Finnisches Atomkraftwerk: Vorzeige-AKW wird Zuschussgeschäft

Siemens rechnet mit 1,5 Milliarden Euro Zusatzkosten beim Neubau des "Flaggschiffes" der AKW-Branche. Für die Reaktorbauer könnten die Verzögerungen teuer werden.

Greenpeace-Protest vor dem AKW-Neubau in Olkiluoto. Bild: reuters

STOCKHOLM taz Die Zukunft der Atomkraft kommt die Industrie teuer zu stehen. Seit dem Jahr 2003 baut der Areva-Konzern am finnischen Standort Olkiluoto ein Atomkraftwerk der dritten Generation. Doch der High-Tech-Reaktor wird und wird nicht fertig - und das kostet: 1,5 Milliarden Euro Zusatzkosten erwartet der französisch-deutsche Arvea-Konzern. Er bestätigt damit erstmals Zahlen, die Greenpeace schon im September letzten Jahres berechnet hatte.

Der Siemens-Konzern ist an dem Unternehmen mit einem Drittel beteiligt und dementiert nun auch nicht mehr, dass es etwa 500 Millionen Euro der zusätzlichen Kosten für den Kraftwerksneubau tragen muss. Der erste europäischen Reaktorneubau könnte sich zum Kreuzweg für Areva entwickeln. Um an den begehrten Neubauauftrag zu kommen, hatte sich das Konsortium Areva-Siemens mit 3 Milliarden Euro nicht nur verpflichtet, den Druckwasser-Atomreaktor zu einem Schnäppchenpreis zu liefern. Sondern auch eine Festpreisvereinbarung getroffen. Jeden Euro, den der Bau teurer wird, muss das Konsortium aus eigener Tasche zahlen.

Um die Kosten zu drücken, heuerte man 1.500 Zulieferer aus 28 Ländern an. Häufig wurden Firmen beauftragt, die keinerlei Erfahrung mit so einem Großprojekt hatten - dafür aber billig waren. Allerdings hat Areva dabei die Rechnung ohne den Bauherrn und die finnische Strahlenschutzbehörde STUK gemacht. Die weigerte sich, den Pfusch am Bau hinzunehmen, so dass viele Arbeiten mehrfach gestoppt und wieder neu ausgeführt werden mussten. In bislang über 1.500 Fällen gab es Abweichungen von den Sicherheitsbestimmungen, deren Nachbesserung die STUK verlangte. Der Zeitplan geriet dadurch aus den Fugen: Statt wie geplant im Sommer 2009 wird Olkiluoto 3 jetzt frühestens Ende 2011 in Betrieb gehen können.

Offenbar um die Aktionäre ruhig zu halten, hatte die Areva-Chefin Anne Lauvergeon kürzlich behauptet, man werde sich die Mehrkosten mit dem finnischen Bauherrn teilen. Was dieser, Teollisuuden Voima Oy (TVO), umgehend dementierte: Areva müsse allein für alle Kosten der Verspätung einstehen. Baupreis und Zeitplan für die Fertigstellung des "schlüsselfertig" bestellten Neubaus seien feste Vertragsbestandteile. TVO werde keinesfalls irgendwelche Kosten übernehmen.

Dazu haben die Finnen auch keine Veranlassung. Denn die Verspätung bei der Fertigstellung wird Privathaushalten und Industrie noch erhebliche Zusatzkosten bescheren. Schätzungen gehen von 3 Milliarden Euro aus, für die teurer Importstrom zugekauft werden muss. Die Finnen könnten versuchen, diese Kosten sowie Vertragsstrafen für jeden Tag der Bauverzögerung gegenüber Areva-Siemens geltend zu machen.

Lauri Myllyvirta von Greenpeace Finnland hält die Probleme für ebenso aufsehenerregend wie typisch für Reaktorneubauprojekte: "Der letzte Reaktorneubau in China verspätete sich wegen ähnlicher Probleme um zwei Jahre. In Taiwan liegt man bei einem Neubau um vier Jahre zurück. Ich hoffe, dass die Regierungen weltweit die Lektion gelernt haben und nicht unbedingt die gleichen Fehler wie die finnische Regierung mit ihrem Atomkurs machen wollen."

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