Eine Lesereise durchs Musterländle: Endlich sagts mal einer

Ein Buch über "Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle" hat für Furore gesorgt. Eine Lesereise der Autoren durch 20 Städte zeigt: Die Schwaben haben einen dicken Hals.

Noch unverdorbene Schwäbinnen. Bild: dpa

Es sollten nie wieder so viele werden wie beim zweiten Mal. In Nürtingen lädt die Stadt ein, der Oberbürgermeister wird eine Rede halten, sagen, wie wichtig eine kritische Presse für die Demokratie ist. Da sitzen fast 600 Leute im Saal. Das kann doch nicht wahr sein. Ist Harald Schmidt angekündigt, der große Sohn der Stadt? Nein, sie warten auf uns. Gesetzte Herrschaften, darunter zahlreiche Gemeinderäte und der örtliche Buchhändler, der es sonst eher mit Hegel und Hölderlin hält. Es heißt, die CDU habe ihre Bataillone geschickt. Zum Glück haben wir Jacketts angezogen.

Der Oberbürgermeister erinnert an Manfred Zachs Politikabrechnung "Monrepos" und die Kälte der Macht. Die Latte für unser Buch "Wir können alles: Filz, Korruption & Kumpanei im Musterländle" liegt also hoch. Wir beginnen mit Günther Oettinger, seiner Pizza-Connection, seinen Eskapaden außerhalb der Kernarbeitszeit und wechseln über zu seinem Freund Klaus Birkel. Der Nudelkönig hat in den Neunzigerjahren 12,7 Millionen Mark vom Land kassiert, weil er sich zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlte. Seine Eierteigwaren seien nicht gepanscht, polterte Birkel damals, was sich viele Jahre später als unwahr herausstellen sollte. Und die Regierung wusste das, durch saubere Gutachten belegt. Aber sie hat das Steuergeld nie zurückhaben wollen, stattdessen weiterhin freundschaftliche Kontakte gepflegt, wie Oettinger, der in den vergangenen Jahren gern gesehener Gast auf der texanischen Ranch des ausgewanderten Nudelfabrikanten war.

Ruhe im Saal. Wo sind die Sturmtruppen der CDU? Jetzt muss doch einer für den Günther in die Bütt. Keiner, nicht einmal ein unruhiges Füßescharren. In der anschließenden Diskussion wird gefragt, ob der Ministerpräsident nicht böse auf uns sei, worauf wir keine Antwort haben, weil wir es nicht wissen. Ganz am Ende kommt ein älterer Herr im Holzfällerhemd auf die Bühne, um sich ein Buch signieren zu lassen.

Die Birkel-Geschichte stimme, flüstert er. Zu seiner aktiven Zeit als Kripobeamter habe er in der Sache ermittelt, aber bei der Staatsanwaltschaft kein Gehör gefunden. "Endlich sagts mol oiner", meint er, "machet se weiter so." Diese Botschaft wird uns über die nächsten 15 Lesungen begleiten.

In Friedrichshafen regnet es in Strömen. Die Stadt ist wohlhabend, der SPD-Oberbürgermeister eingemauert von der CDU und das Leben am See schön, wenn nicht gerade April ist. Ein Fernsehteam des NDR-Medienmagazins "Zapp", das uns begleitet, fragt die Häfler, ob sie schon mal etwas von Korruption gehört hätten.

"Ist doch normal", knurrt ein Passant und schüttelt die Frage wie eine Stechmücke von den nassen Schultern. Die Kollegen hätten wohl genauso gut nach dem Wetter fragen können. Heiteres könnte Helles in die Gesichter zaubern, denken wir und berichten von Big Manni, dem Flowtex-Schmider, der den teuersten Rotwein gerne mit Eiswürfeln getrunken und seine betrogenen Banker derart beeindruckt hat, dass sie ihn zum Visionär gekürt haben. Den lieben Manfred, wie ihn Erwin Teufel genannt hat.

