Dazu passt, wie Sie die gleichzeitig kühle und leidenschaftliche Musik der New Yorker Punk-Vorläufer Suicide auf dem Soundtrack verwenden.

Sie dekonstruieren Rock ’n’ Roll auf perverse Art und Weise. Suicide sind sehr beliebt in Griechenland, weil die griechische Kultur tief im Innern ähnlich fatalistisch und pessimistisch ist, aber auch sehr melodramatisch. Das passt perfekt zur Monomanie meiner Hauptfigur Marina, die ein sehr minimalistisches Leben führt: Sie hört nur eine Band, schaut im Fernsehen nur Dokumentationen von Sir David Attenborough und kümmert sich um ihren kranken Vater.

Inwiefern wurde Ihr Film davon beeinflusst, dass Sie Performance Art in New York studiert haben?

Wir haben dort alltägliche Bewegungen untersucht, als seien sie eine Art Performance. Für mich ist also alles eine Choreografie. Außerdem bin ich eine begeisterte Voyeurin und Menschenbeobachterin. Ich finde es faszinierend, Leuten dabei zuzusehen, wie sie essen, gehen oder sich ihre Nase kratzen. Ihre Bewegungen zerlege ich dann in ihre einzelnen Elemente. Pina Bausch ist daher ein Vorbild für mich, außerdem habe ich mit den Schauspielern viel Monty Python geschaut und danach mit ihnen improvisiert.

Mehrere Szenen in „Attenberg“ erinnern an den berühmten Monty-Python-Sketch „Ministry of Silly Walks“.

Das ist einer meiner absoluten Favoriten. Ich schaue ihn mir alle paar Tage an, nur um gute Laune zu bekommen. Für mich ist es sehr wichtig, dass man sich im Kino über sich selber lustig machen kann. Es ging darum, dass wir zusammen improvisieren und dass sich die Darsteller dabei wirklich befreien. Vangelis Mourikis, der den Vater spielt, ist vielleicht der wichtigste Kinoschauspieler Griechenlands. Normalerweise bekommt der allerdings nur die Rolle der harten Typen in Krimis. Es war spannend für mich, ihm dabei zuzusehen, wie er sich völlig lächerlich dabei macht, einen Gorilla zu spielen.

Die ungewöhnlichen Tanz- und Performance-Einlagen im Film wirken aber auch wie ein Kommentar zum Rest der Handlung.

Ganz genau, wir haben sie eingesetzt wie den Chor im klassischen griechischen Theater. Aufgebaut ist der Film ein bisschen wie ein Musical – die griechische Tragödie war ja durch ihren Einfluss auf die Oper ein Vorläufer des Musicals. „Attenberg“ ist eine Art abstraktes Musical, das in unseren Köpfen stattfindet.

Stimmt es eigentlich, dass Sie an der Eröffnungs- und Schlusszeremonie der Olympischen Spiele von Athen im Jahr 2004 mitgearbeitet haben ?

Ja, mein Verantwortungsbereich waren die Videos und Projektionen. Ich habe dafür sieben Monate lang ungefähr 3.000 Tänzer und Tänzerinnen gefilmt, die unter der Leitung von Regisseur und Choreograf Dimitris Papaioannou standen. Seitdem mache ich auch die Videos für die meisten seiner Tanztheater-Aufführungen.

„Attenberg“ ist international vielfach ausgezeichnet worden. Die von Ihnen mitproduzierten Filme „Dogtooth“ und „Alpis“ von Giorgos Lanthimos haben in den letzten Jahren in Cannes und Venedig Preise gewonnen. Gibt es eine Renaissance griechischen Filmemachens in Zeiten des Staatsbankrotts?

Es scheint so. Man kann arm sein und trotzdem Filme machen. Wir drehen ohne große staatliche Förderung und helfen uns. Wir produzieren uns gegenseitig, schreiben füreinander, kochen bei den Dreharbeiten der anderen, stellen unsere Wohnungen als Drehorte zur Verfügung, machen Botengänge – alles, was nötig ist. Ich mag dieses „home made cinema“. Aber ich weiß nicht, ob man schon von einer neuen griechischen Welle sprechen kann. Wir müssen sehen, wie lange es anhält.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de