Debatte Wirtschaftskrise: Die Abwärtsspirale

Das aktuelle Desaster zeigt: Betten wir den Markt nicht wieder in soziale und ökologische Zusammenhänge ein, dann ist der nächste Wirtschaftscrash vorprogrammiert

Feministische Stimmen sind merkwürdig verhalten in den Debatten über Kapitalismus und Krise. Dabei ist es hochnotwendig, Kapitalismuskritik und das Nachdenken über Wege aus der Krise aus der Perspektive feministischer Ökonomie zu verknüpfen.

Denn diese Debatten trennen nicht nur künstlich den Finanzmarkt von der Realwirtschaft. Sie wiederholen auch die von unserer kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaft vollzogene Abspaltung der Marktökonomie von der sozialen und natürlichen Reproduktion. So beklagen sie zwar das durch Deregulierung aus der Kontrolle geratene Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit. Doch die grundlegende Hierarchie zwischen Erwerbsarbeit und unbezahlter, überwiegend von Frauen geleisteter Sorgearbeit bleibt ausgeblendet. Finanzmarkt und Realwirtschaft gelten weiterhin als wertschöpfend, Kinderbetreuung oder der Wasserkreislauf der Natur hingegen nicht.

Zwar ist der Industrie- und Finanzkapitalismus aus den sozialen und ökologischen Zusammenhängen "entbettet", wie Karl Polanyi sagt. Gleichzeitig aber kann Wertschöpfung nur auf Grundlage eines Polsters von sozialer Regeneration, von Sorgearbeit und sozialer Sicherungsnetze einerseits und der regenerativen Kräfte der Natur andererseits funktionieren. Diese sozialen und natürlichen Leistungen eignet sich der kapitalistische Verwertungsprozess ständig an. Und bezahlt sie schlecht oder gar nicht - siehe die Altenpflege.

Mehr noch: Die Logik von Wachstum und Profit - das eherne Gesetz kapitalistischer Märkte - funktioniert nur aufgrund eines doppelten Mechanismus: Zum einen werden neue Märkte und Ressourcen erschlossen (etwa Finanzmärkte, Schwellenländer) und neue Methoden des Profitmachens erfunden (etwa Manipulation und Patentierung genetischer Ressourcen). Die andere Seite der Medaille ist Kostensenkung und dazu gehört, dass soziale und ökologische Kosten immer weiter aus den Märkten ausgeschlossen und den Individuen und sozialen Zusammenhänge aufgebürdet werden. Je neoliberaler die Politik ausfällt, desto weniger werden diese Prozesse reguliert.

Zur Analyse der aktuellen Situation lohnt es, zurück auf die Asienkrise von 1997/98 zu blicken. Wie Ökonominnen zeigen konnten, beruhte eine der Wachstumsstrategien im Globalisierungsboom darauf, Frauen und MigrantInnen zu integrieren, meist am unteren Ende der transnationalen Wertschöpfungsketten. In den Tigerstaaten waren die jungen Frauen in den Weltmarktfabriken ein Vorteil, der ausländische Investoren und Aufträge für billige Massenware anzog. Gleichzeitig kam es infolge der Migration in die Metropolen zu einer transnationalen Neuverteilung von Sorgearbeit: Mittelständische Frauen überließen das Putzen und das Windeln Migrantinnen, die mit ihren Devisenüberweisungen den Staatshaushalt und die privaten Haushaltskassen daheim auffüllten.

In der Asienkrise fand dann nichts weniger als ein "Download" der Risiken in die Küchen statt, wie die Ökonomin Diane Elson es formulierte. Während Rettungspakete kranke Banken und Konzerne reanimierten, wurden schon damals die Kosten des Crashs durch Währungsverfall, Entlassungen und Lohnsenkung in die Privathaushalte verschoben. Unbezahlte Mehrarbeit im Haushalt und in den lokalen Gemeinschaften, zwei bis drei Minijobs oder aber die Migration - das waren die individuellen Abfederungsstrategien der Prekarisierten, Ausgegrenzten, Subalternen, vor allem der Frauen, um die Löcher im Portemonnaie zu kompensieren. Allein in Indonesien verarmten rund 40 Millionen Menschen. Soziale Spaltungen der Gesellschaften nahmen massiv zu, Abholzung und Ressourcenraubbau ebenfalls.