Das war zu lustig. Eine junge Frau steht auf und sagt, Ironie sei hier fehl am Platze, das helfe keinen Schritt weiter. Dazu habe sich der Filz in der Stadt bereits viel zu weit ausgebreitet. Es könnten 90 von 100 Köpfen gewesen sein, die dazu stumm nicken. Was darauf antworten? Dass sich einige Herren an dem Colani-Spaßbad, das die Stadt gegen den Widerstand der Bürger durchziehen will, bereichern wollen? Der Maler Manfred Scharpf, der im Schulhaus des Fürsten Waldburg-Zeil sein Atelier hat und früher im Sarg durch die Lande zog, schlussfolgert messerscharf, er müsse den Anarcho wieder auspacken - wegen der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen.

Das können Journalisten nicht. Sie können nur aufschreiben, was sie gehört und gesehen haben. Möglichst unbestechlich, der Wahrheit nahe und ohne Scheu vor großen Namen. Was daraus wird, entzieht sich ihrer Macht, hinterlässt aber auch den bitteren Geschmack der Hilflosigkeit, wenn Verdruss und das Gefühl des Ausgeliefertseins so offenkundig sind wie an diesem Abend. Wer soll schon helfen können, außer den Medien, der so genannten vierten Gewalt? Diese Fragen kommen immer wieder. In Stuttgart, Ulm, Biberach, Tübingen, Bruchsal, Rottenburg, und anderswo.

Und diese Fragen stecken oft in Kuverts. In den dünnen verbergen sich meist die Kurzfassungen der Sauereien, der vermeintlichen und tatsächlichen. Der Landrat, der sich Grundstücke ergaunert haben soll, der AOK-Chef, der sich die Kasse unter den Nagel reißt, der Chefarzt, der den Pfusch vertuscht. In den dicken, die sich auch zu Aktenordnern auswachsen können, findet sich die Schreiben von Anwälten, Staatsanwälten, Gerichten, mit deren Hilfe die Geschädigten belegen (wollen), wer sie übers Ohr gehauen hat. Hochwohllöbliche Personen sind darunter, deren Kontakte bis nach Liechtenstein reichen. Nach der Lektüre fragt man sich, wer eigentlich Recht bekommt in diesem Land und warum.

Als Beispiel führen wir den Fall Würth ("Bei mir kann jeder sagen, was ich will") an, den Steuerhinterzieher aus Künzelsau. Der klassische Aufreger. Millionen am Fiskus vorbeijongliert und milde bestraft. An dem Hohenloher Milliardär kann man erklären, wie Recht gesprochen wird und wem es versagt bleibt, wenn man zu den Underdogs und nicht zu den Säulenheiligen des Musterlandes zählt. Wie mit allen Mitteln versucht wird, solche Bundesverdienstkreuzträger zu schützen - im Gegensatz zu den Informanten, den wahren Helden, die im Zuge lückenloser Überwachung nur noch auf Autobahnraststätten zu treffen sind. Zuversicht entsteht dadurch, zugegebenermaßen, nicht. Eher Zorn.

Rauchen und trinken sind die Lösung auch nicht. Aber reden. Früh morgens im Auto, auf dem Rückweg von Ravensburg, wo der Oberstaatsanwalt verspricht, er helfe, wo er könne. Wo der Buchhändler sein Plakat für die Lesung nicht entfernt, obwohl es die örtliche Zeitung so will. So viel Widerstand ist mutig in diesem Landstrich, hält wach und mildert die Paranoia, die wie Gift in die Adern sickert. Fehlt nur noch der Schnüffler vor dem Hotel. Aber Gott sei Dank verfolgt sich da nur ein junges Pärchen. Nächtens um drei tobt es den Gang rauf und runter und sie schreit: "Verpiss dich, du Schwein!" Das ist übersichtlich und muss auch nicht mit Schlapphut ermittelt werden. Am Frühstückstisch sind sie wieder vereint.

