Ein Straßenfeger im Winter: "Wir haben die Straße zügig wieder im Griff"

Bor Mlaik arbeitet als Straßenreinigungsmeister bei der Berliner Stadtreinigung. Die Kälte ist für ihn eine Herausforderung. Verschneite Kreuzungen schippt er mit der Hand. Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst mit dem Tauwetter. Dann kommen Müll und Dreck unter dem Schnee zum Vorschein

Es gibt viel zu schliddern: Schippen wir es weg Bild: DPA

taz: Herr Mlacik, Sie sind Straßenreinigungsmeister. Haben Sie sich eigentlich gefreut, als es zu Neujahr geschneit hat?

Bor Mlacik: Ja, es ist halt mal was anderes. Aber wenn die Kälte sich dann lange hinzieht und man jeden Tag Einsatz fährt, da werden die Knochen müde.

So anstrengend?

Der Winterdienst ist sehr anstrengend, weil die Kälte einem zu schaffen macht. Wir haben zwar eine gute Ausrüstung, aber es gibt wirklich viel zu tun: Wir räumen zuerst - mit den Fahrzeugen oder mit der Schneeschippe - und dann muss gestreut werden. Wenn es dann noch mal geschneit hat, dann muss man wieder rausfahren. Es kann also passieren, dass man zwei, drei "Rutschen" pro Schicht macht.

Bei der Obi-Filiale in Neukölln stapeln sich die Säcke mit Tausalz, fünf Kilogramm kosten rund drei Euro. In diesen Tagen greifen viele Kunden gerne zu, denn Salz hat den Ruf, besonders wirksam gegen Eis auf dem Gehweg zu sein. Doch Salz schadet der Natur. Es sickert in den Boden und beschädigt dort die Wurzeln etwa von Bäumen. Darum darf in Berlin nur die Berliner Stadtreinigung (BSR) Salz streuen. Privatleute können es zwar frei kaufen, aber zum Streuen braucht man eine Sondergenehmigung. Sonst droht ein Bußgeld von bis zu 10.000 Euro.

Aber werden die Kunden darauf hingewiesen? Die taz macht den Test. Eine Obi-Verkäuferin sagt, dass ihr Markt nur Salz anbiete und keine Alternativen wie Splitt oder Sand. Auf die Frage, ob man Salz in Berlin überhaupt ausstreuen dürfe, zieht sie einen Kollegen zu Rat. Der sagt: "Offiziell ist es verboten, aber es ist ja Ihre Sache." Er würde Salz empfehlen, nur das bringe das Eis zum Schmelzen. Auf die Folgekosten von bis zu 10.000 Euro macht er nicht aufmerksam.

Das kann Gabriele Francke, Sprecherin der Verbraucherzentrale Berlin, nicht nachvollziehen: "Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, die Kunden darauf hinzuweisen. Auch wenn es keine gesetzliche Pflicht gibt, gehört es doch zu einer vernünftigen Kundenpflege dazu."

Auch im Hellweg-Baumarkt am Ostbahnhof wird das Tausalz ohne einen entsprechenden Warnhinweis verkauft. Eine Verkäuferin empfiehlt es sogar ausdrücklich: "Wenn es so richtig arschglatt ist, kriegt man das Eis nicht anders weg." Marktleiter Karsten Grüneberg kann die Forderung nach mehr Kundeninformation nicht nachvollziehen: "Der Verbraucher ist selbst dafür verantwortlich, die Gesetze einzuhalten. Es gilt ja auch in der Stadt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 Kilometern pro Stunde, ohne dass dafür überall Schilder stehen müssen." Außerdem sei das Streusalz in Brandenburg erlaubt: "Wir können nicht kontrollieren, ob der Verbraucher das in Brandenburg ausstreuen will oder ob er in Berlin eine Sondergenehmigung hat. Das muss er selbst wissen."

Grüneberg sieht die Politik in der Pflicht: "Wenn Tausalze gefährlich sind, dann sollte der Verkauf und das Ausstreuen bundesweit verboten werden. Wenn sie es nicht sind, dann sollten sie erlaubt bleiben." Die Konfusion durch die unterschiedlichen Regeln müsse die Politik lösen, das könne man nicht auf den Handel abwälzen.

