Die Homeschooling-Revolution : Neue Schule jetzt!

Die junge Corona-Generation muss früher als erwartet Eigenverantwortung lernen. Schul- und Bildungspolitik muss das unterstützen.

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Von UDO KNAPP

„Gesundheit oder Bildung – in solchen Gegensätzen zu denken, ist ein häufiges Missverständnis.“

„Ich weiß, dass der Bund für Schulen keine Verantwortung hat, aber wir haben eine Verantwortung für das gesamte Infektionsgeschehen und da können wir nicht so tun, als ob ältere Schüler gar keinen Beitrag dazu leisten.“

Kanzlerin Merkel in ihrer jüngsten Regierungserklärung zur Corona-Pandemie

Diese beiden Sätze der Bundeskanzlerin in der gleichen Rede versuchen die Wirkungen von Corona auf die Schüler, ihre Eltern und die Lehrer zu umschreiben und damit die Richtung anzudeuten, in der Schule jetzt in Teilen auch dauerhaft verändert werden sollte, damit dem selbst zu verantwortenden Erwachsenwerden der Corona-Generation ein neuer Schub verschafft werden kann.

In Berlin sind aktuell etwa 20.000 Schüler in Quarantäne. Das tägliche Hin und Her von Neuinfektionen bei Lehrern und Schülern, immer unübersichtlichere Quarantäne-Fehlzeiten und das, wenn auch eingeschränkte, Festhalten am Präsenzunterricht ohne klare Vorgaben für das Homeschooling oder den Hybridunterricht bestimmen den Schulalltag durch die Politik. Das verunsichert Schüler, Eltern und Lehrer.

In den Schulen gibt es Hygienevorschriften, Masken- und Abstandsregeln, die auch mehr oder weniger eingehalten werden. Vor den Schultoren stehen die Schüler indes, wie eh und je, rauchend, schwatzend und sich herzend, dicht beieinander. S-Bahnen, U-Bahnen und Busse auf den Schulwegen vermitteln den Schülern auch nicht gerade den Eindruck bedrohlicher Infektionsgefahren.

Kinder und Jugendliche spielen im Infektionsgeschehen eine wesentliche Rolle

Es ist mittlerweile wissenschaftlich valide nachgewiesen, dass Kinder und Jugendliche ein wesentlicher Teil des gesamten Infektionsgeschehen sind, auch wenn sie selbst eine Corona-Infektion nur milde spüren sollten. Die Schulen sind einer der vielen Hot Spots des Infektionsgeschehens. Deshalb gehören die Schulen solange geschlossen, bis das Infektionsgeschehen wieder nachverfolgt und kontrolliert werden kann.

Der Unterricht selbst ist im Moment nachvollziehbar angeschlagen. Unter den augenblicklichen Arbeitsbedingungen für Lehrer und Schüler sind die Vorgaben der aktuellen Lehrpläne kaum einzuhalten, die Lernlücken wachsen. Die gewohnte Vorbereitung auf die bevorstehenden Abschlussprüfungen verläuft nicht im üblichen Umfang und in der gewohnten Qualität. Auch das ist für alle Beteiligten beunruhigend. Manche Schüler geraten zunehmend unter Leidensdruck, weil ihnen das Glück und der Spirit der adoleszenten Jahre abhandenkommen. Und sie geraten unter Leistungsdruck, weil der gewohnte Alltag von Lernen und Wachsen nicht gelingt.

Viele Jugendliche müssen in Corona-Zeiten damit klarkommen, dass sie ohne jeden Schonraum gezwungen sind, selbst und allein mit den Folgen von Corona zu Recht zu kommen. Sie spüren sehr genau, dass die Folgen von Corona unter demokratischen Lebensbedingungen nicht mit fertigen Konzepten bekämpft werden können. Sie spüren, dass gerade jetzt ein plausibles Trial and Error der Politik zwingend ist, gekoppelt mit eigenem Grundvertrauen in gesellschaftlichen Lebensverhältnisse, um die Pandemie nicht nur zu überleben, sondern aus ihr Funken für ihre Zukunft zu schlagen. Denn auch das sickert jetzt in ein Schülerleben ein: Ein einfaches Zurück in das Leben vor Corona wird es nicht geben.

