Ein Besuch auf der Messe BioFach: Tempelwächter der Bioschätze

Die Macht über Bio haben die Pioniere mit den Zöpfen und Zottelbärten. Doch die dunklen Anzugträger sind die stillen Stars der Messe BioFach 2008.

Keine Angst, Schimmel im Genusszusammenhang zu zeigen: Käse Stamd auf der Messe Bild: ap

In der Beletage von Messehalle 4 sitzt ein jung gebliebener Herr mit cremefarbener Hanfjacke an einem schwarzen Bechstein-Flügel und spielt mit viel Pedal "Yesterday", dann etwas von Schumann, das wie "Yesterday" klingt, gefolgt von "What a wonderful world", was ebenfalls wie "Yesterday" klingt. Die Töne rieseln kuschelweich vor sich hin, plätschern ins Restaurant Vasco da Gama hinein, wo drahtige Anzugträger ihre Pilotenkoffer geparkt haben und naturtrübe Säfte oder dynamisiertes Wasser in kleinen Schlücken trinken. Das Buffet offeriert Mundgerechtes, das es auf jeder Vertretertagung gibt: Lachshäppchen, Putenbrust und Nasi Goreng - dazwischen hat man große Glaskugeln mit Luftblasen und Terracotta-Töpfe mit Thymian platziert. Ein bisschen Eso, ein bisschen Grün und viel Vertrautes.

Die dunklen Anzugträger sind die stillen Stars der BioFach 2008, der "Weltmesse für Bioprodukte". Die Einkäufer und Manager der Handels- und Lebensmittelkonzerne treten professionell unaufgeregt auf, sie rollen mit ihren schwarzen Pilotenkoffern die Gänge der Messehallen rauf und runter. Bienenfleißig, schnurstracks, diskret. Wenn sie an einem Stand einen Zwischenstopp einlegen, verziehen sie keine Miene. Sobald Visitenkarten getauscht und kleine und große Gaben im Pilotenkoffer verstaut sind, geht es zum nächsten Stand. Alles wird gut, wir haben die Zukunft im Handgepäck.

Bio war mal vor allem gesund, roch nach vegetarischen Brotaufstrichen und Sanddornsaft. Das ist längst vorbei. Auf der BioFach steht Hochwertiges im Mittelpunkt. So lockt der Duft von geräuchertem Buchenholz an den Stand von "Salumeria Savigni". Toskanischer Coppa und Speck aus einer "ausgestorbenen" Schweinerasse duften in Halle 4. Schinken mit schwarzen Wildschweinborsten und Hufen wollen das Archaische betonen.

Und wie schmeckt das? Erstaunlich soft und konsensbewusst. Die Italiener beherrschen die Inszenierung perfekt, geschmacklich sind sie aber eher Mainstream. Authentischeres bieten die Polen, die nun auch im Biomarkt kräftig mitmischen "Markowa" heißt eine intensiv geräucherte, derbe Bauernwurst aus einem Kaff in Südostpolen, die herrlich derb schmeckt. Stark ist der Auftritt französischer Biokäse, die Bio radikal ernst nehmen und keine Angst haben, Schimmel im Genusszusammenhang zu zeigen. Da werden runde Laibe "Mimolette"-Käse präsentiert, die gruslig aussehen wie verwesende Totenschädel.

Wer glaubt, auf der größten BioFachmesse der Welt weltfremde Schlurfis oder tapfere Konsumverweigerer zu sehen, der irrt. Die Symbole und Attitüden von einst sind längst ironisch zitierbar geworden. Grüne Jutebeutel sind schickes Retro, sie werden von unaufdringlichen Hostessen dezent verteilt, darin sind nebst Broschüren kleine Phiolen mit Walnussöl oder Döschen mit biologisch reinem Meeressalz. In den Hallen der "Vivaness", der "Fachmesse für Naturkosekti und Wellness", riecht es nach Rosenblütenwässerchen, Zimtextrakt und Lavendelöl. Hier, wo Naturkosmetik, Happy Aging und Wellness inszeniert werden, flanieren auffallend gut aussehende Männer und Frauen.

Das Treiben ist rege, doch stressfrei. Man hat das Gefühl, dass der Andrang nie zu groß ist, die Menschen nicht so gierig oder arm sind wie bei anderen Lebensmittelmessen. Nürnberg ist nicht Berlin und die "BioFach" eindeutig keine "Grüne Woche". Es gibt hier, wenn man so will, zwei Sorten Mensch. Die einen machen Geschäfte wie immer, die anderen machen auch Geschäfte, müssen dabei aber ihr Gewissen berücksichtigen. Letztere sind die kleinen Biopioniere, die Urgesteine, die Unternehmer mit Ohrring, grauem Pferdeschwanz, Bändchen am Handgelenk und lila Steinchen am Hals. Sie verkaufen Wasser, das "Lichtquelle" heißt, oder süßliches "Vollmondbier" - Namen, die daran erinnern, dass Bio auch ein großes Versprechen in sich birgt: Wir haben sie, die guten Lebensmittel in der falschen Warenwelt.

