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EinsehrpersönlichesGeschäft

Die Familie Grohs ist in Rheinbach südwestlich von Bonn stadtbekannt. Umgekehrt kennen die Grohs aber auch die Rheinbacher sehr gut: Viele sind bei ihnen versichert

Aus Rheinbach Karlotta Ehrenberg (Text) und Nadine Schwickart (Fotos)

Rheinbach ist ein Städtchen im Rheinland, 27.000 Einwohner, 16 Kilometer von Bonn entfernt. In der Umgebung bekannt ist Rheinbach durch ein Freizeitbad, es gibt eine Hochschule, eine Bundeswehrkaserne, ein Gefängnis, einige Baudenkmäler aus dem Mittelalter und der Römerzeit.

Wenn Timo, Georg und Günter Grohs durch die Stadt gehen, werden sie häufig begrüßt. Und auch sie kennen viele der rund 27.000 Einwohner – und sie wissen über sie viele persönliche Details. Durchblicken lassen sie das jedoch nicht. Diskretion gehört zu ihrem Job – sie sind Agenten des ältesten Versicherungsbüros der Stadt.

Zwar werden die Angelegenheiten meist nicht auf der Straße, sondern im „Bürro“ geregelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Grohsens ihren Beruf nach Feierabend einfach ablegen könnten. „Ich spiele Tennis, bin im Theater, ich singe im Chor. Das sind Dinge, die mache ich privat, aber die führen dazu, dass der Bekanntheitsgrad von einem größer wird“, sagt Günter Grohs, mit 71 Jahren der Älteste in der Runde.

Mindestens so wichtig wie das Netzwerken sei das Festigen der Kontakte. „Man hat super Verhältnisse zu den Kunden, die vertrauen einem.“ Zustimmendes Nicken von Georg (65), seinem Bruder, und Timo (37), dessen Sohn. Ihre Verwandtschaft ist nicht zu übersehen, alle drei sind von großer Statur und blicken das Gegenüber mit freundlichem Blick an.

Ihre Prominenz bedeutet allerdings auch, dass man sich keinen Fauxpas erlauben darf. Danebenbenehmen dürfe sich ein Grohs nicht, sagt Georg Grohs, das hat er schon früh gelernt: „Ich war 16, meine Kumpels, die hatten gern mal ein Bier und haben abends schon mal rumgegrölt im Dorf. Und ich sag: Oh Gott, seid leise, die sind bei uns versichert!“

Damals lag das Geschäft noch in Händen seines Vaters, Ferdinand Grohs. „Den kannten hier alle“, sagt Günter Grohs. Ein Bild von Ferdinand, der wohl nicht nur aus privaten Gründen im städtischen Karnevals- und Schützenverein aktiv war, thront auf einem Regal. Daneben das Bild seiner Frau Barbara, auch sie saß mit im „Bürro“, „bis zu ihrem 91. Lebensjahr“.

Die Anfänge des Familienunternehmens gehen in das Jahr 1949 zurück. Damals zählte Rheinbach inklusive der dazugehörigen Dörfer rund 10.000 Einwohner. Nach der späten Rückkehr aus dem Krieg betrieb Ferdinand Grohs mit seiner Frau eine Holzhandlung. Das bedeutete nicht nur schwer schleppen, sie kamen auch viel rum. Ein Versicherungsdirektor entdeckte das Potential und sprach den Holzhändler an: Du kannst doch gut reden. Willst du nicht nebenbei Versicherungen verkaufen?

Ferdinand Grohs wollte, und schon bald stellte sich heraus, dass im Nachkriegsdeutschland mit Versicherungen sehr viel mehr Geld zu machen war als mit Holz, erzählt Günter Grohs: „Der ist zu den Landwirten gefahren, draußen, wo das Vieh stand. Der hat gesagt: Pass up, Jung, musst nur unterschrieben. Den Rest mach ich.‘“ Günter Grohs lacht. „Die haben dem blanko unterschrieben.“

Zu ihrem Nachteil war das nicht, meint Günter Grohs. „Mein Vater war ein Grundehrlicher. Wenn einer denen auch nur einen Pfennig zu viel abgenommen hätte, der hätte sich die Hand abgehackt.“

Dennoch hat Ferdinand Grohs zweifellos Geschäftssinn: Zwar hat er sich für eine Versicherung exklusiv verpflichtet, aber es gibt ja noch seine Frau, die er bei zwei anderen Versicherungen unterbringen kann, um die Produktpalette zu erweitern. Mit dem wachsenden Geschäft wächst die Familie, vier Kinder kommen in den 50er und 60er Jahren auf die Welt. Ein Haus wird gebaut mit Büro im Erdgeschoss, zweimal wird angebaut.

Das Versicherungsbüro Grohs hat nicht nur das Gründungsjahr mit der Bundesrepublik gemein, sein Erfolg ist für die alte BRD geradezu exemplarisch. Mit dem Wirtschaftswunder in den 50er Jahren boomt auch das Versicherungsgeschäft. Jedes neu gekaufte Auto, jeder neu gegründete Betrieb muss abgesichert werden. So wie überall in der BRD wird auch in Rheinbach fleißig gebaut, Bausparverträge vermitteln die Grohsens auch, sie locken mit prächtigen Zinsen.

Und nicht nur das Einkommen der Rheinbacher wächst, sondern auch die Stadt selbst. Aus der landwirtschaftlich geprägten Gemeinde, die erst nach dem Krieg durch die Zuwanderung von Glasveredlern aus dem Sudetenland zur „Glasstadt“ geworden war, wird zunehmend eine Beamtenstadt. Dank dem Anschluss an das Autobahnnetz 1973 dauert das Pendeln in die Bundeshauptstadt Bonn nur noch rund 30 Minuten.

In den nächsten Jahrzehnten steigt der Wohlstand weiter. Und wer mehr besitzt, hat auch mehr zu verlieren, also mehr abzusichern. Auch Personen­versicherungen werden zunehmend attraktiv, Lebensversicherungen etwa, damit die Familie auch nach dem Ab­leben des Alleinernährers finanziell klar kommt.

Die Deutschen und die Versicherungen

Pro Kopf Im europäischen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld. Im Jahr 2023, dem letzten erfassten, lagen die Pro-Kopf-Ausgaben mit 2.910 Dollar hinter der Schweiz (6.830), Irland (5.672), den Niederlanden (5.216), Großbritannien (4.759), Luxemburg (4.644) und Frankreich (3.867). Über die Jahre hinweg stiegen die Versicherungssummen in den meisten Ländern an, so auch in Deutschland (1980: 514 Dollar pro Kopf).

Policen Einer Umfrage des Marktforschungsunternehmnes Civey zufolge, die 2025 von der niederländischen Finanzplattform Adyen in Auftrag gegeben und im Branchenblatt Versicherungsbote veröffentlicht wurde, sind Männer versicherungsfreudiger als Frauen: 23,8 Prozent haben mehr als 7 Policen abgeschlossen, bei Frauen sind es 13,6 Prozent. 5 oder mehr Policen hatten fast die Hälfte der Befragten. Viele konnten nicht angeben, wie viel sie tatsächlich bezahlen.

„Die Frau haben wir aber auch immer mitversichert. Die kümmert sich ja um das Haus und die Kinder und alles“, sagt Günter Grohs. „Und was ist, wenn die Frau liegt und kann nicht mehr?“ Eine Besorgnis erregende Vorstellung, welche die Kunden anscheinend überzeugte – und den Grohsebs gleich zwei Abschlüsse einbrachte.

Im Verkaufsgespräch habe man mitunter aktuelle Versicherungsfälle aus der Stadt oder der eigenen Familie geschildert, erzählt Georg Grohs. So taugte etwa der Brand, den zwei Kinder in der Grohs’schen Küche verursacht hatten, als Anekdote für Hausrat und Gebäude. Er lacht: Er selbst zählte zu den Brandstiftern. Und auch an den väterlichen Verkaufsspruch erinnert er sich noch gut: „Die Scheibe klirrt, Mariechen kichert, ist hoffentlich bei Grohs versichert.“

Aber nicht nur die Umsätze lassen das Versicherungsbüro Grohs glänzen, auch die Schadenquoten sind gut. Die Versicherungsgesellschaften zeigten sich zufrieden, was den Grohsens zahlreiche Prämien, darunter viele Reisen, beschert – bis in die 90er ist diese Art der Auszeichnung üblich.

