Endlich wütend werden: Wut macht uns aktiv

Unsere Generation kämpfe nicht mehr – sie sei gemütlich geworden, sagt der Vater unserer Autorin. Nein! Denn wütend sein macht uns aktiv.

Zwei Personen sitzten auf dem Boden. In ihrer Mitte steht eine rote Tonne, auf der in weißer Schrift Climate Justice geschrieben steht.

Unsere Autorin wünscht sich, dass wir bei Ungerechtigkeit handeln. Wut ist dafür der passende Trigger Foto: Reuters

taz lab, 16.01.2023 | Von ALISA ISABELLA NEUGEBAUER DA SILVA SARMENTO

Wenn ich an die Zukunft denke, wird mir schwindelig. Ich fühle mich, als ob ich auf einer zu hohen Brücke stehe und ins dunkle Wasser hinunterschaue. In mir breitet sich schleichend ein Gefühl von Hilflosigkeit aus. Als ich gerade in Portugal unterwegs war, um dort meine Familie zu besuchen, war dieses Gefühl stetig bei mir. Einfach abstellen? Konnte ich nicht.

Im Gespräch mit meinem Vater höre ich dann jedes Mal seinen belanglos klingenden Kommentar, dass unsere junge Generation nicht mehr kämpfe, wir seien einfach zu gemütlich geworden. Dann werde ich wütend.

Haben wir verlernt, gegen Ungerechtigkeiten anzugehen? Konsumieren wir stattdessen nur noch und haben dabei ständig ein schlechtes Gewissen? Wut kann helfen!

Psychologen und Psychiater betonen, wie wertvoll Wut sein kann – etwa, indem sie klare Grenzen setzt und Warnsignale vermittelt. Sie befreit uns von innerer Spannung und fordert uns zur Veränderung auf. Tatsächlich: Wenn ich jetzt an meine persönlichen Wut-Momente denke, haben sich meine Gedanken meist anders bewegt. Ich fühlte mich wieder aktiver und motivierter, Dinge anzugehen.

Deswegen: Wütend bleiben!
Ein Portraitfoto der Kolumnistin

Unsere Kolumnistin Alisa Isabella Neugebauer Da Silva Santos schreibt diese Woche für die taz-lab-Kolumne "träum nicht weiter" über Wut.

Einer dieser Momente bleibt mir aus dem vorigen Jahr besonders in Erinnerung: In einer Gemeinschaftsunterkunft in Berlin-Reinickendorf mussten alle Be­woh­ne­r*in­nen ausziehen, obwohl sie teilweise schon Jahre dort gelebt hatten.

Statt mit den Menschen persönlich zu sprechen, wurde vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) wahllos bestimmt, dass alle Menschen innerhalb von wenigen Tagen die Unterkunft verlassen mussten. Dabei wurde ihnen keine angemessene Alternative angeboten, sondern einfach irgendeine.

Ich arbeitete damals in dieser Unterkunft mit einem tollen Team zusammen, wir kämpften gemeinsam mit den Bewohner*innen und mit einer enormen Wut gegen die Ungerechtigkeit. Die Maßnahme, die das LAF beschlossen hatte, wurde trotz all unserer Anstrengungen durchgezogen.

Aber es war wichtig, dass wir gehandelt haben und nicht still geblieben sind.

Hier schreiben unsere Au­to­r*in­nen wöchentlich über Zukunft und Zuversicht.