Doch so klein sind sie ja gar nicht mehr, die Biopioniere der ersten Stunden, wie "Gepa", "Rapunzel", "Demeter" oder die Kölner "Heuschrecke". Letztere ist seit fast 30 Jahren Importeur und Großhändler für ökologisch angebaute Tees, Kräuter und Gewürze. Geschäftsführer Heinz-Dieter Gasper ist ein Veteran des Biohandels in Deutschland, er redet nicht vom Geschäft, sondern von Verantwortung und Ethik. Das hört man hier gern. Auch "BanaFair", seit 1986 Importeur und Vermarkter von fair gehandelten Bananen in Deutschland, ist so etwas wie eine moralische Instanz. Längst sind auch die großen Konzerne da, letztes Jahr sorgte "Flensburger" mit einem Biobierchen für Furore, diesmal ist es "Ritter Sport" mit biologischer Quadratschokolade. Doch von Ausverkauf und dass die Großen nun alles aufweichen und kaputt machen, was die Idealisten mühselig aufgebaut haben, kann keine Rede sein.

Globale Image-Marke

Es gibt inzwischen mehr Trittbrettfahrer, aber nicht weniger Biopioniere. Diese machen freilich nicht die ganz fetten Abschlüsse, aber sind ein Teil vom großen Ganzen, mehr noch: die Tempelwächter der Biowelt, die Hüter des grünen Schatzes. Es sind moralische Instanzen. Bio ist ein Kleinod, und die Urgesteine sollen die Bioideologie hüten, damit die Anzugträger nicht zu gierig werden. Jeder weiß es. Die Macht haben die Biopioniere mit den grauen Pferdeschwänzen und weißen Zottelbärten. Sie verkörpern die Glaubwürdigkeit. Ohne die ist die globale Marke "Bio" keinen Pfifferling wert.

"Das bekommen die 1-a-Manager von uns zu spüren", sagt der steirische Bio-Chocolatier Josef Zotter beim glutenfreien Freibier. Man müsse sich doch zwangsläufig sehr genau anschauen, mit wem man zusammenarbeite, weil man den Massenmarkt weder bedienen wolle noch könne. Zotter beliefert weder Supermärkte noch Biosupermärkte. "Die Philosophie muss passen, sonst geht es eh nicht." Er habe ja mit fairem Handel nicht aus Kalkül begonnen, sondern sozusagen gewissenstechnisch, weil er sich damit besser fühle. Zotter gehört zu den Genusshandwerkern der Oberklasse innerhalb der Bioerzeuger. Ihnen scheint die Zukunft zu gehören, sie bilden das Image und wissen offenbar sehr genau, dass es Harakiri wäre, ihre kleinen, feinen und teuren Marken zu verwässern. Bioedelmarken wie "Zotter" bewegen sich mehr oder weniger stark auf das Luxussegment des Marktes hin. Sie stehen, philosophisch gesehen, Chanel näher als Nestlé.

Dass Bundesagrarminister Seehofer die schicke Zukunftsmesse ignoriert und stattdessen zum Starkbieranstich nach München geflohen war, - obwohl das Biobier in Nürnberg besser schmeckt, - ist eine piefige Trotzgeste, die eher ihm schadet als dem globalen Bioboom. Dafür war einer da, der gerne kam: Gérard Depardieu, barocker Sinnesmensch, der mit bacchantischer Freude vor den Kameras Rotwein schlürfte, aus seiner Verfressenheit keinen Hehl machte und mit Wonne futterte.

Wohin die Reise mit den Massenanbietern geht, ist derzeit völlig offen. Womöglich wird es Skandale geben, vielleicht werden aber auch die Standards strenger geschützt werden, schließlich ist der Biomarkt inzwischen zu wichtig geworden, um sich eine Verwässerung und Zerbröselung leisten zu können.

Dagegen funkelt die Zukunft der Edelanbieter wie ein Bergkristall in der Sonne. Sie werden sich wohl in Richtung Luxusmarken bewegen. Die fortschreitende Spaltung in Arm und Reich befördert einen Zynismus ans Licht, der auch der heterogenen Biowelt innewohnt.

Wer wirklich Geld hat, wird sich gute Lebensmittel von Wert gönnen. In Nürnberg konnte man sie schon sehen, die geschmackvoll und teuer Gekleideten und Gebildeten, die sich das alles leisten wollen und können. Bio ist mehr als eine Mode, ein Statussymbol und mächtiges globales Image, das vielleicht über kurz oder lang den reichen Konsumenten vorbehalten sein wird.

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