Viel Freizeit gönnt sich Ferdinand Grohs allerdings nicht, unermüdlich ist er im Einsatz, nach einem streng geregelten Tagesablauf. „Das war wie bei der Bundeswehr“, erinnert sich Günter Grohs. Mutter Barbara macht den Papierkram, und auch der Rest der Familie muss ran. „Heute nennt man das Kinderarbeit“, sagt Georg Grohs. Er erinnert sich noch gut, wie er als 14-Jähriger zum Abkassieren mit dem Mofa auf die Dörfer fuhr.

„Als ich anfing, gab es noch kein Mofa, ich wurde hingefahren“, wirft der 6 Jahre ältere Bruder ein. „Nach Fritzdorf, da kam der Vater her, da waren 80 Prozent bei uns versichert. Die Eltern sagten: Wenn du fertig bist, gehst du zu Tante Mathilde und rufst an, dann holen wir dich wieder ab.“ Im Gepäck hatte Günter Grohs dann nicht nur Beiträge, sondern auch Notizen, über neugeborene Kinder etwa, die im Vertrag nachgetragen werden mussten.

Ob die Brüder ihre Samstage lieber anders verbracht hätten, stand gar nicht zur Debatte. „Unser Vater war ein Patriarch“, sagt Georg Grohs. „Mit dem konnte man nicht diskutieren.“ Sein Bruder Günter zuckt die Schultern, er mochte die Kundenbesuche. „‚Das ist aber schön, dass du kommst‘, sagten die Kunden. ‚Komm, setz dich, willst du ein Stückchen Kuchen?‘“, erzählt er. „Die Leute hatten einfach Zeit. Da war diese Hektik nicht, es war auch total schön, mit denen zu quatschen.“

Wenn wir hier 1,5 Stunden sitzen, dann haben wir 10 Minuten über Versicherungen gequatscht. Und den Rest über die Familie, die Kinder, die Politik, über den Beruf …

Gerog Grohs, Versicherungsagent

Heute ist der Berufsalltag dichter geworden. Vor allem der Papierkram sei immens gestiegen, berichtet Georg Grohs: „Ich hab früher eine Direktversicherung, also eine betriebliche Rentenversicherung, gemacht, das war ein doppeltes Blatt, ein Zusatzblatt. Heute muss ich 146 Seiten ausdrucken.“

Zwar sind die Kunden in einem Umkreis von 25 Kilometern geblieben, Besuche finden dort jedoch nur noch im Schadenfall oder bei aufwendigen Beratungen statt. Ansonsten kommen die Kunden in das „Bürro“, einen Neubau aus den 90er Jahren am zentralen Platz der Stadt. Trotz erhöhter Arbeitsdichte gehört das Quatschen immer noch fest zum Geschäft dazu: „Wenn wir hier 1,5 Stunden sitzen, dann haben wir 10 Minuten über Versicherungen gequatscht. Und den Rest über die Familie, die Kinder, die Politik, über den Beruf …“

Günter Grohs nickt. „Wir haben hier einen Kunden, der kommt immer an Heiligabend. Pünktlich kurz vor zwölf, wenn wir zumachen wollen, steckt der den Kopf zur Tür rein und fragt: ‚Wat jibbet Neues in der Stadt?‘“ Die Grohsens lachen. „Wenn der spürt, dass man für ihn da ist, dann bleibt er“, sagt Timo Grohs. Und wenn man das besonders gut mache, bekomme man noch Kunden dazu, „denn so was spricht sich ja rum.“

Das habe schon sein Großvater so gehalten. Ferdinand habe den Leuten sogar die Steuererklärung gemacht und so der Konkurrenz die Stirn geboten. „Das macht den Unterschied“, sagt er. „Viele Familien, die von ihm betreut wurden, sind heute noch bei uns.“

