Druck auf Bundesbildungsministerin wächst: Schavan soll ihr Geheimnis lüften

Schrecken Studiengebühren Abiturienten ab? Die Bildungsministerin hält eine brisante Studie unter Verschluss. Abgeordnete von SPD und Opposition drängen sie nun zur Veröffentlichung.

Bis zu 18.000 Studienberechtigte sollen 2006 auf ein Studium verzichtet haben, weil sie Gebühren zahlen sollten. Bild: dpa

"Ein bisschen mehr Intelligenz darf Annette Schavan uns schon zutrauen", empört sich die Vorsitzende des parlamentarischen Bildungsausschusses Ulla Burchardt. "Wir Abgeordneten sind durchaus in der Lage, Zahlen zu interpretieren", meint die SPD-Politikerin spitz. Sie ist sauer auf die Bundesbildungsministerin von der CDU. Schavan besteht unverdrossen darauf, die brisante Studie zur abschreckenden Wirkung von Studiengebühren erst in einem Monat ans Parlament weiterzugeben. Die Geheimniskrämerei sei ein merkwürdiges Gebahren unter Koalitionspartnern, rügt Burchard.

Das Bundesbildungsministerium selbst hat die Studie beim Hochschulinformationssystem in Auftrag gegeben und kennt die Ergebnisse seit Wochen. Einzelheiten verbreitete die Deutsche Presse-Agentur am Montag und stieß damit eine politische Debatte über den Sinn von Studiengebühren an.

Forscher des Hochschulinformationssystems (HIS) haben demnach errechnet, dass bis zu 18.000 Studienberechtigte im Jahre 2006 auf ein Studium verzichteten, weil sie Gebühren zahlen sollten. Das sei so nicht richtig, sagte Schavan am Montag, lässt aber keine Nachforschungen zu. Zur Begründung heißt es aus ihrem Ministerium, "dass diese Studie zusammen mit der Studie über Studienanfänger des Wintersemesters 07/08 veröffentlicht werden soll, um ein kohärentes Bild zu dem Thema geben zu können". Der wahre Grund sei ein anderer, vermutet Burchard: "Zum Bildungsgipfel sind die Ergebnisse der Studie nicht gewünscht und sie stimmen offenbar."

"Wir werden alle parlamentarischen Hebel in Bewegung setzen, damit sich Schavan äußert", kündigte der hochschulpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Kai Gehring an. Gleich in der nächsten Sitzung des Bildungsausschusses Anfang November und in den darauffolgenden Bundestagsdebatten werde man das Thema auf die Tagesordnung setzen. Wie seine Kollegin Cornelia Hirsch von der Linksfraktion hat er umgehend schriftlich bei Schavan angefragt. Bis Montag muss diese sich äußern.

Auch die FDP-Fraktion bereite eine parlamentarische Anfrage vor, wie Partei-Vize Cornelia Pieper der taz sagte: "Wir verstehen gar nicht, wovor Schavan Angst hat, wir sollten unbedingt über das Thema sprechen." Die FDP befürwortet Studiengebühren genau wie die CDU.

Befragungen der Technischen Universität Dresden stützen indes die These, dass Gebühren Abiturienten abschrecken: "Gerade bei Studierwilligen aus wenig privilegierten Elternhäusern wirken sich Gebühren problematisch aus", sagt Hochschulforscher Andrä Wolter von der TU. In Sachsen gibt es zwar keine Gebühren. Doch würden sie eingeführt, dann überschreite das ihre finanziellen Möglichkeiten, meint ein Viertel der sächsischen Abiturienten des Jahres 2008. Eine kleine Gruppe von drei Prozent müsste dann auf jeden Fall auf ein Studium verzichten. "Wenn die gleiche Befragung in einem Land durchgeführt würde, in dem bereits Gebühren eingeführt sind, würde sich diese Gruppe vergrößern", vermutet Wolter. Er gibt zu bedenken, dass das Reservoir an Studierwilligen aus den bildungsbürgerlichen Milieus ausgeschöpft sei. Wenn Deutschland mehr Studierende wolle, dann müssten diese aus den nicht privilegierten Gruppen kommen.

Relevante Informationen auch für Kanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs. Sie beraten auf ihrem Bildungsgipfel am Mittwoch unter anderem darüber, wie mehr Menschen aus sozial benachteiligten Schichten an die Unis gelockt werden.

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