Die Sprecherin des Bundes für Umwelt und Naturschutz widerspricht: "Da macht er es sich ein bisschen zu einfach. Das Streusalzverbot ist noch nicht sehr bekannt bei vielen Berlinern. Wenn die in den Baumarkt gehen und das dort kaufen, dann denken sie natürlich auch, dass sie das frei verwenden können." Außerdem sei der ganze Mythos falsch, dass das Salz besser wirke: "Es macht zwar den Weg kurzfristig trittfest, aber sobald es überfriert, muss man wieder nachsalzen. Splitt ist da effektiver, weil er dauerhaft hilft."

PHILIPP SAWALLISCH, SEBASTIAN HEISER

Wie ist die derzeitige Stimmung unter den Kollegen?

Als es zum ersten Mal geschneit hat, waren alle hellauf begeistert, aber mittlerweile sind viele müder geworden. Trotzdem sind sie motiviert.

Sie arbeiten in der Einsatzleitung für Tiergarten und Wedding. Wenn es nochmal schneien sollte, was müssten Sie als Erstes tun?

Die erste Aufgabe ist natürlich, alles zu kontrollieren: ob die Technik stimmt, ob das Personal zur Verfügung steht. Notfalls muss ich bei Krankheits- oder Technikausfall schnelle Maßnahmen ergreifen, um die Touren zu besetzen.

Und dann wird geräumt?

Wir fahren hier elf Touren. Man muss unterscheiden, es gibt die Winterdienstmaßnahmen auf der Fahrbahn und Handstreupläne - so heißt das bei uns. Nach den Handstreuplänen räumen wir die Kreuzungen und Straßenübergänge frei.

Wie bitte, per Hand mit der Schneeschippe?

Genau. Auf ungefähr 18.000 Kreuzungen und Überwegen in der Stadt.

Und dann die Gehwege …

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass die Berliner Stadtreinigung (BSR) für Straßen und Gehwege im Winterdienst zuständig ist. Sommerreinigung ja, aber um die Schnee- und Glättebekämpfung auf den Gehwegen muss sich der Grundstückseigentümer kümmern.

Was ist mit den Fahrradwegen? Da wird wohl gar nicht geschippt?

Die Fahrradwege gehören zwar auch zu den Aufgaben der BSR, aber wir haben Subunternehmer, die für uns tätig sind.

Und die tun nichts?

Wir kontrollieren, ob die Wege geräumt worden sind. Sollte das nicht der Fall sein, geht gleich ein Fax raus mit der Forderung nach sofortigen Maßnahmen. Nach zwei, drei Stunden gucken wir nochmal, ob das erledigt ist. Wenn nicht, gibt es Abmahnungen, Vertragsstrafen bis hin zur Kündigung des Vertrages bei andauernder Schlechtleistung.

Sie machen also Druck. Trotzdem sind die Fahrradwege zurzeit halsbrecherisch …

Die BSR-Sprecherin Sabine Thümler, die dem Gespräch beiwohnt, erklärt:

Also, ich bin auch leidenschaftliche Fahrradfahrerin, ich habe den Ehrentitel "Radelnde Spreewaldgurke", weil ich die 250 Kilometer Spreewaldweg gefahren bin, aber bei diesen Temperaturen und Witterungsverhältnissen Fahrrad zu fahren … Unser Problem bei den Radwegen ist, dass die zwar geräumt werden. Den Schnee bekommt man aber natürlich nicht restlos weg.

Herr Mlacik, kommen Sie bei dem ganzen Schneeschippen und Streuen überhaupt noch zum Saubermachen?

Wenn Schnee liegt, steht die Reinigung zwangsläufig im Hintergrund. Die Bearbeitung der Glätte hat dann Vorrang, weil für den Bürger und die Verkehrssicherheit gesorgt werden muss.

Und der Dreck bleibt liegen?

Nein, so nicht. Wir leeren die Papierkörbe und sehen zu, dass Müll wenigstens abgesammelt wird. Was unter der Eisdecke ist, da kommen wir nicht dran.

Und wenn es taut, sieht man den ganzen Dreck wieder?

Dann ist es erst recht dreckig, klar. Es liegt ja auch noch das Streugut auf den Gehwegen. Mit dem wärmeren Wetter kommt die eigentliche Arbeit auf uns zu. Aber es geht recht zügig, dass wir die Straße wieder in den Griff kriegen.

Wo ist die Stadt denn am dreckigsten?

Das kann man so nicht sagen. Klar, in den Randbezirken ist es sauberer, dafür liegt dort mehr Laub. In der Innenstadt tobt eben das Leben, und dementsprechend sieht es aus. Wir haben in unseren Gebieten allerdings Schwerpunkte.

Wo zum Beispiel?

