"Der Fall der Götter" in Hamburg: Von Abhängigkeit und Gier

Stephan Kimmig inszeniert am Deutschen Schauspielhaus Hamburg "Der Fall der Götter" frei nach Luchino Visconti. Markus John spielt drei Oberhäupter einer Industriellenfamilie.

Markus John im "Fall der Götter". Bild: Sebastian Hoppe

Die Körper der beiden Frauen zucken in einem Trommelwirbel, der auch nach Maschinengewehr klingt. Sie tragen Netzstrümpfe, Knieschoner und schwarze T-Shirts mit einem Goebbels-Fotoaufdruck. Erklettern Stühle, die sich auf der Bühne des Schauspielhauses Hamburg türmen, räkeln sich frivol in einer Badewanne, in der sie mit rhythmischen Schlägen einen ohrenbetäubenden Lärm erzeugen. Und dann sind sie blitzschnell die Dienerinnen, die ihrem Dienstherrn das Wasser einlassen und ungerührt stumm bleiben angesichts der sich anbahnenden Ereignisse bei den von Essenbeck.

"Der Fall der Götter" spielt im Hause der Großindustriellen von Essenbeck, deren Oberhaupt aus wirtschaftlichen Überlegungen mit den Nazis kollaboriert. Repression, sexuelle Fantasien, Gewalt bis zum Totschlag dringen ins Gefüge der Familie, die wie ihr Personal aus wendigen Figuren besteht. Die Identitäten sind alles andere als sicher. Es reicht ein Pelzmantel, um sich von der rebellischen Nichte in die machtlüsterne Mutter zu verwandeln.

Einer der Schauspieler, Markus John, gibt alle drei Familienoberhaupt-Rollen, den altehrwürdigen Patriarch, seinen Mörder Friedrich und den pervers veranlagten Alleinerbe Martin. Ein Kniff, der zeigen soll, das ein und dieselbe Person je nach Interessenlage zu unterschiedlichen Entscheidungen fähig ist. Das allerdings, ohne die Erzählstruktur von Viscontis Filmvorlage aus den Augen zu verlieren. Keine leichte Sache, die sich Regisseur Stephan Kimmig vorgenommen hat.

Als Vorlage dient "Der Fall der Götter", die Bühnen-Bearbeitung der niederländischen Theatergruppe ZT Hollandia von Viscontis Film "Die Verdammten". Dialoge mischen sich mit reflektierenden Erzählpassagen, die Identität der Figuren verändert sich geschmeidig. Die Idee, Musiker mit auf die Bühne zu holen liegt nahe, um ein weiteres Ausdrucksmittel zu gewinnen.

Stephan Kimmigs Gabe ist es, noch in der realistischsten Bühnenoptik in tieferliegende zwischenmenschliche Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse vorzudringen. Vor sechs Jahren inszenierte er mit Thomas Manns "Buddenbrooks" einen ähnlichen Stoff, in dem die Unterordnung der Privat- hinter die Firmeninteressen ein subtiles Bild menschlicher Verwerfung freisetzte. Solch ein Psychogramm gelingt an diesem Abend jedoch nicht.

Das liegt zum einem an der offenen Situation mit fast leerer Bühne, auf der das Spiel bis auf wenige Szenen hölzern gerät. Requisiten wie Pelzmäntel und SA-Uniformen halten den Stoff lähmend eng an der Nazizeit. Und dass die Handlung im Grunde eng am Film verläuft, hat seinen Preis. Zu oft ist es die reine Erzählung, die die Figuren ihre Identität switchen lässt statt der Zwänge und inneren Triebe, denen sie erliegen. Von der Eigendynamik, die sich bei Visconti in Gang setzt, ist das meilenweit entfernt.

Zu guter letzt schlägt "Der Fall der Götter" auch aus dem offen gelegten Rollenspiel kaum Gewinn. Ein paar schöne Szenen werden abgetrotzt. Markus John erschießt sich selbst, führt sich den Zeigefinger in quälend langsamer Zeitlupe an die Stirn und gratuliert sich dann als sein eigener Nachfolger. Welche Kettenreaktion die wirtschaftlichen Interessen zusammen mit politischer Repression und unterbewussten Affekte entfalten, danach sucht man leider vergeblich.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de