Die örtliche Zeitung ist die Schwäbische. Aus dem einst honorigen Blatt ist ein dünnes Druckerzeugnis geworden, das sein Verbreitungsgebiet wie einen monarchistischen Staat betrachtet. Gestützt auf den Glauben, dass es wohl so sein müsse, wenn der Verleger der Fürst Waldburg-Zeil ist. Kritische Geister sind hier Fremdlinge, die fernzuhalten sind. Wir gehören dazu, weil im Buch die Rede ist von einer Gazette, die ihre Leser auf dem Boulevard heimatlos mache und ihre Mitarbeiter knechte. Das hat der Schwäbischen, die im Oberland als "Schwäz" firmiert, nicht gefallen und Anlass gegeben, zu prozessieren. Seitdem darf man nicht mehr von Mobbing der übelsten Sorte schreiben - ohne den Zusatz, dass dies der Verlag "vehement bestreitet". Ein solcher Vergleich war zu verkraften, weil es gewiss der Wahrheitsfindung dient.

Doch damit hat sich das Blatt nicht viele Freunde gemacht, die es aber dringend bräuchte. Die Oberschwaben sind nämlich nicht nur sauer auf ihre Pressefürsten, sondern auch ziemlich pfiffig. Sie haben drei Stadthallen angemietet, mitten im Herzen des Monopolisten, und dafür im Internet geworben. Besonders charmant: Leutkirch, der Sitz der unabhängigen Zeitung für christliche Politik, Wirtschaft und Kultur. Eigentlich hätte dort gleich eine neue Zeitung gegründet werden können, mit all den entsorgten oder enttäuschten Ex-Schwäzlern, und mit dem Öko-Brauer Härle als Bierlieferanten. Der hat ein aufmunterndes Grußwort gesprochen, Weißwürste und Brezeln aufgetischt, aber auch einsehen müssen, dass das nicht reicht.

Gute Zeitungen sind teuer und keine Häppchenveranstaltung. Davon haben sie genug. Wo immer die Besucher zum Thema Presse debattieren - und das tun sie mit viel Herzblut -, wird eines deutlich: Sie wollen Qualität. Nicht das Flache und Flüchtige, das Glatte und Gleichförmige. Sie lesen sich auch durch das Gebirgige, vorausgesetzt, es bringt ihnen ein Gewinn an Erkenntnis und sie können sich auf das Gelesene verlassen. Ein Herr im Anzug, der sich unter vier Augen als Amtsgerichtsdirektor vorstellt, prägt dazu einen ernsten Satz: Ihn interessiere nicht, was Politiker und Unternehmer bei Pressekonferenzen sagen. Er wolle wissen, ob es stimmt, was sie sagen.

Aber bloß nicht übermütig werden. Dazu ist Villingen wie geschaffen. Das Guckloch-Kino hat eine mächtige Soundmaschine aufgebaut, die Mikrofone stehen bereit, die Botschaft raumfüllend zu verbreiten. Um viertel vor acht trifft der erste Besucher ein, mit Handschlag begrüßt. Um acht sind es sieben, kurz danach neun, nachdem sich noch die Eltern ("… dann haben wirs hinter uns") eines Autors ins Guckloch geplagt haben.

Der Verstärker wird abgeschaltet, der Erlös in Höhe von 30 Euro dem Veranstalter gespendet, und Trost in der Tatsache gesucht, dass nebenan ein Weltenbummler seine Diashow gezeigt hat.

Also ganz bescheiden nach Ulm ins Stadthaus fahren, wo der Buchhändler schon unruhig ist, weil im Internet ein empörter Bürger aufgetaucht ist, der vor der Lesung gewarnt hat.

8 Euro Eintritt für "populistische Dreckwerferei", das sei wohl das Letzte. Es sollte verboten werden, für solche Veranstaltungen das Stadthaus "zu missbrauchen".

Der schöne Saal im Schatten des Münsters ist dann doch ziemlich voll geworden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de