Die Badstraße ist ein ganz großer Schwerpunkt. Die ist immer wieder neu verdreckt, da muss man teilweise auch nachreinigen. Oder die Turmstraße, die Müllerstraße, die ganzen großen Einkaufsstraßen, wo viele Menschen herumlaufen.

Ist die Arbeit bei der BSR eigentlich Ihr Traumjob?

Ich wollte immer schon zur BSR. Ich hatte früher viel mit Reinigung zu tun, als Gebäudereiniger, Gartenlandschaftsbauer, ich habe auch Winterdienste gemacht. 1990 hatte ich mich bei der BSR beworben, aber da war gerade Einstellungsstopp. Ein Freund, der mal bei der BSR gearbeitet hat, riet mir ein paar Jahre später, mich erneut zu bewerben, als die BSR 150 Leute suchte. So bin ich im November 2004 zur BSR gekommen.

Das Image von der Arbeit, die keiner machen will, stimmt also nicht?

Nein, im Gegenteil: Viele wollen zur BSR und schaffen es nicht. Ein Job bei der Stadtreinigung ist wirklich begehrt. Es ist ja auch keine schlechte Arbeit. Wenn eine Mutter zu ihrem Kind sagt: "Wenn du nichts lernst, endest du als Müllmann" - da denke ich mir meinen Teil. Bei der Joblage soll man da erst mal hinkommen. Und es ist auch kein Ekeljob, es ist einfach Müllbeseitigung.

Was gefällt Ihnen daran?

Mit den Kollegen zu arbeiten. Außerdem ist man an der frischen Luft. Manch einer, der im Büro sitzt, der geht raus zum Eisbaden, damit er gesund bleibt. Wir sind immer draußen. Und dann die Großtechnik: Ich habe selber zum Christopher Street Day mit einem LK gearbeitet.

Einem LK?

Einem Ladekranfahrzeug, das den zusammengeschobenen Müll wegschafft. Das macht wirklich Spaß. Man sieht, was man geschafft hat. Bei der Neujahrsreinigung hatten wir auch so einen. Da hatte ich Aufsicht und habe die Schwerpunkte kontrolliert, vor dem Reichstag, dem Kanzleramt. Die Herausforderung war, bis zum Dienstende alles so weit im Griff zu haben.

Klingt nach Stress.

Vieles ist Routine, aber man weiß ja nie, wo am meisten gefeiert wird. Dieses Jahr haben wir das sehr gut gelöst, drei Komplexe eingerichtet mit zwei Kehrichtsammelfahrzeugen, einer Kehrmaschine und einer Großkehrmaschine - die mit dem Seitenpinsel - und haben auf den Großen Stern zugearbeitet.

Sabine Thümler hakt ein:

Dafür haben wir viel Lob gekriegt, auch in der ARD, in der Tagesschau und sogar in den Tagesthemen.

Mlacik: Schön. Das habe ich nicht mal mitbekommen, ich war so müde. Am Neujahrsmorgen um fünf Uhr gings los, ich hatte gar nicht geschlafen.

Sonst bekommen Sie nicht so viel Lob von den Bürgern?

Es gibt schon krasse Sachen. Wenn zum Beispiel gesagt wird, wie faul wir sind. Selbst wenn wir mal draußen Pause machen, heißt es: "Na ja, die BSR trinkt wieder Kaffee und arbeitet nicht." Dabei lassen wir uns nichts zu Schulden kommen. Wir sind darauf bedacht, die Arbeitszeiten effektiv auszunutzen, indem wir draußen vor Ort Pause machen.

Wann haben Sie eigentlich am meisten zu tun?

Hochsaison ist das ganze Jahr über. Richtig viel zu tun haben wir in der Laubsaison von Oktober bis Dezember. Dafür leihen wir uns auch mal von anderen Höfen eine Müllpresse mit einem Saugschlauch hinten, in die 30 Kubik reinpassen. Das macht natürlich Spaß. Weil wir nicht jedes Mal nach 3, 4 Kubikmetern wieder auf den Hof fahren müssen, um zu kippen. Da schafft man 30 Kubikmeter, und zack, weg sind sie.

Nach der Laubsaison kommt der Winter. Und dann?

Danach steht die Grundreinigung an. Wenn es abgetaut ist, gehts los. Offiziell ab März. Da wird von Hausfassade zu Hausfassade alles intensiv gereinigt, also Baumscheiben, die Gullys, die Straße. Auch die Papierkörbe werden erneuert und grundgereinigt.

Der klassische Frühjahrsputz.

Ja, wie zu Hause, nur größer.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben