Die Montagsreportage: Die Offline-Community

Für viele Menschen spielt sich ein Großteil des Lebens inzwischen auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Xing ab. Daneben gibt es im Internet immer mehr spezialisierte Angebote, die die Nutzer wieder ermutigen, sich im wirklichen Leben zu treffen.

Im Internet gibt es immer mehr spezialisierte Angebote, die zum Knüpfen neuer Kontakte animieren wollen. Bild: dpa

HAMBURG taz | Mit einem fluffigen Plop tropft der Milchschaum in das Latte-Glas. Für Christina Wortmann ist es der zweite Kaffee innerhalb von zwei Wochen, den sie mit einer ihr völlig fremden Person trinkt: Ginge es nach der 27-Jährigen, könnten es ruhig noch mehr werden. „Für mein neues Leben in Hamburg ist es mir wichtig, dass alles neu ist: Neue Stadt, neuer Job, neue Menschen“, sagt die Dortmunderin mit dem Kurzhaarschnitt und der gepiercten Unterlippe.

Seit Anfang April lebt sie in Hamburg, in einer Vierer-WG – und seit Kurzem ist sie auf Niriu.com angemeldet, einem sozialen Netzwerk für Nachbarschaftskontakte in Hamburg. Gut sei, dass viele der Netzwerkmitglieder ebenfalls neu sind in der Stadt: So habe man umso mehr, was man zusammen unternehmen könne.

„Wir wollen die Menschen motivieren, wieder mehr Zeit miteinander im realen Leben zu verbringen“, sagt Babak Ghanadian, einer der zwei Gründer von Niriu. „Das Internet dient dabei nur als Brücke, die es den Menschen leichter macht, sich offline zu treffen.“ Ziel des Netzwerkes sei es, seine Nachbarn besser kennenzulernen. Ob beim gemeinsamen Kochabend, der Radtour am Wochenende oder um ein Buch zu verleihen – wie genau, bleibe jedem Nutzer selbst überlassen.

Seit Ende 2011 ist die Plattform online und hat in Hamburg mehr als 2.000 Mitglieder. Und seit zwei Wochen gibt es Niriu auch in Berlin. Wie gut das Netzwerk funktioniert, hat Christina Wortmann bereits erlebt. Demnächst will sie selbst ein Event planen. „Ich würde gerne regelmäßig ins Kino gehen und ich finde es toll, mit Leuten über Filme zu reden. Das könnte ich stundenlang tun.“

Facebook, Twitter, Xing, MySpace, Linkedin oder Tumblr: Soziale Netzwerke sind in jedem Bereich des alltäglichen Lebens präsent. Die meisten Nutzer hat immer noch Facebook: Im März 2013 etwa besuchten in Deutschland rund 39,2 Millionen Menschen die Plattform. Dass die aktive Nutzung solcher Netzwerke die Teilnahme am realen Leben nicht ausschließt, weiß Hanna Krasnova.

Sie forscht an der Berliner Humboldt-Universität zu Netzwerken und Social Media. „Eine aktive Teilnahme auf Facebook kann auch das soziale Leben offline bereichern“, sagt sie. Facebook aktiv zu nutzen, erzeugt ein Gefühl der sozialen Verbundenheit, das hat Krasnova in einer Studie belegt. Doch könnten der Wunsch nach immer mehr Facebook-Freunden und die Informationsflut den Nutzer überfordern. Ob kleinere Netzwerke eine Lösung sind, kann Krasnova nicht sagen: „Kleine Netzwerke sind nur so lange klein, bis sie große sind.“

Auch wenn im wirklichen Leben die zwischenmenschlichen Kontakte im Vordergrund stünden, gehe es doch nicht ohne das Internet, sagt Niriu-Gründer Ghanadian. Wichtig sei beides: „Um auf dem Laufenden zu bleiben, muss man online sein, um interessante Dinge zu erleben, muss man raus ins echte Leben.“ Neben Netzwerkriesen wie Facebook und Twitter wachsen seit ein paar Jahren Plattformen wie gidsy.com oder stuffle.it.

Wie auch Niriu wollen sie in kleineren Communities die Nutzer enger zusammenbringen. So bietet gidsy Stadtführungen an, die man online bucht und offline erlebt. Und Stuffle, eine Art virtueller Flohmarkt, wirbt mit dem Slogan: „Mit Stuffle wirst du in Nullkommanix deine Sachen los und entdeckst tolle Angebote in deiner Nähe.“

Unter dem Motto „Collect moments not things“ mischt sich seit August 2012 whyownit.com ein. Auch dort ist der Grundgedanke, sich offline zu treffen. Beabsichtigter Nebeneffekt: Man kann auch noch Bücher, Bohrmaschinen oder Backformen untereinander verleihen – und dadurch Geld sparen. Die Idee kam dem Hamburger Gründer Philipp Glöckler, als er bemerkte, dass er einige seiner guten Freunde auf Facebook über Jahre nicht im wahren Leben gesehen hatte.

Zwar wusste er durch ihre Posts und Nachrichten immer, was sie gerade taten oder wo sie gerade waren, aber das fand er zu wenig. „Ich will, dass die Leute sich treffen und austauschen“, sagt Glöckler. „Der gemeinsame Kaffee oder das Abendessen, das ist es, was ich erreichen will.“ Wer bei Whyownit mitmacht, muss Gegenstände hochladen, die er verleihen würde. Jeder Facebook-Freund, der auch auf der Plattform angemeldet ist, hat Zugriff auf diese Objekte. Zur „Übergabe“ müssen beide Seiten sich treffen. „Das Produkt ist mehr oder weniger Mittel zum Zweck“, sagt Glöckler.

Mehr als 10.000 Nutzer zählt das Netzwerk, über 18.000 Gegenstände wurden schon hochgeladen. Neben Gebrauchsgegenständen werden auch Hunde zum Gassigehen verliehen. Gelegentlich würden einige auch ihre Freundin zum Verleih anbieten, erzählt Glöckler. Solche Scherze würden aber schnell gelöscht.

An jedem vierten Donnerstag im Monat veranstaltet der Gründer in Hamburg ein Treffen der Whyownit-Gemeinde. Alice Kruse ist zusammen mit einer Freundin gekommen. Sie habe das Konzept auf Anhieb spannend gefunden, sagt die 30-Jährige mit den langen braunen Haaren. „Ich lade vor allem Bücher und Küchengeräte hoch. Und ich finde es interessant, zu sehen, was meine Freunde anbieten.“

Sie nimmt einen Schluck Weißweinschorle. Es ist 19 Uhr und in dem Ladengeschäft am Rande des Hamburger Schanzenviertels treffen nach und nach immer Whyownit-Nutzer ein. Wer zuvor 20 Leihobjekte hochgeladen hat, bekommt an der Bar ein Bier gratis.

Das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, findet Alice gut. Sieht sie ihre Freunde nun häufiger? Eigentlich nicht, sagt sie. „Aber wir haben vorher nie über Produkte gesprochen, die wir besitzen.“ Mit diesem neuen Wissen schaut sie nun vorher bei Whyownit rein, bevor sie Geld für etwas ausgebe, das sie ebenso gut leihen könnte.

Vor Kurzem stieß sie auf ein Mädchen in München, das Nagellack in allen Farben zum Verleih anbiete. „Ich überlege, ob ich mir nicht mal einen ausleihen soll, wenn ich mal in München bin“, sagt sie. „Ich lerne lieber einen neuen Menschen kennen, bevor ich mir tausend neue Produkte kaufe.“

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