Als Ferdinand Grohs 1982 mit 56 Jahren plötzlich stirbt und das Geschäft über Nacht an die nächste Generation übergeht, packt Günter Grohs, damals 27, die Angst: „Unser Vater war der Herrgott, wir haben ganz schön große Schuhe hingestellt bekommen.“ Aber sie hätten es geschafft: „Nicht einen Prozent Kunden haben wir verloren, nee, wir haben immer Plus gemacht.“ Akquise machen sie bis heute nicht, fügt Bruder Georg stolz hinzu:

All das bedeute jedoch nicht, dass man sich faul zurücklehnen könnte. Von der Flut 2021 etwa waren neben dem Ahrtal auch Gebiete in Nordrhein-Westfalen stark betroffen, darunter die Voreifel, in der Rheinbach liegt. Rund um die Uhr seien sie und ihre Mitarbeiter in den Wochen nach der Flut beschäftigt gewesen, um die Schäden aufzunehmen und bei deren Behebung zu helfen. Ein enormer Kraftakt, auch wegen der Schwere der Schäden. „Das zieht einen runter bis auf den Boden“, sagt Georg Grohs.

Aber es habe auch Positives mit sich gebracht: „Das war für mich persönlich dieses Gefühl, jetzt kannst du mal richtig zeigen, was du draufhast und wie wir uns hier den Arsch aufreißen.“ Drei der Gutachter, die von den Versicherungen nach Rheinbach geschickt wurden, wohnten mit ihren Wohnmobilen auf Günter Grohs’ Grundstück.

Die Grohs streckten eine fünfstellige Summe für den Erwerb von Bautrocknern aus Polen vor und fuhren die Geräte, wenn nötig, bei den Kunden vorbei. Manche Fälle zogen sich monatelang: „Die Gesellschaften kommen nicht nach, Sie kriegen keine Handwerker, keine Berichte, die Kunden reklamieren immer weiter“, zählt Georg Grohs auf. Manche Fälle hätten sie erst vor Kurzem abgeschlossen, fünf Jahre später.

Für Günter Grohs war diese Zeit so aufreibend, dass er vor zwei Jahren beschloss, in Rente zu gehen. Seither berät er nur noch sporadisch, auf der Basis eines Minijobs. Endlich könne er wieder ruhig schlafen, sagt er. Gerade zu Stresszeiten sei er nachts häufig aufgeschreckt. Etwa weil er vergessen habe, eine Police bei der Gesellschaft in Deckung­ zu geben. „Wenn jetzt was passiert, bist du schuld!“, ging ihm dann durch den Kopf.

Natürlich komme es auch zu Konflikten mit Kunden, und nicht immer ließen die sich lösen, gestehen die Grohs ein. Im Fall eines Flutopfers seien sie wegen angeblich schlechter Beratung sogar verklagt worden. „Das ist sehr enttäuschend“, sagt Georg Grohs. „Wir hätten doch geholfen. So wie wir auch anderen, die nicht versichert waren, bei den Anträgen für die staatliche Fluthilfe geholfen haben.“ Sein Sohn nickt. Obwohl der Rechtsstreit gewonnen wurde, habe er Spuren hinterlassen: „Mittlerweile lassen wir uns unterschreiben, dass keine Elementarversicherung gewünscht wird.“

Die aktuelle Statistik weist für den deutschen Versicherungsmarkt ein deutliches Plus aus. Was sagen die Grohs als Versicherervermittler dazu, sind die Rheinbacher angesichts der vielen Krisen ängstlicher geworden? Timo Grohs schüttelt den Kopf. Den überwiegenden Zuwachs verzeichneten sie bei Tierversicherungen, seit Corona sei die Zahl der Haustiere stark gestiegen. Insgesamt gehe der Wachstum aber auf die Beiträge zurück, die Durchschnittsprämie pro Vertrag habe sich exorbitant erhöht, besonders bei der Gebäudeversicherung: Aus diesem Grund gebe es nun vermehrt Kunden, die Verträge kündigten, um zur Konkurrenz im Internet zu wechseln.

Derzeit fällt die Zahl der Versicherungsvermittler im Bundesschnitt deutlich, doch Sorgen um ihr Geschäft machen sich Grohsens nicht. Das einzige Problem, sagen sie, sei der Personalmangel, Arbeit gebe es bei ihnen genug. „Den Rheinbachern geht es gut“, sagt Günter Grohs: „Wir werden gebraucht.“

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