Die Wahrheit: Mein Leben als Wendiist

Im Jahr des Hasen: Angesichts der unterschiedlichen Bedrohungen in Europa kann einem angst und bange werden. Ich sage nur: Norwegen, Norwegen, Norwegen. ...

... Und Amy Winehouse selbstverständlich. Ich habe trotzdem keine Angst, auch wenn ich mich aus Gründen weiterhin auf diesem alten, morschen Kontinent aufhalten muss. Schließlich bin ich mit einer chinesischen Frau verheiratet. Was das bedeutet, das weiß man endlich auch hierzulande, spätestens nach dem versuchten Rasierschaumattentat auf den australischen Aufklärungsphilosophen Rupert Murdoch. Dessen chinesischstämmige Ehefrau Wendi Deng verpasste dem Möchtegern-Attentäter eine solche Backpfeife, dass er sich wohl wünschte, niemals auf die eigentlich recht hübsche Anschlagsidee gekommen zu sein.

Wendi - die von ihrem Vater ursprünglich Wenge getauft wurde, was "Kulturrevolution" bedeutet - war in China bisher nicht sonderlich beliebt. Sie galt als skrupellose Karrieristin, die sich konsequent nach oben geschlafen habe, als käuflich und moralisch verkommen. Seit dem verhinderten Attentat auf ihren Ehemann jedoch wird sie groß gefeiert, und das nicht nur, weil der Kurs der Aktie des Murdoch-Unternehmens News Corporation nach der Superwatsche sofort um 5,6 Prozent in die Höhe schnellte.

Blogger erklärten, Wendi sei eine "nü chao ren" - eine Superheldin, die so kämpfe wie Lucy Liu in "Charlies Angels" oder wie ein Tigerweibchen. Die Zeitung Guangzhou Ribao aus Kanton ernannte sie zur "xin nü xing de dai yan ren" - zur typischen "Vertreterin einer neuen Generation chinesischer Frauen". San Xiang Dushi Bao, ein Blatt, das in der Provinz Hunan erscheint, schlug sogar ernsthaft vor, den 19. Juli, also den Tag der heldenhaften Tat, in ganz China zukünftig als "Deng Wendi ri", als Wendi-Deng-Tag zu feiern. Und die Xinwen Chengbao aus Schanghai erklärte ihren Lesern dazu ausführlich die Grundbegriffe einer bisher in China unbekannten Ideologie. Sie nennt sich Wendiismus (Wendi zhu yi) und zeichnet sich durch Mut, Zielstrebigkeit und Selbstvertrauen aus, sowie der Fähigkeit, im richtigen Moment zuschlagen zu können.

Auch ich bin jetzt Wendiist. Das heißt: Ich traue mir jetzt vieles zu, wozu ich früher nicht den Mut gefunden hätte: Ich trinke Bier in Clubheimen der Hells Angels, und zwar mit übergestreifter Bandido-Kutte. Ich gehe von Kopf bis Fuß in eine Burka gekleidet auf Treffen von Sarrazinisten und schächte dort vor aller Augen zwei bis drei niedliche Lämmchen. Oder ich verlange in einer Nazikneipe in der Sächsischen Schweiz nach koscherem Essen: "Aber bitte zubereitet von einem aus Afrika stammenden Koch." Kommt mir dann einer doof, raune ich nur: "Wenn du mir was tust, hole ich meine Frau. Die ist CHI-NE-SIN!" Das reicht in der Regel.

Auch Ihnen kann ich nur dringend empfehlen: Halten Sie sich mit Missfallenskundgebungen zu dieser Kolumne zurück! Viel gesünder wäre es, sie würden diesen Text in ihrem Bekanntenkreis, im Internet oder aber auch in ihrer Rede vor dem deutschen Bundestag über alle Maßen loben oder preisen.

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