Elternängste: "Viele Mütter und Väter sind verunsichert"

Kinder zu erziehen wird immer schwieriger, auch weil die Anforderungen an die Eltern steigen, sagt Diplompsychologe Günther Deegener. Dennoch würden Erziehungskurse als Armutszeugnis betrachtet.

taz: Herr Deegener, bei einer Fachtagung des Deutschen Jugendinstituts in Berlin sagten Sie kürzlich, Elternbildung müsse völlig selbstverständlich werden. Warum?

Günther Deegener: Erziehung ist so kompliziert und schwierig, dass es wichtig ist, darüber etwas zu lernen. Um das zu tun, kann man Kurse besuchen, sich mit anderen Eltern austauschen oder in der Schule und im Kindergarten offen über Erziehungsfragen und Erziehungsprobleme reden. Wir können nicht mehr so erziehen wie in der Tradition unserer Eltern und Großeltern.

Wieso nicht?

Die wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Situation hat sich völlig gewandelt. Den Großverband Familie gibt es nicht mehr, Eltern sind heute oft berufstätig. Insgesamt ist da viel soziale Geborgenheit verloren gegangen. Außerdem sind die Anforderungen an die Eltern gestiegen.

Inwiefern?

Es gibt keine klaren Werte und Normen mehr. Das verunsichert viele Eltern. Man soll Kindern nicht nur zu glücklichen, sondern auch zu selbstbestimmten und erfolgreichen Menschen heranziehen. Um dieser Anforderung gerecht zu werden, gehen manche so weit, ihre Kleinkinder im Alter von zwei Jahren mit Englischkursen zu überfordern.

Müssen Eltern gewissermaßen erzogen werden, damit sie ihre Kinder erziehen können?

Nicht erzogen werden. Aber die Annahme, Kinder großzuziehen sei eine Aufgabe, die man von der Natur in die Wiege gelegt bekommt, ist einfach falsch. Das sieht man ja an vielen Fällen von körperlicher und seelischer Misshandlung und Vernachlässigung, wie aktuell in Schwerin.

Dort ist gerade ein fünfjähriges Mädchen verhungert.

Ja, und genau wie in Bremen im Fall Kevin wird jetzt wieder die Diskussion über die Wächterfunktion des Staates laut. Die Familie war, wie im Fall Kevin, dem Jugendamt bekannt. Doch wegen Kostendrucks werden Jugendhilfemaßnahmen immer weiter reduziert - bis der einzelne Mitarbeiter so viele Familien betreuen muss, dass dringende Problemfälle untergehen.

Was schlagen Sie zur Lösung dieses Problems vor?

Prävention. Der Staat hat nämlich nicht nur eine Wächterfunktion, sondern auch eine Fürsorgepflicht.

In Berlin gibt es ein Pilotprojekt, bei dem Eltern von Hauptschülern zu kostenlosen "Step"-Elternkursen eingeladen werden.

Das ist grundsätzlich gut. Aber man muss darauf achten, dass Präventionsangebote vernetzt werden. Step alleine hilft mit Sicherheit nicht allen Eltern.

Eltern stark auffälliger Kinder bleiben ohnehin lieber zu Hause.

Ja, solche Kurse sprechen eher Mittelschichteltern an. Viele Familien betrachten es leider als Armutszeugnis, einen Elternkurs zu besuchen, anstatt dies als selbstverständliche Verantwortungsübernahme zu erleben. Um stark problembelastete Familien zu erreichen, muss man kreativ werden. Eine Idee ist, geschulte Laienhelfer, die aus dem jeweiligen Milieu kommen, direkt in die Familien zu schicken. Die Kommunikation mit Vorbildern aus dem eigenen Umkreis fällt oft leichter als der Kontakt mit "offiziellen" Jugendamtsmitarbeitern.

Sollten alle Eltern Hilfen zur Erziehung in Anspruch nehmen können?

Sehr weitläufig gefasst kann das ja jeder. Man kann zum Buch greifen, eine Informationssendung im Fernsehen gucken und sich mit der Kindergärtnerin oder dem Lehrer seiner Kinder besprechen.

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