Der Politik waren die sozialen Air-Bag-Leistungen der Frauen hochwillkommen. Die südkoreanische Regierung rief die Frauen explizit zur sozialen Reproduktion auf: Sie mögen bitte die entlassenen Männer "reenergetisieren", um so die Konjunktur wieder anzukurbeln. Und ein Freihandelsabkommen zwischen Japan und den Philippinen öffnete den Markt für "Unterhaltungskünstlerinnen" - sprich für den Nachschub für die Prostitution.

Als Reaktion auf die Krise formierten sich von der südkoreanischen "Gewerkschaft" erwerbsloser Frauen bis zum Volksparlament der Armen in Thailand heftige Proteste gegen die Liberalisierung der Märkte, die agrarische Exportpolitik, den ressourcenfressenden Wachstumskurs. Sie forderten eine Demokratisierung von Wirtschaft, Arbeitsteilung und Wohlstandsverteilung.

Derweil verkündeten Regierungen und internationale Finanzinstitutionen damals, ihre Lektionen gelernt zu haben: Es müsse Transparenz der Finanzmärkte hergestellt, eine neue internationale Finanzarchitektur und soziale Auffangnetze geschaffen werden. Nur wenig davon geschah. Heute trifft die Wirtschaftskrise dieselben Länder erneut wie ein Nackenschlag. Doch die EU-Kommission treibt die Spirale von Liberalisierung und Deregulierung weiter und preist den Asean-Ländern und Indien neue Freihandelsabkommen als besten Weg aus der Krise an. Das Ziel ist klar: EU-Konzernen, allen voran Finanzdienstleistern und Großhändlern wie der Metro sollen neue Märkte und Verwertungschancen eröffnet werden.

Ob in den USA oder in Deutschland, der Staat agiert derzeit jeweils zuallererst als Rettungsstaat, um die Funktions- und Konkurrenzfähigkeit der nationalen Ökonomien zu erhalten. Er verschenkt Milliarden an die Brandstifter, Zockerbanken und Überproduktionsindustrien, nachdem er jahrelang mit dem Sparargument die Daseinsvorsorge gekürzt und mit seiner Fiskal- und Deregulierungspolitik gesellschaftlichen Reichtum zugunsten des Kapitals umverteilt hat. Jetzt verteilt er Verluste und Risiken von oben nach unten. Die Schulden, die er jetzt macht, müssen von den SteuerzahlerInnen beglichen werden. Ein weiterer Sozialabbau ist damit vorprogrammiert. Gerettet werden diejenigen, die für die Krise verantwortlich sind. Dabei ist es absehbar, dass die Banken und die Autoindustrie, wenn sie so weiterwirtschaften wie bisher, nicht zu retten sind.

Dabei verpflichtet der Staat sich erneut der kapitalistischen Logik von Wachstum. Die geht davon aus, dass allein Finanzmarkt und Realwirtschaft Wert schaffen können. Konjunktur- und Kaufkraftspritzen sollen Wachstum und Konsum ankurbeln und Jobs sichern. Das mag kurzfristig lindern, zementiert aber langfristig den Widersinn, dass ständige Produktivitäts- und Wachstumssteigerung immer neue Krisen auslösen und soziale Probleme wie auch Umweltzerstörung verschärfen. Da der Kapitalismus nicht nur eine Produktionsweise, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis und eine Hegemonie in den Köpfen ist, muss, wenn mit seiner Funktionslogik gebrochen werden soll, auch der Kapitalismus im Bewusstsein geknackt werden. Es gilt die Verknüpfung Wachstum - Job - Konsum und die Trennung von Produktion und Reproduktion zu überwinden. Umverteilung und Umbewertung von Produktions- wie Reproduktionsarbeit sind eine tragende Säule für demokratische und solidarischere Wirtschaftsregeln, die der Versorgung und Reproduktion von Gesellschaft und Natur den Vorrang vor Wirtschaftswachstum und Profitmaximierung geben.

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