Diskussion über Moslemfeindlichkeit: Gegen die Angst

In der Kreuzberger Maschari-Moschee diskutieren Anwohner über Islamophobie, Thilo Sarrazin - und wie man multikulturelle Nachbarschaft erhalten kann.

Kopftücher gehören in Kreuzberg zum Straßenbild. Bild: AP

Diesen Keller hätte man der Maschari-Moschee gar nicht zugetraut. In den oberen Etagen des sechsstöckigen Gebäudes am Görlitzer Bahnhof wird man geblendet von goldbesetzten Kronleuchtern und leuchtend weißen, mit Ornamenten übersäten Wänden. Bunte Teppiche zieren die Gebetsräume, die Waschräume sind in Naturstein gehalten. Das Untergeschoss setzt dagegen auf Funktionalität. In einer Ecke des Kellerraums werden die Gartenstühle gelagert, daneben summt eine große Kühltruhe; auf einer langen Tischreihe findet sich ein Lager aus Gewürzgurken, Kaffeedosen und türkischem Gebäck. In der Mitte ist ein Stuhlkreis aufgebaut: Etwa 20 Menschen sind gekommen, um am Samstagabend über muslimisches Leben in Kreuzberg zu diskutieren. Was für ein Ort für ein Gespräch, in dessen Verlauf noch oft der Name Thilo Sarrazin fallen wird.

Die beiden Grünen-Politikerinnen Canan Bayram und Anja Kofbinger haben geladen. "In Berlin gab es bereits sechs Anschläge gegen Moscheen", sagt Bayram. Jeden Tag seien Menschen mit Migrationshintergrund Diskriminierungen durch Deutsche ausgesetzt. Der Staat mache nichts dagegen oder heize die Stimmung sogar noch an - wie Innensenator Ehrhart Körting SPD). Der hatte die Berliner dazu aufgerufen, in Zeiten der Terrorgefahr fremd aussehende und arabisch sprechende Menschen den Behörden melden. "Jetzt müssen sich die Menschen zusammentun und ins Gespräch kommen, damit multikulturelle Nachbarschaften wie hier in Kreuzberg nicht kaputtgehen", so Bayram.

Birol Uçan ist Sprecher des Islamischen Vereins für wohltätige Projekte, der die Maschari-Moschee gebaut hat. Er setzt auf Dialog und Offenheit, um Vorurteilen zu begegnen. Wer Interesse habe, sei jederzeit willkommen, die Moschee zu besichtigen. "Wir sind kein Sportverein, man braucht nicht Mitglied sein - unsere Tür ist immer offen." Von deutschen Rentnerehepaaren bis zu Schulklassen aus Brandenburg würde dieses Angebot auch gerne angenommen, so Uçan. Abgesehen von einer islamfeindlichen Schmiererei am Baumzaun habe man auch noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. "Aber natürlich diskutieren wir auch über die Anschläge auf die anderen Moscheen. Panik herrscht jedoch nicht."

Bayram sieht das weniger entspannt. "Thilo Sarrazin hat die Sagbarkeitsschwelle gesenkt", meint sie. Und berichtet von alltäglichen Diskriminierungen wie dem Fall einer Türkin, der ein Job als Verkäuferin mit der Begründung verwehrt wurde, dass die Leute nicht gerne bei Ausländern einkauften. "So ein Verhalten trifft Menschen, für die es schon lange kein Thema mehr ist, dass ihre Eltern einst aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen sind." In Sachen Integration sei man schon einmal weiter gewesen. "Doch die Welle, auf der Sarrazin eigentlich nur mitschwimmt, spült alte Vorurteile wieder nach oben."

Einen Faktor, der diese Entwicklung noch potenziert, hat Maik Baumgärtner ausgemacht: das Internet. Seit Jahren schreibt der Journalist über Rechtsextremismus und Islamophobie. "Im Netz ist die Hemmschwelle sehr niedrig, extreme Einstellungen zu äußern und sich darin gegenseitig hochzuschaukeln", glaubt er. Dann zitiert er aus einem Internetkommentar, in dem ein Nutzer zu Brandanschlägen auf Moscheen aufruft. "Solche Menschen sehen sich selbst nicht einmal als Extremisten, sondern nennen sich liberal."

Gefährlich sei, dass mit der Zeit deren ablehnende Haltung gegenüber dem Islam in der Mitte der Gesellschaft salonfähig würde. "Es gibt Prognosen, dass extreme Parteien wie NPD, DVU oder Pro Deutschland, die offen islamfeindliche Positionen vertreten, bei der nächsten Wahl zum Abgeordnetenhaus insgesamt 20 Prozent der Stimmen bekommen könnten", so Baumgärtner. Er hofft jedoch, dass diese so zerstritten blieben wie bisher. "Dann scheitert jede einzelne an der Fünfprozenthürde."

Während der ganzen Diskussion hat Aysenur Dursun mit ihrer Nachbarin getuschelt. Die 14-jährige Kreuzbergerin mit Kopftuch, die mit Mutter und Schwester spontan vorbeigekommen ist, musste übersetzten. "In meinem Alltag hat Diskriminierung noch nie eine Rolle gespielt", sagt sie. Doch die Entwicklung, von der sie heute gehört habe, mache ihr Angst. "Ich bin hier zu Hause. Das soll auch so bleiben."

Oder, wie Uçan meint: "Wir haben hier mit der Maschari-Moschee ein riesiges Gebäude als eindeutiges Zeichen errichtet, dass wir nicht einfach wegziehen werden. Also müssen wir uns alle um ein gutes Zusammenleben bemühen."

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