Homeschooling ist eine machbare Alternative

Aber soll man die Schulen wirklich schließen, wo es valide Argumente dagegen gibt?

Anders als in früheren Pandemien, bräuchte zumindest die Bildung und die Erziehung unter einer solchen Schließung nicht zu leiden. Die Durch-Digitalisierung der ganzen Gesellschaft bietet mit Homeschooling eine machbare Alternative. Die technischen Voraussetzungen dafür sind zwar noch immer nicht umfassend hergestellt, aber daran wird intensiv gearbeitet. Der Digitalpakt wirkt. Etwa 50 Prozent der Berliner Schulen sind schon heute von den Cloud basierten Lernräumen über die Tablets bis hin zu eigens von ihren Lehrern erstellten Lernmaterialien immer besser für das digitale Lehren und Lernen aufgestellt.

Wenn die Lehrer nicht gezwungen wären, im ewig unsicheren Hin und Her von Präsenz und Homeschooling und eigener Verunsicherung wegen möglicher Ansteckung in den Schulen herum zu lavieren, könnten sie ihre ganze pädagogischen Phantasie in den digitalen Unterricht investieren. Lehrer, die sich auf das Abenteuer Digitales Lernen im Homeschooling eingelassen haben, berichten erstaunt, dass sie gelegentlich sogar mit den schwächeren Schülern intensivere Arbeitszusammenhänge herstellen konnten als zuvor, sodass es eben nicht nur auf die Stärkung derer raus laufen muss, die das selbständige Lernen ohnehin drauf haben (oder entsprechende Eltern). Die Schüler könnten in dieser neuen Lernform zudem die Erfahrung machen, dass sie der Pandemie nicht einfach ausgeliefert sind. Sie können in der Krise um sie herum erleben, dass sie durch eigene Anstrengung dazu beitragen können, Corona gestärkt zu überstehen.

Es braucht eine zuverlässige bildungspolitische Vorgabe

Allerdings braucht es für den Erfolg einer solchen Corona-Bildungsstrategie eine zuverlässige bildungspolitische Vorgabe. Die könnte in einer vollständigen Autonomie der Lehrer-Kollegien bestehen, das Wie und Wann des Homeschoolings entsprechend ihrer konkreten Situation selbst zu bestimmen und so zu organisieren, dass die Schüler diese Angebote auch annehmen können. Zugleich müssten die Inhalte der Abschlussprüfungen so an das tatsächlich erarbeitete Wissen angepasst werden, dass sie für die Schüler sehr wohl leistungsbezogen, aber ohne Corona-Nachteile bewältigt werden können. Auch die Unterstützung der Eltern, die wegen Homeschooling nicht oder nur eingeschränkt arbeiten können, müsste noch einmal verlängert werden. Aber wirklich gebraucht werden die Eltern beim Homeschooling nicht.

Politik und Eltern fürchten sich vor dem flächendeckenden Homeschooling wohl auch deshalb, weil sie ihren Kindern schlicht nicht zutrauen, dass die sich eigenverantwortlich auf diese deutlich selbstbestimmtere Form des Lernens einlassen werden. Sie unterschätzen das Wissen und den Willen ihrer Kinder auch selbst einen wichtigen Beitrag dazu zu leisten, dass alle gemeinsam gestärkt durch die Pandemie kommen. Die Nachrichten aus mehreren Berliner Schulen, dass Schüler der oberen Klassen für ein komplettes Homeschooling streiken wollen, belegt ihre Lebens- und Lernlust.

Viele Erwachsene geben sich möglicherweise immer noch der Hoffnung hin, alles komme wieder an seinen lange gewohnten Platz. Aber für die Corona-Generation ist ein Zurück zur Vor-Corona-Zeit der Erwachsenen und deren Regime keine Option. Die Jungen wachsen schon jetzt und viel früher als erwartet in die Rolle hinein, allein für die Gestaltung der Zukunft zuständig zu sein. Das hat die Kanzlerin offensichtlich begriffen. Ihr Ärger über die föderalistisch argumentierenden, aber in der Corona-Schulpolitik eher populistisch wurschtelnden Ministerpräsidenten ist berechtigt.

UDO KNAPP ist Politologe und taz FUTURZWEI-Kolumnist.