Fragen der Zeit: Immer weniger Diskriminierung?

Integrationsexperte Aladin El-Mafaalani erklärt, warum mehr über Diskriminierung geredet wird, je weiter sie abnimmt.

Bild: imago images

von ALADIN EL-MAFAALANI

Aktuell lässt sich der paradoxe Zusammenhang beobachten, dass eine spezifische Herkunft oder Identität eine immer geringere Rolle für Stellung und Chancen einer Person in der Gesellschaft spielt und deshalb im öffentlichen Diskurs einen immer größeren Raum einnimmt. Die Teilhabechancen von Frauen, LSBTIQ* und PoC waren ganz sicher nie besser als heute. Und deshalb haben diese Menschen die Macht und die Kompetenz, sich zu organisieren und in den Diskurs einzubringen.

Oder anders ausgedrückt: Weil es weniger Diskriminierung gibt, können Diskriminierte über Diskriminierung sprechen. Wir befinden uns also in einer Zwischenphase: Immer weniger Menschen sind aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen, immer mehr Gruppen können Öffentlichkeit herstellen und zugleich gibt es immer noch Diskriminierung.

In immer feineren Analysen werden immer wieder neue Ecken durchleuchtet, in denen Diskriminierung stattfindet. Diese kommunikative Steigerungsspirale lässt schnell den Eindruck entstehen, alles sei schlimmer geworden. Aber natürlich war das racial profiling bei Polizei, an der Discotür oder bei Stellenbesetzungen früher viel stärker ausgeprägt. Ähnliches lässt sich über sexistische oder homophobe Handlungen zeigen.

Aber: Früher, da haben Betroffene nicht drüber gesprochen, weil die Ungleichbehandlungen derart präsent und allgegenwärtig waren, dass sie kaum thematisiert werden konnten. Ungleichbehandlungen oder gar Erniedrigungen fallen dann am stärksten auf, wenn sie aus dem Rahmen fallen, also: wenn sie nicht mehr die alles bestimmende Regel sind. Entsprechend sind die feministischen, queeren oder rassismuskritischen Aktivist:innen ziemlich erfolgreiche Personen. Wirkt paradox, ist aber anders kaum denkbar.

Die gesamte Kultur steht auf dem Prüfstand: vom kleinen Jim Knopf bis zum großen Kant

Und entsprechend verlagert sich der öffentliche Diskurs. Während es in einem früheren Stadium noch um einen Platz am Tisch und ein Stück vom Kuchen ging, werden in einer fortgeschrittenen Phase, wenn bereits einige Minderheitenangehörige am Tisch sitzen, die Tischordnung und das Kuchenrezept zum Konfliktfeld. Sitzt man erstmal am Tisch, kann man Öffentlichkeit herstellen, Interessen artikulieren und Kritik adressieren. Die gesamte Kultur steht auf dem Prüfstand: vom kleinen Jim Knopf bis zum großen Kant, hin zu Worten, Straßennamen, Denkmälern.

Und es geht noch weiter: Schwarze sprechen über das Weißsein, Frauen über mansplaining, Nicht-Heterosexuelle über Heteronormativität. Es wird also nicht mehr nur über die Benachteiligung der Benachteiligten gesprochen, sondern auch über die Privilegien der Privilegierten. Der Begriff »weißer Mann« (und zudem: heterosexuell, ohne Behinderung, alt) benennt und delegitimiert eine privilegierte und dominante Stellung.

In einer immer diverseren und offeneren Gesellschaft sollte es keine Identitätspolitik mehr geben, könnte man meinen. De facto wird sie intensiviert und ausgeweitet. Denn nun bekommt die einzige »freie« Gruppe eine identitätspolitische Kategorie. Und tatsächlich verliert sie an Selbstverständlichkeit, an Universalität. Was Frauen, LSBTIQ* und PoC nicht anders kennen, ist für weiße Männer recht ungewohnt.

Die Einschränkung einer solchen Benennung kann man an den Reaktionen ablesen: Sie reichen von selbstkritischer Reflexion über Zorn bis zu einem trotzigen »ja, jetzt erst recht«. In jedem Fall aber erlebt man, dass eine Kategorie unfrei macht: Denn man ist benannt, bevor man handelt, bevor Mann man selbst ist.

Jetzt endlich sind alle gefangen und können sich als Opfer fühlen, das ist irgendwie fair. Sofern eine kritische Masse diesen Fortschritt als solchen erkennt, wird es sich lediglich um eine anstrengende Zwischenphase gehandelt haben. Privilegierte könnten lernen, dass die Tatsache, dass alle sprechen dürfen, sich für sie intuitiv so anfühlt, als dürfte man selbst nicht mehr alles sagen. Die »Anderen« könnten sich vor Augen halten, dass schon viel erreicht wurde und dass eine weitere identitätspolitische Fragmentierung des Diskurses gar nicht mehr zweckdienlich wäre – sie vielleicht immer stärker Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt mittragen. Identitätspolitik sollte man Minderheiten überlassen – in der offenen Gesellschaft sind das die Feinde der offenen Gesellschaft.

Im November 2020 ist von ALADIN EL-MAFAALANI eine erweiterte Neuausgabe des Bestsellers Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Dieser Beitrag ist in taz FUTURZWEI N°14 erschienen